Stuttgart - An Stuttgart 21 wird seit bald zehn Jahren gebaut, das Ende – von der Bahn derzeit auf 2025 anvisiert – ist weiterhin offen. Die Projektidee selbst ist mehr als ein Vierteljahrhundert alt. Die Grünen, stets vehemente Kritiker des Vorhabens, besetzen seit knapp neun Jahren im Land und seit etwas mehr als sieben Jahren in der Stadt mit zwei der Ihren die Machtpositionen. Trotz dieser langen Zeit tun sich die überzeugten Projektgegner von einst immer noch schwer im Umgang mit dem für falsch gehaltenen Vorhaben. Die zurückliegenden Tage geben ein beredtes Zeugnis von der Zwickmühle, in der sich die Partei des Ministerpräsidenten und des Oberbürgermeisters von Stuttgart befindet.
Kretschmann besichtigt zum ersten Mal die Baustelle
Am entspanntesten scheint da noch Landesvater Winfried Kretschmann. Vor gut einer Woche war seine Anwesenheit am Hauptbahnhof gefragt. Zusammen mit Bahninfrastrukturvorstand Ronald Pofalla taufte der Ministerpräsident vor den Augen der interessierten Öffentlichkeit einen ICE, der fortan den Namen „Baden-Württemberg“ in die Weiten des deutschen Schienennetzes trägt. Im Anschluss daran, nun aber ohne Öffentlichkeit, wagte sich Kretschmann in Begleitung von Pofalla auf für ihn neues Terrain.
Etwas mehr als acht Jahre nachdem die Grünen bei einer Volksabstimmung zur Kenntnis nehmen mussten, dass ihre Haltung zu Stuttgart 21 im Land nicht mehrheitsfähig ist, schaute sich der Ministerpräsident erstmals auf der Baustelle des Milliardenvorhabens um. Seine Frau Gerlinde hatte da längst einen Informationsvorsprung. Sie war am anderen Ende der Neubaustrecke Tunnelpatin für zwei mittlerweile fertiggestellte Röhren, durch die in gut drei Jahren die ersten Züge den Ulmer Hauptbahnhof erreichen sollen. In Stuttgart wird es mit der Jungfernfahrt hingegen noch etwas länger dauern.
Gleichwohl konstatierte Kretschmann bei seinem Rundgang durch die Grube im Mittleren Schlossgarten, dass der „Baufortschritt des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm“ deutlich zu sehen zu sehen sei. „Das betrifft gerade auch die Kelchstützen der Dachkonstruktion für den künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Ingenieurinnen und Ingenieure leisten hier eine eindrucksvolle Arbeit.“ So notierte es die Berliner Pressestelle der Bahn. Warum Kretschmann ausgerechnet jetzt den Drang verspürte, die Angelegenheit vor Ort in Augenschein zu nehmen, blieb offen. Medien waren zu dem Ortstermin nicht geladen.
Nur wenige Tage später stellte der Regierungschef aber bei einem ursprünglich fast ebenso umstrittenen Vorhaben unter Beweis, dass er sich einen kühlen Blick für Realitäten erhalten hat. Den Neujahrsempfang der Landesmesse auf den Fildern nutzte Kretschmann nicht nur dazu, den scheidenden Messe-Chef Ulrich Kromer über den Schellenkönig zu loben, sondern gab zu erkennen, dass seine einst ablehnende Haltung zur Ansiedlung der Messe auf besten Filderböden mittlerweile der Erkenntnis gewichen sei, dass der Schritt nicht ganz verkehrt war.
Ministerium verärgert Kritiker
Während also der Ministerpräsident mit seinem Besuch der Bahnhofsbaustelle vorsichtige Signale der Entspannung aussendete, schaffte es das Haus seines Parteifreundes und Verkehrsministers Winfried Hermann, die verbliebene Kritikergemeinde gegen sich aufzubringen. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 lud zur Diskussion über die Leistungsfähigkeit der neuen Infrastruktur, die in Kritikerkreisen als nicht ausreichend bewertet wird. Den Standpunkt des Landes sollte in der Diskussion Gerd Hickmann verdeutlichen, Leiter der Abteilung Öffentlicher Verkehr im Ministerium. Wenige Tage vor der Veranstaltung aber zog Hermanns rechte Hand, Ministerialdirektor Uwe Lahl die Zusage zurück und damit den Zorn des Aktionsbündnisses auf sich. Der Vorgang erreichte gar die Villa Reitzenstein, weil sich das Aktionsbündnis in seiner Verärgerung an Ministerpräsident Winfried Kretschmann wendete. Es blieb aber bei der Absage. Man befinde sich noch in Gesprächen über womöglich benötigte Ergänzungen zu Stuttgart 21 und habe sich in dieser Angelegenheit zu Stillschweigen verpflichtet, so die Argumentation des Verkehrsministeriums.
Stuttgart 21 - interaktive Timeline
In unserer interaktiven Timeline beleuchten wir die Geschichte des "Jahrhundertprojekts" Stuttgart 21 - von der Idee 1988 bis heute.
Zur Timeline
Mitteilsamer in Sachen Leistungsfähigkeit ist da ein anderer Grüner. Der aus Filderstadt stammende Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher seiner Fraktion, erklärte zwei Tage nach dem Rückzieher des Landesverkehrsministeriums, mit S 21 „droht ein neuer Bahnknoten zu entstehen, der zwar viele Milliarden Euro kostet, aber – wenn überhaupt – nur wenige Jahre dem tatsächlichen Bedarf entspricht“. Daher müsse, so Gastel, „der im Bau befindliche Tiefbahnhof um zusätzliche Kopfbahngleise ergänzt werden. Diese können so errichtet werden, dass sie durch Tieflage die Überbaubarkeit des Gleisvorfeldes nur geringfügig beeinträchtigen.“ Ein Vorschlag, den der Filderstädter nicht zum ersten Mal vorträgt. Allerdings hat er sich damit in der Vergangenheit schon deutlichen Widerspruch des Stuttgarter Baubürgermeisters Peter Pätzold eingehandelt, der lieber heute als morgen mit dem Städtebau auf den Gleisflächen beginnen würde. Pätzold ist Mitglied der Grünen.