Stuttgart 21 Bonatzerben fordern Bahn heraus

Von Thomas Braun 

Ein Urheberrechtsprozess über den Umbau des Hauptbahnhofs könnte sowohl für die Bahn als auch für die Kläger ein böses Ende nehmen.

Stadtbildprägend seit Jahrzehnten: der nach den Plänen von Paul Bonatz erbaute Stuttgarter Hauptbahnhof – die Aufnahme entstand im Jahr 1933. Foto: picture-alliance
Stadtbildprägend seit Jahrzehnten: der nach den Plänen von Paul Bonatz erbaute Stuttgarter Hauptbahnhof – die Aufnahme entstand im Jahr 1933. Foto: picture-alliance
Stuttgart - Die Bahn sieht ein Risiko für die rasche Realisierung von Stuttgart 21: Es geht um die von den Erben des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz angekündigte Klage wegen Verletzung des Urheberrechts. Wie berichtet, war Bahn-Chef Rüdiger Grube bei der Vorstellung der Projektkosten in Rage geraten, als er auf das Prozessrisiko angesprochen worden war. Weitere Verzögerungen, so Grube erregt, werde er nicht akzeptieren. Zugleich drohte er den Klägern um den Bonatzenkel Peter Dübbers damit, dann ihnen gegenüber entsprechende Schadenersatzansprüche geltend zu machen.

Das kann die Bahn freilich nur dann, wenn Dübbers den Urheberrechtsprozess verliert. Doch bis zu einem Urteil ist es in der Regel ein weiter Weg - vorausgesetzt, Dübbers Ankündigung hätte Erfolg, im Wege einer einstweiligen Verfügung Klage gegen den geplanten Abriss der Seitenflügel einzureichen. Sollte dem stattgegeben werden, hätte dies aufschiebende Wirkung, ohne dass damit ein Urteil in der Hauptsache vorweggenommen würde; die Bahn könnte also die Abrissbirne erst dann auffahren lassen, wenn klar ist, ob der Wegfall der Flügel des Bonatzbaus einen Verstoß gegen das Urheberrecht darstellt. Ein solcher Gerichtsentscheid könnte einschließlich möglicher Berufungs- und Revisionsverfahren die Bauarbeiten für den neuen Tiefbahnhof um Jahre verzögern.

Parallelen zum Fall des Berliner Bahnhofs


In der Vergangenheit hat die Bahn schon negative Erfahrungen mit Urheberrechtsverfahren machen müssen. In schlechter Erinnerung ist dem Konzernvorstand vor allem jener Prozess, den der Architekt des Berliner Hauptbahnhofs, Meinhard von Gerkan, 2005 gegen die DB angestrengt hatte. Im konkreten Fall ging es dabei um die Decke für die unterirdischen Bahnsteige: Diese war vom Architekten als gewölbeähnliche Konstruktion vorgesehen. Stattdessen ließ die Bahn ohne Einbeziehung von Gerkans aus Kostengründen eine gewöhnliche Flachdecke einbauen.

Von Gerkan sah darin einen Verstoß gegen das Urheberrecht und zog vor das Berliner Landgericht. Im November 2006 erging das Urteil: Die Kammer wertete die von der Bahn eigenmächtig vorgenommenen Änderungen als tiefgreifende Verfälschung des architektonischen Entwurfs, die das Urheberrecht von Gerkans verletze.

Die Bahn verzichtete auf eine mögliche Revision und einigte sich stattdessen Anfang 2008 mit dem Architekten auf einen Vergleich. Laut "Immobilienzeitung" zahlte die Bahn damals sechs Millionen Euro in eine Stiftung des Architekten, noch einmal die gleiche Summe soll an das Büro Gerkan, Marg und Partner geflossen sein.

Bonatzenkel Peter Dübbers hat freilich in diversen Gesprächen mit der Bahn bereits deutlich gemacht, dass es ihm nicht darum geht, eine möglichst hohe Entschädigungssumme zu erzielen. Der Sprecher der Erben kämpft vielmehr für den Erhalt der Gesamtkonzeption des zwischen 1914 und 1928 errichteten denkmalgeschützten Bauwerks, wie er gegenüber der StZ im Sommer 2009 erklärte. Dass dies "technisch denkbar, aber nicht praktikabel" ist, hatte das Anhörungsverfahren zum neuen Durchgangsbahnhof ergeben.

Lässt sich Dübbers von der Drohkulisse abschrecken?


Besonders empört hat Dübbers die Formulierung des Düsseldorfer Tiefbahnhofsarchitekten Christoph Ingenhoven, die Flügel des Bonatzbaus seien lediglich eine Seitenverkleidung für die Gleisanlagen und bei deren Wegfall mithin ebenfalls verzichtbar. Dies sei eine "entwürdigende Diffamierung", so Dübbers damals. Die Bahn freilich hofft, dass sich der 70-Jährige doch noch von der Drohkulisse abschrecken lässt, die Grube aufgebaut hat.

Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung will der Konzern Dübbers' Argumentation unter Rückgriff auf dessen Einwendungen während des Planfeststellungsverfahrens in den Jahren 2002 und 2003 zerpflücken. Der Bonatzenkel habe demnach die generelle Konzeption des von Ingenhoven konzipierten unterirdischen Durchgangsbahnhofs nie infrage gestellt, die den Abriss der Seitenflügel des Bonatzbaus beinhaltet. Im Gegenteil, er habe dies sogar als "schmerzliche" Notwendigkeit akzeptiert und stattdessen angeregt, andere Details des Bahnhofstorsos zu erhalten.

Während der öffentlichen Erörterung des Bauabschnitts 1.1 (Hauptbahnhof) hatte Dübbers freilich keinen Hehl daraus gemacht, dass die Neuplanung nichts mehr mit dem Entwurf seines Großvaters zu tun habe. Zitat aus dem Protokoll der Erörterungsverhandlung: "Der Begriff Bonatzbahnhof ist so, wie es die Neuplanung vorsieht, einfach falsch. Ich habe die Flügelbauten jetzt nicht erwähnt und auch nicht meine Anregungen vorgebracht, wie man zum Beispiel gerade die monumentale Fassade abschwächen könnte, wenn denn das Vorhaben verwirklicht wird. Das ist in meinen Einwendungen alles festgehalten."

Zuständig für Urheberrechtsprozesse sind die Landgerichte. Theoretisch hätten die Bonatzerben auch die Möglichkeit, in Berlin gegen die Bahn zu klagen; die Hauptstadt ist Sitz der DB-Konzernzentrale. Dübbers Anwalt, der Kölner Jurist Rainer Jacobs, will freilich in diesem Jahr vor das Stuttgarter Landgericht ziehen - falls die Bahn nicht noch einlenkt.