Die Bahn will 46 000 Mal Lastwagen zu einer Verladestelle in Deizisau im Landkreis Esslingen karren. Der Altbacher Bürgermeister fürchtet jedoch, dass die Lärmbelastung dadurch zu groß wird.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)

Altbach - Über vier Jahre hinweg werden etwa 46 000-mal Lastwagen von Altbach und Deizisau aus über die Autobahn zur Baustelle des Fildertunnels für Stuttgart 21 rollen. Sie transportieren sogenannte Tübbinge, Betonfertigteile, die in die Tunnelwand eingebaut werden, um sie abzustützen. Beladen werden die Laster am Bahn-Umschlagplatz Deizisau. Als das der Altbacher Bürgermeister Wolfgang Benignus erfuhr, schlug er Aarm. Die Bürgermeister der Gemeinden seien nicht informiert worden, und vor allem habe ihnen die Bahn nicht mitgeteilt, wieviel Lärm das nächtliche Verladen der Tübbinge macht.

Jetzt will die Bahn dies nachholen. Der Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm, Wolfgang Dietrich, hat für morgen zu einem Gespräch nach Deizisau eingeladen. Anschließend können die teilnehmenden Bürgermeister die Gemeinden informieren, und auch Dietrich will die Ergebnisse zeitnah ins Netz stellen.

Dabei wäre die Aufregung an sich unnötig, wenn man die Tübbinge vor Ort am Fildertunnel produzieren würde. Schon im vergangenen August hat sich Thomas Beißwenger, der Chef des Industrieverbands Steine und Erden, darüber beschwert, dass das ursprünglich geplante temporäre Betonwerk nicht genehmigt wurde. Es wäre aus seiner Sicht ökologischer gewesen, Kies und Schotter per Lastwagen an das Betonwerk zu karren und den Aushub der Tunnelbohrung auf der Rückfahrt mitzunehmen, anstatt Tieflader mit den schweren Bauteilen von Deizisau auf die Filder zu fahren und zusätzlich leere Muldenkipper für den Aushub anfahren zu lassen. Im Grunde ist durch die Entscheidung gegen das Betonwerk der Lastwagenverkehr schlicht verdoppelt worden.

Auch das Kommunikationsbüro des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm bestätigt, dass viele Leerfahrten entstünden. Aber nicht nur Luft wird hin und hergeschoben, sondern auch die Verantwortung. Kurios ist, dass heute weder die Stadt Stuttgart noch das Eisenbahnbundesamt an der Nichtgenehmigung beteiligt gewesen sein wollen. Ein Sprecher der Stadt sagt ganz klar: Das sei nicht in der Genehmigung der Stadt gewesen, „Wir wurden nie angehört“, sagt er, fügt aber hinzu, „wären wir gehört worden, hätten wir uns gegen das Betonwerk ausgesprochen, weil es in einem Landschaftsschutzgebiet gelegen wäre.“

Das Eisenbahnbundesamt tritt dieser Darstellung entgegen und sagt, das Werk sei kein Teil seines Planfeststellungsverfahrens gewesen. Wer nun auch immer für die Genehmigung zuständig oder nicht zuständig war, Fakt ist, das Werk wurde nicht gebaut, was nicht nur bildlich gesprochen dem Bürgermeister Wolfgang Benignus schlaflose Nächte beschert: „Wenn die Verladung einigermaßen geräuschlos abläuft, dann wäre die ganze Aufregung umsonst, aber man erfährt ja nichts“, wettert er gegen die Kommunikation der Bahn.

Wolfgang Benignus fragt sich darüber hinaus, ob die Verladung rechtens ist, weswegen er schwarz auf weiß sehen möchte, welche Bestimmungen auf einer Verladestation einzuhalten sind. Dazu sagt der Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm, Wolfgang Dietrich: „Sie können davon ausgehen, dass die Verladung im Rahmen der Genehmigungen erfolgt.“ Bemängelt hat Benignus auch, dass die Bürgermeister so spät informiert wurden. Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm aber sagt, dass die eigentlichen Tunnelbohrarbeiten erst im September begännen. Von da an würden auch erst die Tübbinge verladen.

Etwas geräuschloser verläuft da der Bau des Boßler Tunnels für die Strecke Wendlingen-Ulm – ebenfalls bildlich gesprochen. Auch hier ist der Einsatz einer Tunnelbohrmaschine vorgesehen. Vom Aichelberg aus wird die gigantische Maschine zwei Röhren zu je 2800 Metern in den Fels treiben. Die Tübbinge werden dort vor Ort produziert, und zwar direkt auf einer Baustelle, die bereits planfestgestellt ist.

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