Stuttgart 21 Auf den Fildern verebbt die Wutbürger-Welle

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Vor einer Woche begann die Anhörung zur Feststellung der Bahnpläne für Stuttgart 21 im Filderbereich. Projektgegner und Bahnvertreter stehen sich unversöhnlich gegenüber, pflegen aber einen zivilen Umgang. Die meisten Zuhörerplätze blieben leer.

Nur  ein Bruchteil der    Sitzplätze im Kongresszentrum ist belegt Foto: Christian Hass
Nur ein Bruchteil der Sitzplätze im Kongresszentrum ist belegt Foto: Christian Hass

Stuttgart - Die mit grauen Betonplatten belegte Verkehrsfläche vor dem Kongresszentrum trägt den recht großspurig klingenden Namen „Messepiazza“. Doch die Vorstellung eines von Geschäften gesäumten und mit Straßencafés belebten Kernpunkts einer pulsierenden Metropole führt auf den Fildern in die Irre. Wer indiesen Tagen aus einem gähnend leeren Parkhaus ans Tageslicht steigt, steht auf einem menschenleeren Platz, auf dem einige Flaggen im Wind knattern.

Ohne das Hinweisschild „Erörterungstermin“ würden wohl die wenigsten Be-sucher auf Anhieb den Weg in die Halle C1 finden. Und viele sind es auch nicht, die sich in die fensterlose Halle verirren. „Wir sind über die schwache Resonanz total überrascht“, sagte Verhandlungsleiter Michael Trippen. Er hatte mehr erwartet.

Für gut 1000 interessierte Zuhörer hatte das Stuttgarter Regierungspräsidium im Kongresszentrum bestuhlen lassen. Doch besetzt war schon zum Auftakt am Montag nur jeder zehnte Platz. Und obwohl es über 5500 schriftliche Einwendungen gegen Fildertrasse, Flughafen-Fernbahnhof und die Anbindung der Gäubahn gibt, hielt sich das Interesse in Grenzen. Die aus dem Talkessel bekannten „Lügenpack“-Sprechchöre blieben auf der Messe aus, bis auf ein einsames Protestplakat sparten sich Projektgegner ihre Transparente.

Die Landwirte beklagen weiteren Flächenfraß

Die aus der Hochzeit des Widerstands gegen S 21 bekannte Wutbürger-Welle scheint es nicht auf die Filder geschafft zu haben – obwohl die Menschen entlang der geplanten Strecke mindestens ebenso von Lärm und Erschütterungen betroffen sind, obwohl es beim Brandschutz und beim Ökoausgleich aus Sicht der S-21-Kritiker mehr als genug offene Fragen gibt und obwohl die Landwirte mit Blick auf den drohenden Verlust wertvoller Ackerflächen einmal mehr die Faust in der Tasche ballen.

Auf die Stimmung in der Messehalle wirkt es sich durchaus aus, dass statt tausend nur ein paar Dutzend Zuhörer mit Beifall oder Buhrufen reagieren. Von einem aufgeheizten Klima kann bei der Erörterung trotz aller Brisanz keine Rede sein. Nur selten kochen die Emotionen hoch, die Verhandlung zur Fildertrasse läuft in einer bemerkenswert sachlichen Atmosphäre ab.

„Vielleicht lässt sich die bescheidene Zahl von wirklich anwesenden Einwendern als Kompliment an die Stadt Leinfelden-Echterdingen verstehen. Die Bürger fühlen sich offenbar gut vertreten“, hat Trippens Kollegin Gertrud Bühler in einem launigen Moment gemutmaßt.

Die Bahn-Planer sind nur bedingt auskunftswillig

Das heißt nicht, dass sich Projektplaner und Kritiker nicht unversöhnlich gegenüberstehen würden. Nach wie vor wird verbissen um jedes Detail gerungen, nach wie vor sehen die Gegner selbst im kleinsten Übertragungsfehler einen Beweis für ein nicht genehmigungsreifes Vorhaben. Und nach wie vor braucht es meist mehrfache kritische Nachfragen, bis sich die oft in der Personalstärke eines Handballteams antretenden Bahn-Planer eine Antwort entlocken lassen, die nicht im intern vorgesehenen Drehbuch für den Ablauf der Erörterung steht.

Längst kennen sich Bahn und Gegner – und wissen, was bei der verbalen Schlacht um gutachterliche Aussagen, den Wert von Rechentabellen, gesetzliche Vorgaben und angeblich falsch aufgefasste Richtlinien auf sie zukommt. Durch die seit Jahren lau­fende Debatte über den Tiefbahnhof im Talkessel, die Mineralwasserquellen und das Tunnelbaurisiko haben sich viele der bei der Erörterung zum Mikrofon greifenden S-21-Kritiker längst selbst einen Expertenstatus erarbeitet. Vielleicht ist deshalb der Frust, gegen die Macht der Projektplaner letztlich wohl doch nichts ausrichten zu können, mitunter mit Händen zu greifen. „Herr Kirchberg, wenn ich das erste Mal bei so einer Sache dabei wäre, würde ich Ihnen sogar glauben“, hat ein Projektgegner dem Rechtsanwalt der Bahn neulich zugerufen, als es um den Flächenverbrauch für die Fildertrasse ging. Und auch der Satz, mit dem ein Kritiker seine Wortmeldung zur bautechnisch angeblich nicht besonders komplizierten Geologie begründete, lässt tief blicken: „Vielleicht blättert beim Eisenbahn-Bundesamt ja doch mal einer in den Unterlagen, deshalb möchte ich das halt zu Protokoll bringen.“

Land und Kontrollbehörde machen sich rar

Dass sich kein Vertreter der Kontrollbehörde in der Messehalle blicken lässt, hat Frank Distel von der Schutzgemeinschaft Filder schon zum Auftakt gerügt. Auch das Verkehrsministerium hat keinen Beobachter entsandt, von der Stadt Stuttgart war im Gegensatz zur Kommune Leinfelden-Echterdingen bisher nichts zu hören. Auch deshalb liegt bei vielen Projektgegnern der Verdacht nahe, dass es bei der Erörterung nur darum geht, den Schein einer ergebnisoffenen Diskussion zu wahren. „Wir alle wissen, dass hier im Saal absurdes Theater gespielt wird“, hat Wolfgang Kuebart von den Ingenieuren 22 jüngst rezitiert.

Der Vorwurf, dass auch über die Fildertrasse von Stuttgart 21 längst entschieden ist, war übrigens auch eine der wenigen Situationen, bei denen die Verhandlungs-leitung aus der sonst sehr souveränen Rolle fiel. „Wir bereiten uns nicht monatelang vor, nur um zu hören, dass die Erörterung eine Show sein soll“, wies Gertrud Bühler die Kritik energisch zurück.

Die Gegner werden das Regierungs-präsidium daran messen – und kritisch beäugen, mit welchem Fazit die Empfehlung an das Eisenbahn-Bundesamt schließt.