Stuttgart 21 Grubes merkwürdiges Angebot

Von Thomas Braun und Jörg Nauke 

Der Bahn-Chef widerspricht seinem Sprecher: Er kann sich vorstellen, mit dem Abbruch des Südflügels zu warten.  

Schon der Abriss des Nordflügels vor einem Jahr hat die Gemüter erhitzt. Foto: Steinert
Schon der Abriss des Nordflügels vor einem Jahr hat die Gemüter erhitzt. Foto: Steinert

Stuttgart - Erst vor wenigen Tagen hatten der neue Stuttgart-21-Projektleiter Stefan Penn und der Pressesprecher Wolfgang Dietrich keinen Zweifel daran gelassen, dass der Südflügel des Hauptbahnhofs in diesem Jahr komplett abgeräumt werden müsse. Der Druck auf die für Stuttgart 21 verantwortliche DB Projektbau ist groß. Der erste Prellbock war mit drei Monaten Verspätung versetzt worden, mittlerweile hinkt die Bahn laut Dietrich dem Zeitplan um rund neun Monate hinterher, Projektbeteiligte sprechen von mindestens einem Jahr.

Nun ist das forsche Duo überraschend von Bahn-Chef Rüdiger Grube überstimmt worden: Gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" deutete er an, mit dem Abbruch warten zu wollen, bis die Volksabstimmung über das Projekt stattgefunden hat. Vorgesehen ist dafür der 27. November. Die Voraussetzung sei aber, dass der Bahn keine rechtlichen und finanziellen Nachteile entstünden und das Projekt nicht weiter verzögert werde. Dies müsse Ministerpräsident Winfried Kretschmann "verbindlich zusichern", so der Bahn-Chef. Er wolle "ja niemanden unnötig provozieren und schon gar nicht eskalieren."

Kretschmann reagierte erfreut

Dagegen hatte der Sprecher Wolfgang Dietrich noch Mitte August die geplante Volksabstimmung als "Phantom" bezeichnet und gesagt, es sei nicht garantiert, dass diese im Herbst überhaupt stattfinde. In der Tat ist derzeit noch offen, ob die CDU/FDP-Opposition im Landtag womöglich gegen das Ausstiegsgesetz klagt, das die Voraussetzung für eine Volksabstimmung schaffen soll.

Der Regierungschef Winfried Kretschmann, der die Bahn zuvor mehrfach davor gewarnt hatte, vor einer Volksabstimmung unumkehrbare Fakten zu schaffen, reagierte erfreut auf das Angebot. Eine Sprecherin des Staatsministeriums erklärte: "Der Ministerpräsident begrüßt die Gesprächsbereitschaft von Herrn Grube. Die Landesregierung wird zeitnah mit dem Bahn-Vorstand zu Gesprächen zusammenkommen." Ein Termin werde derzeit abgestimmt. Insbesondere die Bedingung, dass der Bahn finanziell und rechtlich keine Nachteile entstehen dürfen, werde derzeit geprüft.

Näher an den Fakten ist in diesem Fall das Verkehrsministerium: Der Minister und Stuttgart-21-Gegner Winfried Hermann (Grüne) erklärte, der Südflügel müsse ohnehin noch nicht abgerissen werden. Es gebe deshalb keinen Anlass, Bedingungen zu akzeptieren. Im Ministerium verweist man auf den bahninternen Bauzeitenplan von 2008, der auch der StZ vorliegt. Darin ist auf den Tag genau aufgelistet, wann welche Arbeiten stattfinden sollen. Wäre man nicht bis zu einem Jahr hinterher, wäre am 20. Februar nächsten Jahres der Abrissbagger angerückt, um ein Zehntel des Südflügels zu entfernen. Diese etwa 25 Meter breite Schneise dient der Anbindung an den rund 120 Meter in Richtung Bad Cannstatt verlegten Querbahnsteig und einer Baulogistikstraße, die parallel zu dem Trogbauwerk für den Tiefbahnhof verläuft. Für die Baugrube sollte ein weiterer Südflügelteil erst Ende 2013 fallen. Der große Rest des langen Gebäudes sollte von Dezember 2019 an geschleift werden.

Wie die Arbeiten vertaktet sind und in welchem Stadium es sinnvoll ist, den Südflügel anzutasten, hat die Bahn auch in der Schlichtungsverhandlung dargestellt: Vor dem Teilabriss sind die Gleisvorfeldarbeiten zu erledigen, die Bahnsteige zu verlängern, der Querbahnsteig in Betrieb zu nehmen, die Zugangsbrücken über die Baugrube zu spannen und das Grundwassermanagement einzurichten.

Für die Abrissarbeiten hat die Bahn ein Unternehmen gefunden. Das Projektbüro teilte gestern Abend mit: "Bezüglich des für den Projektfortschritt notwendigen Abrisses des Südflügels hat es ein nationales Vergabeverfahren gegeben. Im Juni wurde dafür ein mittelständisches Unternehmen aus Baden-Württemberg beauftragt." Dietrich erklärte den Bauzeitenplan auf StZ-Anfrage für "längst überholt". Durch die Ereignisse seit der Landtagswahl im März sei die Bahn im Verzug, den es aufzuholen gelte. Gleichwohl hält auch er nach Grubes jüngsten Äußerungen einen Handel mit der Landesregierung für möglich: "Das Land wird von der Bahn sicher ein ganzes Bündel von Punkten erhalten, das erörtert werden muss."