Bislang hatte man sich in Leinfelden-Echterdingen bei den Stellungnahmen zu S 21 vor allem mit Lärm-, Erschütterungs- und Brandschutz beschäftigt. Mit dem Schreiben an das Regierungspräsidium, das diese Woche vom Technischen Ausschuss einstimmig beschlossen wurde und am kommenden Dienstag auf der Tagesordnung des Gemeinderats steht, lehnt die Kommune das Konzept vor ihrer Haustür wegen fehlender Zukunftsfähigkeit ab. „Ich war“, begründet Baubürgermeisterin Eva Noller die harsche Kritik an den Planungen, „über das Ausmaß der schlechten Betriebsqualität überrascht“.
Eberhard Hohnecker, den die Kommune als Experten hinzugezogen hat, kritisierte im Ausschuss, dass im Planabschnitt 1.3b – der Gäubahn – mit anderen Zugzahlen als in den benachbarten Abschnitten gearbeitet werde. 16 statt neun Züge pro Tag und Richtung seien es im Fernverkehr, 46 statt 39 im Regionalverkehr. „Die Frage ist: Wo bleiben die Züge?“, wundert er sich. Und das ist nach seiner Ansicht nur ein Fehler unter vielen in der Methodik.
Eine Haltezeit von 30 Sekunden reiche den Fahrgästen nie und nimmer
Denn die von der Eisenbahnbetriebsordnung vorgesehene Wendezeit an der Station würde mit fünf Minuten unter der Mindestvorschrift liegen. Auch die in den Planunterlagen unterstellte Haltezeit von 30 Sekunden entspreche nicht der Zeit, die die Fahrgäste tatsächlich zum Ein- und Aussteigen benötigen würden. Diese sei bei den Fernzügen sogar viermal länger und würde selbst im S-Bahnverkehr nicht reichen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Im Moment geht die Bahn von einer flexiblen Nutzung der Gleise am Flughafenterminal aus und betrachtet trotz der Niveauunterschiede die Station als einen einzigen Bahnhof. „Das funktioniert nicht, wenn der geplante Deutschlandtakt kommt, man muss von drei Bahnhöfen ausgehen“, erklärt der Gutachter und führt „enorm hohe Gehzeiten“ an, um von Zug zu Zug zu kommen. Das mache den Zeitgewinn bei der Fahrt von oder nach Stuttgart zunichte. Schwerwiegend ist der Vorwurf, dass beim Betriebskonzept der Bahn keinerlei Zukunftsoptionen für die S-Bahn untersucht worden seien. „Selbst die regionalpolitisch beschlossene stufenweise Einführung des 15-Minuten-Takts und die daraus resultierenden Veränderungen der S 2 wurden nicht berücksichtigt“, heißt es in der Stellungnahme. „Die erreichte Qualitätsstufe ist unzureichend“, so das Urteil des Experten. Und hinter vorgehaltener Hand werde darüber gesprochen, dass die S 3 zukünftig nicht mehr bis zum Flughafen, sondern nur bis Vaihingen fahren werde, ergänzte Noller. Das würde im Takt zwar keine Verschlechterung bringen, wohl aber Pendler treffen, die sich an die direkte Verbindung Richtung Backnang gewöhnt hätten.
Die Stadt fordert, dass die Bahn umplant
Die Stadt fordert daher, dass die Planung so verändert wird, dass ein zukunftsfähiges Betriebskonzept ohne den Aufbau von Verspätungen gewährleistet ist. Bauliche Veränderungen im Bereich Rohrer Kurve und an der Station Terminal mit dem dritten Gleis – für Noller eine Lösung der Politik und nicht der Ingenieure – seien unerlässlich. „Stuttgart 21 würde auf Kosten der Filder-S-Bahn realisiert“, moniert die Stadt in ihrer Stellungnahme. Um das zu verhindern, stellt Hohnecker die gesamte derzeitige Planung infrage.
Er kritisiert aber nicht nur, sondern schlägt auch Lösungsmöglichkeiten vor. Dazu gehört ein niveaugleiches drittes Gleis von der Rohrer Kurve bis hinter den Bahnhof Oberaichen, um die hohe Zahl der Züge zu bewältigen. Am Flughafen rät er sogar zu einem vierten Gleis. Und das müsste zusammen mit dem dritten Gleis dann womöglich seitlich unter das Niveau der S-Bahngleise verlegt werden, da der Platz daneben nicht ausreicht.
Bringt die Kritik überhaupt etwas?
Hohnecker glaubt mit der Stellungnahme nicht an einen rechtlichen Erfolg. „Ich sehe die Vorschläge eher im politischen Raum.“ Und Noller hofft auf eine erneute Umplanung, auch wenn das eine weitere Zeitverzögerung mit sich brächte. Am Flughafenbahnhof hält sie aber fest.
Noller kritisierte am Rande nicht nur das Betriebskonzept der Bahn und die daraus resultierenden Pläne, sondern die gesamte Situation. „Die große Schwierigkeit auf den Fildern ist, dass für jede Verkehrsart jemand anderes zuständig ist“, so die Erste Bürgermeisterin. Zudem würden die Beteiligten nicht so viel miteinander reden, „weder Region noch die Bahn haben im Vorfeld mit uns sprechen wollen“, sagt Noller. „Ich glaube bald, dass wir eine Organisation brauchen, die Planung, Ausführung und Betrieb übernimmt.“