Stuttgart 21 Der andere Stresstest

Am 29. März hat die Bahn einen Bau- und Vergabestopp für Stuttgart 21 verkündet. Am Donnerstag endet der Burgfrieden.  Foto: dapd 3 Bilder
Am 29. März hat die Bahn einen Bau- und Vergabestopp für Stuttgart 21 verkündet. Am Donnerstag endet der Burgfrieden. Foto: dapd

Stuttgart 21 lehnt  Winfried Hermann kompromisslos ab. Setzt er sich durch, bleibt nicht nur ein Projekt auf der Strecke.

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Stuttgart - Am Aichelberg gibt es ein beschauliches Dorf mit einem Bürgermeister, der ein gebügeltes Hemd trägt und tiefe Falten in der Stirn. Seit zehn Jahren ist Martin Eisele hier droben Schultes und eigentlich hat der Mann nichts zu klagen. Seine 1300 Untertanen leben in friedlicher Koexistenz mit ihrer Umwelt und sogar mit der 1936 erbauten Autobahn, welche den grünn Flecken grau umgrenzt.

An das tägliche Rauschen der Betonpiste haben sich die braven Albträufler längst gewöhnt und wohl auch an den Gedanken, dass parallel zur Autobahn eine ICE-Strecke gebaut wird, die seit 1999 bereits amtlich genehmigt ist, jedenfalls im Bauabschnitt 2.1c vor den Toren der Gemeinde. Die Schnellbahntrasse gibt es nicht nur in feinen Plänen, sondern für die Aichelberger auch in gegossenem Beton. Seit dem vorigen Jahr wird 300 Meter vom Ortsrand entfernt an einer Brücke gebaut, über die eines Tages windschnittige Züge brettern sollen.

Martin Eisele, 52, steht vor der Baustelle und fährt sich durch sein graues Haar. "Hoffentlich wird diese Brücke jetzt keine gigantische Bauruine", sagt er, während ein Betonmischer vorfährt. Die Neubaustrecke ist hier seit Monaten mit Händen zu greifen, derweil in Stuttgart der neue Verkehrsminister Winfried Hermann öffentlich ihr Ende herbeiredet. Eisele zuckt mit den Schultern. "Die Welt ist verrückt geworden", sagt der Schultes.

Die Bahn habe ihr Lager auf Wunsch der Gemeinde weg vom Ort verlegt und auch den Bau der Eisenbahnbrücke vorgezogen, über die im ersten Schritt hunderte Lastwagen den Bauschutt abkarren sollen. Ohne dieses Tragwerk hätten sie die Landesstraße nach Weilheim queren müssen, wo täglich 14.000 Autos unterwegs sind. Der Baufortschritt kann sich sehen lassen, meint der Schultes. Es geht voran.

"Der teuerste Aussichtsturm aller Zeiten"

Plötzlich hält ein alter Mercedes neben der Baustelle mit ungewisser Zukunft. Erich Schöllkopf, Schafzüchter aus dem Ort, hat den Rathauschef entdeckt und sofort gebremst. Es gibt Besprechungsbedarf für den 49-jährigen Landwirt. Sein Hof war der neuen Bahntrasse im Weg, und jetzt hat der Landwirt nach langen Verhandlungen mit der Bahn ganz in der Nähe einen neuen gebaut. Er hätte sich das gerne erspart.

"Wird das jetzt der teuerste Aussichtsturm aller Zeiten?", fragt der Bauer vor der ICE-Brücke seinen Bürgermeister. Seit das Musterland Grün trägt, ist nichts mehr unmöglich droben in Aichelberg und anderswo. Im Juli will Schöllkopf umziehen. "Vielleicht habe ich das alles umsonst gemacht", sagt er gallig. Wenn es nach dem neuen Verkehrsminister geht, auf dem die Hoffnungen der Projektgegner ruhen, gibt es vielleicht keine neuen Gleise, denen ein alter Schafshof im Weg wäre. Bauer Schöllkopf kann das alles nicht verstehen. "Wir müssen nach vorne denken, nicht zurück."

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