Die Anwohner auf beiden Seiten des Untertürkheimer Güterbahnhofs klagen über Schlaflosigkeit aufgrund der lauten Rammarbeiten für Stuttgart 21. Die Bahn verspricht besseren Lärmschutz, doch es scheint erst mal bei einem Versprechen zu bleiben.

Lokales: Thomas Durchdenwald (dud)

Stuttgart - Die Bewohner auf beiden Seiten des Untertürkheimer Güterbahnhofs müssen weiter mit massiven Lärmbelästigungen durch die S-21-Bauarbeiten rechnen. Auf einer Bezirksbeiratssitzung mit anschließender Bürgerfragerunde am Dienstagabend erklärten die Vertreter der Bahn zwar, dass versucht werde, die Belastung zu verringern, allerdings müssten weiter Bauverfahren eingesetzt werden, die laut seien. Rechtsanwalt Peter Schütz von der Bahn sagte, man überlege intern, wie Anwohnern, die hohen Lärmspitzen ausgesetzt seien, geholfen werden könne. Mehrere Bezirksbeiräte hatten gefordert, die Bahn solle Ausweichquartiere in Hotels anbieten. Ob und wann es dazu kommt, ließ Rechtsanwalt Schütz offen. Schließlich würde dann ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich Anwohner anderer S-21-Baustellen berufen könnten. „Es geht um das Belästigungsniveau und die Gleichbehandlung“, sagte er.

Lärm mit mehr als 100 Dezibel und spürbare Erschütterungen hatten etwa 100 Anwohnern im Quartier Gaggenauer Straße und an der Augsburger Straße im Sommer 2013 an mehreren Wochenenden und in diesem Oktober eine Woche den Schlaf geraubt. Ursache waren Arbeiten mit Vibrationsrammen für die Verankerung von Pfählen und Spundwänden für die Rettungszufahrt Benzstraße – einem kurzen Stollen zum neuen Stuttgart-21-Tunnel, der nach Untertürkheim führt. Die Belästigungen hatten zu massiven Protesten geführt, sogar die Polizei wurde alarmiert.

Rammarbeiten am Wochenende und im Dezember

Die Bahn stellt die hohen Lärmwerte nicht in Abrede. Gesundheitsgefährdend seien sie aber nicht, meinte Schütz, und die Nachtarbeiten seien notwendig, weil tagsüber der Zugverkehr auf der stark befahrenen Strecke durch das Neckartal aufrecht erhalten werden müsse. Nach den Protesten hatte die Bahn die Nachtarbeiten zumindest verkürzt. Die Rammarbeiten am kommenden Wochenende und Anfang Dezember (siehe „Einschränkungen für Fußballfans und S-Bahnnutzer“) sollen, wenn möglich, nur tagsüber stattfinden. Zusätzliche Schutzmaßnahmen, wie sie von der Bahn intern überlegt würden, brächten den direkten Anwohnern an der Benz- und Gaggenauer Straße nun nichts mehr, räumte Schütz ein. Aber „dass dort die Arbeiten bald beendet werden, ist ja auch eine gute Nachricht“, meinte er. Allerdings kündigte der Bauabschnittsleiter Sebastian Glöckner an, dass vom kommenden Frühjahr für den Trog und den Tunnel auf dem Güterbahnhofgelände erneut Spundwände eingerammt würden. Man wolle, wenn möglich, nur am Tag arbeiten. Dort tauchen die Züge in die unterirdische Strecke zwischen Hauptbahnhof und Obertürkheim ein.

Im Oktober war ein Anwohner vom Arzt wegen Schlafmangels sogar krank geschrieben worden. Eine Mutter berichtete von weinenden und übernächtigten Kindern und dass sie selbst nicht mehr zur Arbeit gehen konnte, weil sie nächtelang wach lag. „Das ist unzumutbar und unbefriedigend, dass sie sich erst jetzt darüber Gedanken machen“, kritisierte der SPD-Bezirksbeirat Werner Feinauer die Bahn. Sabine Reichert sprach vom einem „rechtsfreien Raum“, da sich das Eisenbahn-Bundesamt auf die in der Genehmigung genannten Werte und Gutachten berufe und die Stadt sich nicht einschalte. „Die Stadt kann den Lärm nicht überprüfen“, sagte die S-21-Bürgerbeauftragte Alice Kaiser, dies obliege allein dem Eisenbahn-Bundesamt. Die Stadt und der Oberbürgermeister setze sich in Gesprächen mit der Bahn für die Bürger ein.

Kritik am Lärmgutachter

Scharfe Kritik übte Sabine Reichert am Lärmgutachter und Immissionsschutzbeauftragten, der für das Eisenbahn-Bundesamt die Einhaltung der Vorschriften überprüfen solle. Just er habe für die Planfeststellung unbedenkliche Lärmwerte ermittelt, sie später – nach der Genehmigung – in einem Detailgutachten erhöht, aber noch weit unter dem nun gemessenen Lärm angesiedelt. Der Sachverständige begründete dies mit dem später geänderten Bauverfahren, zu dem es „keine Alternative“ gibt und das mehr Lärm mache. Zudem sei es „nur an zwei Hände voll Nächten so laut“.

Nach wie vor nicht gelöst sind offenbar die Probleme mit der Verteilung der Flugblätter, mit denen die Anwohner über die Baumaßnahmen informiert werden. Das S-21-Kommunikationsbüro hatte eingeräumt, dass die Information in dem jüngsten Fall ausgeblieben sei, weil ein Verteildienst schlampte. Auch im Sommer 2013 war die Information unterblieben. Bürger aus verschiedenen Quartieren in Untertürkheim berichteten, dass auch sie keinen der 8500 Flyer erhalten hatten.