Stuttgart - Wie leistungsfähig wird der neue Bahnknoten sein? Kann er den angestrebten Mehrverkehr auf der Schiene abwickeln? Oder braucht es weiterhin Kopfbahnhofgleise, die nach jüngsten Ideen von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) unter die Erde verlegt werden sollen? Antworten auf diese Fragen erhofft man sich im Rathaus von einer Diskussion im für Stuttgart 21 zuständigen Ausschuss, der das nächste Mal am 16. Juli tagt. Bahn und Land sind dazu eingeladen worden. Die Erwartungshaltung von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) ist klar. „Der Bundesverkehrsminister und die Bahn proklamieren neuerdings die Verdoppelung der Bahnreisenden bis 2030. Sie sind erneut in der Pflicht zu belegen, dass der Stuttgarter Bahnhof nach Fertigstellung diese Ziele verwirklichen kann. Das muss für die S-Bahn, den Regionalverkehr und den Fernverkehr gelten.“
Halbstundentakt auf den Hauptachsen
Im Bundesverkehrsministerium arbeitet man derzeit an einem neuen, besser aufeinander abgestimmten Fahrplan, dem Deutschland-Takt. Anfang Mai legten die Gutachter einen weiteren Entwurf vor, der einen Arbeitsstand abbildet und in dem unter anderem „Halbstundentakte und ausgewählte zusätzliche Linien auf Hauptachsen“ angekündigt werden. Die in dem Papier dargestellte Karte zeigt in diesem Zusammenhang für Baden-Württemberg die Strecken Mannheim-Basel und Mannheim-Ulm.
Die Überlegungen zum Deutschland-Takt basieren auf dem Zielfahrplan für das Jahr 2030. Nach jetzigem Stand wäre das fünf Jahre nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 und acht Jahre, nachdem erste Züge die neue Strecke zwischen Wendlingen und Ulm befahren haben. Daher arbeitet man bei der Bahn an einem Fahrplan für diese beiden Projekte, der von 2025 an gelten soll. Bis Anfang nächsten Jahres soll dieses Konzept – bei dem ebenfalls ein Halbstundentakt im Fernverkehr unterstellt wird – stehen, an dem neben der Bahn unter anderem auch das Land, die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg und der Verband Region Stuttgart tüfteln. Externen Sachverstand steuert die Schweizer Beratungsfirma SMA bei. Das Unternehmen arbeitet auch am Deutschland-Taktentwurf mit und ist in Stuttgart spätestens seit dem Stresstest zu Stuttgart 21 einem breiteren Publikum ein Begriff.
Zweifel an den Umsteigezeiten
Aus dem Umfeld der Arbeitsgruppe verlautet, die bisherigen Untersuchungen hätten ergeben, dass der Bahnknoten nicht nur den anvisierten Halbstundentakt bewältigen könne, sondern dass bei den Kapazitäten noch weitere Luft nach oben sei. Dabei noch nicht berücksichtigt seien die Verbesserungen, die sich die Bahn durch den erst vor Kurzem beschlossenen Einbau digitaler Leittechnik verspricht. Bahnexperten weisen zudem darauf hin, dass die im Raum stehenden überlangen Umsteigezeiten, die sich durch S 21 etwa auf den Verbindungen von Mannheim nach Tübingen oder von Tübingen Richtung Karlsruhe, deutlich unter den behaupteten Werten von knapp einer halben Stunde lägen – nämlich bei fünf und sechs Minuten.
Die Frage, wie leistungsfähig der Bahnhof in Stuttgart wird, ist für das Rathaus auch aus städtebaulicher Sicht entscheidend. Bräuchte es weiterhin Kopfbahnhofgleise, würden Teile des geplanten Rosensteinviertels infrage gestellt. Man dürfe nicht vergessen, „dass das Projekt S 21 nicht nur ein Verkehrsprojekt, sondern auch ein Städtebauprojekt ist.“