Feuerwehr und Bahn wollen die Sicherheit in den Stuttgart-21-Tunneln verbessern. Von 16 Punkten auf der Mängelliste sind 14 allerdings noch immer offen – einige von ihnen sind von zentraler Bedeutung.

Stuttgart - Bis zum 14. Juni lief die Stellenausschreibung der Stuttgarter Branddirektion, in der ein Experte mit ganz spezifischem Arbeitsgebiet gesucht wurde: ein Projektleiter für Stuttgart 21, der für die Sicherheit während der Bauphase und vor allem beim späteren Betrieb des neuen Tiefbahnhofs und der Tunnelröhren sorgen soll. Um solch eine Koordinierungsstelle bemühe sich die Feuerwehr schon lange, sagt der Amtsleiter und Stadtdirektor Frank Knödler. Es seien ausreichend qualifizierte Bewerbungen eingegangen.

Gesucht wurde dabei eine „dynamische, verantwortungsfreudige und menschlich überzeugende Persönlichkeit mit Führungsqualitäten und Verhandlungsgeschick“, das bei den anstehenden Aufgaben offenbar nötig ist. So hat die Stuttgarter Feuerwehr bereits vor geraumer Zeit einen 16-Punkte-Katalog aufgestellt, in dem sie gegenüber der Bahn klarmacht, an welchen Stellen aus ihrer Sicht in puncto Sicherheit noch nachgebessert werden muss. 14 Punkte davon sind laut Knödler noch offen, wobei nach längerer Auszeit nun ein „guter Dialog mit der Bahn begonnen hat“, sagt der Stuttgarter Feuerwehrchef.

Das liegt vor allem auch daran, dass die Bahn als Bauherrin von Stuttgart 21 zwischenzeitlich einen zentralen Koordinator und Projektverantwortlichen eingesetzt hat, der sich um die von der Feuerwehr bemängelten Sicherheitsaspekte kümmern soll – nicht nur in Stuttgart, sondern im gesamten Bereich des Schienenprojekts einschließlich der Neubaustrecke nach Ulm. „Die Bahn hat sich bereit erklärt, die einzelnen Punkte zu prüfen“, erklärt auch der Stuttgart-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich. „Wir gehen davon aus, dass wir in allen relevanten Punkten Einvernehmen erringen werden.“ Zum Stand der Verhandlungen könne er allerdings nichts Konkretes sagen. „Wir haben uns darauf verständigt, keine Zwischenstände rauszugeben“, so Dietrich.

Experten lehnen Trockenleitungen ab

Diskutiert werden müssen dabei aus Sicht der Stuttgarter Feuerwehr vor allem fünf wesentliche Punkte. Knödler: „Die übrigen Anliegen sind uns auch wichtig, aber nicht von zentraler Bedeutung für die Sicherheit.“ Nicht zu akzeptieren sind für die Brandschutzexperten allen voran die so genannten Trockenleitungen, die von der Deutschen Bahn aus Kostengründen in sämtlichen Tunnelröhren verlegt werden sollen und auch in den Planfeststellungen so beantragt und genehmigt wurden. „Wir brauchen sofort Wasser am Strahlrohr, wenn in einem Tunnel etwas passiert ist“, betont Knödler. Wenn vor dem Löschen die Leitungen zunächst einmal eine Dreiviertelstunde befüllt werden müssten, verliere man bei der Rettungsmaßnahme viel zu viel kostbare Zeit. Dennoch sehe die Bahn bis jetzt keine Möglichkeit, ihr Konzept zu ändern, so Knödler. „Wir werden von unserer Forderung aber nicht abrücken.“

Streit um das Evakuierungskonzept

Von zentraler Bedeutung für die Sicherheit der Bahnpassagiere sei darüber hinaus, dass die zum Tunnel quer liegenden Fluchtstollen bei den Ausgängen ausreichend groß dimensioniert seien und zudem rauchfrei gehalten werden müssten. Dazu müsse über spezielle Belüftungssysteme zusätzlich Luft in die Stollen geblasen werden, so Knödler.

Außerdem sei es aus Sicht der Branddirektion zwingend erforderlich, dass in den Tunnelröhren selbst eine maschinelle Be- und Entlüftungsanlage installiert werde – allein schon für den Fall, dass die Feuerwehr mit schwerem Gerät in den Tunnel fahren muss. Die Bahn wolle in diesem Punkt ihr bisheriges Konzept aus Kostengründen zurückfahren und stattdessen auf eine sogenannte „natürliche Bewetterung“ vertrauen, also auf eine Belüftungsanlage verzichten. „Wir haben der Bahn dringend nahegelegt, zunächst mit einem Fachgutachten den Nachweis zu erbringen, dass die Methode hier überhaupt funktionieren kann“, so Knödler.

Gemeinsame Suche nach Lösungen

Auf der Dringlichkeitsliste steht zudem das Evakuierungskonzept für den neuen Tiefbahnhof, das der Stuttgarter Feuerwehr bis jetzt nicht vorliegt. Es müsse nachvollziehbar gemacht werden, wie der Bahnhof evakuiert werden kann, wenn etwa ein brennender Zug einfährt, betont Frank Knödler. Höchst kritisch gesehen wird außerdem das Vorhaben, dass unter dem Rosensteinpark entgegen der sonstigen Philosophie der Bahn die beiden Einzelröhren auf dem letzten Kilometer zu einem zweigleisigen Tunnel zusammengeführt werden. „Das halten wir nicht für klug“, betont Knödler.

Zumindest müsse in solch einem Fall eine automatische Abtrennung der Röhren eingebaut werden, um Rauch abzuhalten zu können, was aber nach den neuesten Plänen nicht mehr vorgesehen sei. Grundsätzlich sei man froh, dass nun gemeinsam nach Lösungen gesucht werde, so Knödler. „Wir werden unsere Position aber mit Nachdruck vertreten und uns auf keine riskanten Kompromisse einlassen.“

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