Stuttgart 21 In Berlin prallen die S-21-Positionen aufeinander

Im Verkehrsausschuss des Bundestages sollte über eine Umstiegsidee beim Umbau des Stuttgarter Bahnknotens diskutiert werden. Zur Sprache kam aber auch die Historie von Stuttgart 21. Die Projektkritiker zeigten sich hinterher ernüchtert.

Der Bau des Schienenknotens Stuttgart 21 erhitzt weiter die Gemüter. Foto: Lg/Kovalenko
Der Bau des Schienenknotens Stuttgart 21 erhitzt weiter die Gemüter. Foto: Lg/Kovalenko

Stuttgart - Die Diskussion über Stuttgart 21 ist wieder auf die bundespolitische Tagesordnung zurückgekehrt. Auf Antrag der Linken sollte der Verkehrsausschuss des Bundestags über „Ausstieg und Umstieg bei dem Bahnprojekt Stuttgart 21“ debattieren. Tatsächlich wurde in Berlin aber nochmals die Historie des Projekts beleuchtet und das Für und Wider des neuen Bahnknotens diskutiert. Einzig Hannes Rockenbauch, als einer von acht Sachverständigen, machte sich für eine Abkehr vom Durchgangsbahnhof stark. „Stark ist der, der keine Fehler macht, stärker ist aber der, der aus seinen Fehlern lernt“, sagte der Stuttgarter Stadtrat (SÖS/Linke-plus) an die Adresse derer, die weiterhin am aus seiner Sicht fehlerbehafteten Konzept Stuttgart 21 festhalten. „Ein Umstieg wäre das Rationalste.“

Region unterstreicht den Nutzen für die S-Bahn

Dem widersprach Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU) vehement. Wer nun ein komplett neues Planverfahren einleite, würde in 20 Jahren noch bauen, sagte er mit Blick auf die langen Planungs-, Genehmigungs- und Realisierungszeiträume. Bopp hob den Nutzen für den Regionalverkehr hervor. Er geht davon aus, dass die neuen Metropolexpresslinien die am Rande der Belastbarkeit fahrende S-Bahn um 20 Prozent entlasten würden. In einer dezentralen Region wie der um Stuttgart brauche es durchfahrende Züge. „Da ist ein Kopfbahnhof nicht zukunftsweisend“.

Matthias Lieb vom Verkehrsclub Deutschland warb für seine Idee einer ergänzenden statt ersetzenden Infrastruktur. So schlug er vor, Teile des Kopfbahnhofs zu erhalten. Gegebenenfalls könnten die dorthin führenden Gleise überbaut werden. Besonders verwendete sich Lieb für einen Ausbau der Strecke zwischen Feuerbach und Zuffenhausen, die ein Nadelöhr sei. In den Planungen des Bundes ergebe sich nur deswegen dort keine Überlastung, da man rechnerisch Regionalzüge in die Nachtstunden verlegt habe, was aber an der Realität vorbeigehe.

Für den Verkehrswissenschaftler eine „Ansammlung von Ideen“

Ullrich Martin, Direktor des Instituts für Eisenbahn- und Verkehrswesen an der Uni Stuttgart, tat sich schwer, der Bitte der Abgeordneten nachzukommen und den „Umstieg 21“ zu bewerten. Wie schon früher vorgestellte Ideen handle es sich dabei um eine Ansammlung von Ideen, „aber keinesfalls um ein geschlossenes Konzept. Es ist eine Ansammlung verschiedener Varianten, von denen einige auch nicht zueinander passen.“

Thilo Sarrazin, der in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied der DB Netz AG im Jahr 2001 die Rahmenvereinbarung zu S 21 zwischen Land, Stadt, Regionalverband und der Bahn unterzeichnet hat, unterstrich nochmals, dass der Bahnspitze schon damals die mangelnde Wirtschaftlichkeit bekannt gewesen sei. Er habe den Vertrag auf Geheiß des damaligen Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn gleichwohl aushandeln müssen. Bei der Rentabilität hätten zahlreiche andere Vorhaben vor Stuttgart 21 rangiert.

Aktionsbündnis kritisiert enge Beziehung von Sachverständigen zum Projekt

Eisenhart von Loeper, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, verfolgte wie zahlreiche andere Projektkritiker die Diskussion von den Zuschauerrängen aus. Hinterher machte sich eine gewisse Ernüchterung breit. Vier der acht Sachverständigen seien eng mit dem Projekt verwoben. „Der Ertrag im wechselseitigen Diskurs bleibt da gering.“ Gleichwohl sei die „öffentliche Diskussion ein Gewinn im Interesse der Demokratie gewesen“.

Er sei sich sicher, dass in dieser Runde nicht das letzte Mal über Stuttgart 21 gesprochen worden sei, sagte der Ausschussvorsitzende, der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir. Er hatte sich von CDU und FDP Vorwürfe gefallen lassen müssen, da er im Vorfeld der Sitzung gegenüber unserer Zeitung eine Entschuldigung der Projektbefürworter gefordert hatte. Das vertrage sich nicht mit der gebotenen Neutralität des Vorsitzenden. Unstrittig dürfte hingegen Özdemirs Einschätzung sein, dass die Debatte weitergehe. So stellt etwa der SPD-Ortsverein Botnang am 21. Juni bei einer Veranstaltung die Frage: „Stuttgart 21 – Schrecken ohne Ende oder Umstieg jetzt?“