Noch ist Ludwig Weitz unerkannt in Stuttgart unterwegs. Doch das ist bald vorbei: Als Moderator des Filderdialogs wird sich sein Gesicht einprägen. Er hat große Pläne.

Lokales: Holger Gayer (hog)

Stuttgart - Wenn Ludwig Weitz in diesen Tagen in Stuttgart unterwegs ist, erinnert er an einen Mann, der seine Verabredung sucht. Im Kunstmuseum am Schlossplatz sitzt er an diesem schwülen Frühlingstag und wartet auf eine Frau, die bald eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen könnte, obwohl er sie noch nie gesehen hat. „Ich führe jetzt die ersten Gespräche“, sagt er dann – und weiß, dass zumindest seine Zeit in der schwäbischen Anonymität bald beendet sein wird. Keine Frage, dieses Gesicht wird sich einprägen: Ludwig Weitz ist der Moderator des Filderdialogs zu Stuttgart 21.

Die unbekannte Dame, die er treffen will, heißt Ingrid Grischtschenko; sie ist Regionalrätin, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen und eine der Erwählten, die bald am Weitz-Experiment in Stuttgart teilnehmen sollen. Sie und weitere 13 Personen umfasst der Kreis der Pioniere, die mit dem Konfliktlöser aus Bonn die Voraussetzungen dafür schaffen sollen, dass bald sogar 150 Bürger darüber debattieren, wie der Filderflughafen am Besten mit dem Tiefbahnhof im Talkessel, der Neubaustrecke nach Ulm und der Gäubahn in Richtung Zürich verbunden wird.

Die „Spurgruppe“ bereitet den Filderdialog vor

„Spurgruppe“ nennt Weitz die Vorbereitungsrunde, die nach Ostern damit beginnen soll, dem Hauptakt das Feld zu bereiten. Angehören werden ihr je ein Vertreter der S-21-Projektpartner Bahn, Land, Stadt Stuttgart und Verband Region Stuttgart. Dazu kommen vier Vertreter der Anrainerkommunen auf den Fildern und sogar sechs Vertreter von örtlichen Aktionsgruppen; das sind zwei mehr als ursprünglich gedacht. Dabei ist die Besetzung der Bürgerorganisationen im Filderdialog so spannungsgeladen wie der gesamte Konflikt; die Gruppe reicht von der CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Ilona Koch bis zum Chef der Schutzgemeinschaft Filder, Steffen Siegel. Und manche warten immer noch auf einen Anruf des Mediators. Vergeblich bisher.

Dass sich die Auserwählten nicht unbedingt grün sind, ist Ludwig Weitz bewusst. „Mediation ist konfliktbeladen“, sagt der 51-Jährige, „am Anfang denkt man immer, dass die Positionen unvereinbar sind.“ Deswegen will er schon die Vorbereitung des Filderdialogs, der im Mai und Juni in der Filderhalle in Leinfelden stattfinden wird, zu einer demokratischen Angelegenheit machen. Die „Spurgruppe“ soll das Prozedere für das spätere Verfahren festlegen, die Termine koordinieren, entscheiden, wer zu den Hauptsitzungen eingeladen wird und welche Optionen geprüft werden. Weitz rechnet mit drei bis fünf Varianten, „die wir einem Faktencheck unterziehen werden“.

Der Filderdialog soll kein Aufguss der Geißler-Schlichtung sein

Allerdings müsse man sich verabschieden vom Bild, das allenthalben mit der Geißler-Schlichtung verbunden werde: „Wir werden nicht an einem großen runden Tisch sitzen, sondern an vielen kleineren. Und ich werde nicht an einem Podium Platz nehmen, sondern mitten im Raum stehen.“ Auf diese Weise will Weitz einen Prozess in Gang bringen, den er „Großgruppenmediation“ nennt. Ganz bewusst sollen dazu nicht nur die Experten unter den Bürgern eingeladen werden, sondern zur Hälfte auch vollkommen unbeteiligte Personen, die – quasi blind aus dem Telefonbuch – zufällig ausgewählt werden. „Ich weiß, dass ich damit auch Widerspruch hervorrufe“, sagt Weitz, „aber es ist wichtig, dass auch der unbelastete Bürger zu Wort kommt.“ Und die „Zumutung, dass man komplizierte Dinge einfach erklären muss“, tue manchen auch ganz gut.

Der Moderator betont seine Neutralität

Zwischendurch will Weitz die Streithähne sogar zur gemeinsamen Gruppenarbeit bewegen. Dann sollen gemischt besetzte Mannschaften zum Beispiel einzelne Trassen bewerten und ihr Ergebnis danach im Plenum vorstellen. „Jeder hat seinen Anteil daran, dass die Veranstaltung kein Placebo wird“, sagt der Mediator, dessen Honorar von den Projektpartnern bezahlt wird. „Es liegt in der Natur, dass so ein Prozess auch etwas kostet“, sagt Weitz. Trotzdem sei er neutral: „Und ich haben keinen Auftrag, ein bestimmtes Ergebnis abliefern zu müssen.“