Stuttgart 21 Drinnen, draußen - dafür, dagegen

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Die Bahn setzt den Baustart für Stuttgart 21 kühl in Szene. Aber das Volk zürnt. Protokoll eines ungewöhnlichen Tags im Hauptbahnhof.

OB Schuster, Ministerpräsident Öttinger und Bahnchef Grube besiegeln mit einem Handschlag den Baustart für Stuttgart 21. Foto: Zweygarth 2 Bilder
OB Schuster, Ministerpräsident Öttinger und Bahnchef Grube besiegeln mit einem Handschlag den Baustart für Stuttgart 21. Foto: Zweygarth
Stuttgart - Im Niemandsland der Gleise, die wie Nervenstränge vom Hauptbahnhof wegführen, harkt ein Mann in orangeroter Weste den tiefgefrorenen Boden. Acht Bauarbeiter stehen im Grau des Morgens mitten im öden Gleisvorfeld des Bahnhofs, wo Stadtgeschichte geschrieben werden soll. Noch fünf Stunden bis zum Empfang, bis zum offiziellen Baustart für Stuttgart 21. Fünf Stunden nach 16 Jahren der Diskussionen.

Am Prellbock 049 bereiten die Bauarbeiter den Boden für den Verkehrsminister, für den Bahn-Chef, für die Politiker. Ein Gerüst wird aufgebaut und eine Kamera montiert. Zwei Arbeiter, deren Gesichter blau sind von der Kälte, treiben Spitzhacke und Schaufel in die Erde. Es soll der große Bahnhof werden, die Deutsche Bahn will nichts dem Zufall überlassen. Schon morgens um kurz vor acht, als die Berufspendler eilig durch die zugige Haupthalle laufen, sind die ersten Absperrbänder vor der kleinen Schalterhalle aufgestellt.

Zwei Sicherheitsmitarbeiter stehen bereit, noch bewachen sie graue Rednerpulte, an denen niemand steht und die so neu sind, dass Plastikfolie an ihnen klebt. Die Bahn hat geladen, sie will ein Zeichen setzen: Stuttgart 21 kommt, weiterer Widerstand zwecklos. Dazu braucht es Bilder, die sich in den Köpfen der Menschen einbrennen. Bilder wie jenes vom Knopfdruck am Prellbock 049, der bei den Bauarbeiten als erster versetzt wird.

Großes Aufgebot neben der Bahnhofsmission


Er steht rund 300 Meter vom Kopfbahnhof entfernt zwischen den Gleisen vier und fünf. Am anderen Ende dieser Gleise sitzt Lotte Schneider. Sie leitet die Stuttgarter Bahnhofsmission, sie blickt aus dem Fenster im Obergeschoss und sieht an diesem Morgen, wie Polizisten Absperrgitter aufbauen, wie Bahnmitarbeiter mit ihren Funkgeräten herumlaufen. Ihre Gäste kennen kein Scheinwerferlicht, sie schlafen mitunter auf der Straße. In der Nacht ist wieder ein fast 70-jähriger Obdachloser gekommen. "Wir versuchen ihm einen Weg zu zeigen, wie er wieder eine feste Wohnung bekommt", erzählt Lotte Schneider.

Sie sitzt an einem kleinen Holztisch, nebenan steht ein Stockbett, in dem Frauen und Kinder, die am Bahnhof stranden, die Nacht verbringen können. Lotte Schneider kennt sich aus mit Menschen, die in ihrem Leben die Orientierung verloren haben. Und sie befürchtet, dass durch die Bauarbeiten der Bahnhof ein Ort werden könnte, an dem sich mehr Menschen verlieren.

"Mir erzählen jetzt schon viele Ältere, dass sie wegen Stuttgart 21 nicht mehr zum Bahnhof kommen wollen, weil sich hier alles ändert." Lotte Schneider atmet durch, sie will nichts Falsches sagen, aber wenn sie an Stuttgart 21 denkt, dann denkt sie an Blinde, die sie zum Zug begleitet. Sie denkt daran, dass die Bahnhofsmission mehr neue Rollstühle anschaffen sollte, weil in Zukunft die Wege für die Fahrgäste noch länger werden und immer mehr Ältere den Weg zu Fuß nicht mehr schaffen werden.

Noch zwei Stunden bis zur Feierstunde. Lotte Schneider schließt die Bahnhofsmission ab, die inzwischen von Absperrgittern umkreist ist. Für vier Stunden wird die Anlaufstelle ausquartiert. Vor der kleinen Schalterhalle stehen inzwischen Trauben von Polizisten und Bahnmitarbeitern, auch der Kiosk nebenan schließt, der Nordausgang des Bahnhofs wird zum Nadelöhr. Vor der Landesbank sind Polizeibusse vorgefahren, und vor der Schalterhalle herrscht große Verwirrung: "Gibt es den Ausgang heute nicht mehr?", fragt eine Frau die Sicherheitsmitarbeiter. "Wann fangt ihr mit dem Spektakel an?" will ein Mann mit Coffee-to-go-Becher wissen.

Der Brennpunkt im Bauch des Bahnhofs


Noch anderthalb Stunden. Die Bahn will Geschichte schreiben, will mit dem Tiefbahnhof vorwärts in eine Zukunft, von der die Kritiker mit beißendem Spott sagen, sie sei unterirdisch. Ein gewaltiges Banner hängt mitten in der Haupthalle, es zeigt eine Gruppe von Menschen, die mit Meterstab, Plänen und Kelle hemdsärmelig bereitstehen und nur darauf zu warten scheinen, dass es endlich losgeht. Die Farben der Befürworter des Projekts sind weiß und rot, ihr Slogan heißt "das neue Herz Europas". Bei vielen Stuttgartern schlägt das Herz jedoch in einem anderen Takt: Ihre Farbe ist ein giftiges Grün, das auch auf den Buttons zu sehen ist, die sie bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 tragen. Ihr Motto, auch an diesem Tag: "Oben bleiben."

In der Schalterhalle werden die grauen Pulte in Position geschoben. Gleich kommen die Redner, gleich wird erklärt, wie sich die Holzmodelle von Stuttgart 21, die in der Ausstellung im Turmforum zu sehen sind, in echte Gebäude verwandeln sollen. Gleich wird ein virtueller ICE in der Computeranimation in 28 Minuten von Ulm nach Stuttgart rasen. Doch neben allen Ankündigungen vom Neuen spuckt der alte Bahnhof auch Alltagsgeschichten aus. Geschichten, wie sie Achim Ruff täglich erlebt. Der Oberkommissar des Polizeipostens in der Klettpassage sitzt über den Protokollen der vorigen Nacht. Er erzählt vom Brennpunkt im Bauch des Bahnhofs, von den Obdachlosen, den Punkern und den Säufern, mit denen er und seine Kollegen zu tun haben.

Der Bahnhof steht nie still, und nachts kommt es öfter vor, dass junge Männer, die eine Odyssee hinter sich haben, die Klingel am Posten drücken. Von Schleusern wurden sie per Schiff übers Mittelmeer, mit Lastwagen dann über Land gebracht, mit dem Zug weiter hinein ins gelobte Land, das für manche von ihnen am Stuttgarter Hauptbahnhof beginnt. "Die meisten kommen aus Tunesien, Algerien und Marokko. Sie erzählen, dass sie noch minderjährig sind, und stellen einen Asylantrag." Ruff kennt die Nummer des Dolmetschers, der arabisch spricht. Er führt Telefonate mit der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt, die den Jugendlichen einen Betreuer für seinen Start ins neue Leben zur Seite stellt. Wie und wo die Reise für sie endet, ist höchst ungewiss.

Draußen lärmen die Gegner


Aber wie die Zukunft des Bahnhofs aussehen soll, steht schon fest, es ist am Nachmittag zu besichtigen. In der Schalterhalle treffen sich 400 geladene Gäste. Alle sind gekommen: der Bahn-Chef Grube, der Ministerpräsident Oettinger, der Bundesverkehrsminister Ramsauer und der Oberbürgermeister Schuster. Letzterer tastet sich vorsichtig durch seine Rede, als lauere in jeder Formulierung eine Gefahr. Doch es wird viel geklatscht, man klopft einander auf die Schultern, man lächelt. Die Rede ist von einem "Jahrhundertprojekt". Auch von der Versöhnung mit den Gegnern.

Doch nicht an diesem Tag. Am Hauptbahnhof schwillt ohrenbetäubender Lärm an. Ein Konzert aus Trillerpfeifen, Ratschen und Tröten begleitet den gesamten Empfang. Vor dem Nordausgang des Bahnhofs, der mittlerweile abgeriegelt ist, demonstrieren die Gegner. Sie lassen das "Luftschloss Stuttgart 21", das aus Ballons besteht und den Oberbürgermeister hinter Gittern zeigt, platzen. Dieser 2. Februar 2010 ist für den Bahnhof eben doch kein Tag wie jeder andere. In der Schalterhalle prostet man sich zu, vor den Türen macht sich der Volkszorn Luft: "Lügenpack, Lügenpack!" Drinnen und draußen, dafür und dagegen - ein Riss geht durch die Stadt. Die Kampfzone liegt zwischen den Gleisen.

Dann müssen der Verkehrsminister Ramsauer und der Bahnchef Grube hinaus zum Prellbock 049. Sie laufen durch ein Spalier von Demonstranten, Wut schlägt ihnen entgegen, 150 Polizisten schirmen sie ab. Sie laufen nebeneinander, plaudernd geht es zum symbolischen Knopfdruck. Der Lärm des Protestes wird von den Dächern über den Gleisen zurückgeworfen. Beide, der Politiker und der Mann von der Bahn, schauen nur geradeaus.