Stuttgart 21 Ministerium: Bahn erzählt Märchen

Von dpa 

Im Dauerstreit um Stuttgart 21 wirft das Verkehrsministerium der Bahn eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit vor.

 Foto: Visualisierung: Aldinger & Wolf
Foto: Visualisierung: Aldinger & Wolf

Stuttgart - Im Dauerstreit um das Großprojekt Stuttgart 21 hat das Verkehrsministerium der Bahn eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit vorgeworfen. „Die Behauptungen der Bahn, ein Großteil der Bürger würde von S 21 profitieren, lassen sich nicht belegen. Sie gehören ins Reich der Märchen“, sagte ein Ministeriumssprecher am Dienstag in Stuttgart. Hintergrund seiner Kritik sind Aussagen der Bahn, wonach 75 Prozent der Baden-Württemberger in Gebieten wohnten, in denen sich die Bahn-Infrastruktur mit Stuttgart 21 verbessern soll. Aus Sicht der Bahn profitieren daher rund 8 der 11 Millionen Bürger im Südwesten - ganz egal, ob sie nun Bahn fahren oder nicht.

Der bundeseigene Konzern hatte am Wochenende unter Berufung auf eigene Auswertungen argumentiert, dass der neue Bahnknoten schnellere Verbindungen, kürzere Taktzeiten oder auch weniger Umsteigen bedeute. „Man muss schon lange suchen, um einen Bahnhof zu finden, der gar nicht profitiert“, hatte S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich der dpa gesagt. Nun folgte die Gegenrede des Ministeriums von Winfried Hermann (Grüne), das zu der Streitfrage unter Hermanns Vorgängerin, Tanja Gönner (CDU), ein Gutachten bei der Schweizer Firma sma in Auftrag gegebenen hatte. Die Experten dort hatten auch den sogenannten Stresstest der Bahn bewertet.

"Kein nennenswerter Einfluss auf die Fahrzeiten"

Ergebnis der aktuellen Analyse: „Die in den Bahnhof investierten Milliarden haben keinen nennenswerten Einfluss auf die Fahrzeiten“, fasste der Sprecher zusammen. Im Gegenteil: Es drohten negative Effekte: „Für Projekte wie den Stundentakt Stuttgart-Würzburg oder die Elektrifizierung Ulm-Friedrichshafen dürften dann die Gelder des Landes nicht mehr reichen.“ Im Großraum Stuttgart betrage der Gewinn an Zeit für die Reisen im Schnitt sogar nur eine halbe Minute.

Entscheidend für die Zeitdiskussion sei ohnehin die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm. Sie könnte auch ohne den umstrittenen unterirdischen Durchgangsbahnhof S 21 mit der Alternative - einem modernisierten, oberirdischen Kopfbahnhof K 21 - realisiert werden. „Das Gutachten belegt: Diese Verkürzungen gibt es beim Kopfbahnhof K 21 in ähnlicher Weise, K 21 schneidet sogar besser ab“, berichtete der Sprecher.

Erhebliche Uneinigkeit

Im Vorfeld der Volksbefragung zu Stuttgart 21 am 27. November werben Projektgegner und -befürworter noch einmal für ihre Ziele, um möglichst viele Wähler zu mobilisieren. Die Grünen in der Landesregierung sind gegen S 21, die SPD ist dafür. Zwischen den Koalitionspartnern herrscht auch erhebliche Uneinigkeit über die wahrscheinlichen Ausstiegskosten bei Abbruch des S-21-Projektes.