Stuttgart 21 Mitschöpfer des Bahnhofs zweifelt

Von Michael Schmidt 


Gesamte Gesellschaft muss dahinter stehen


Auch jenes Olympiaprojekt sei zu Beginn, im Jahr 1967, ein riesiges Wagnis mit vielen Unbekannten gewesen. Unter anderem wegen der Grundfrage, ob ein Tragwerk wie das Münchner Olympiadach überhaupt ausreichend sicher gebaut werden könne. "Aber da gab es nicht nur Fakten und Zahlen, sondern ein Bekenntnis aller zu dem Projekt", erinnert sich Frei Otto an einen kompletten Neustart der Planung, unmittelbar vor dem Bau. Aber: "Die gesamte Gesellschaft muss hinter einem solchen Projekt stehen", betont er.

Eine Empfehlung, Stuttgart 21 nun zu stoppen, will der 85-Jährige ausdrücklich nicht geben. "Aber es liegen mittlerweile viele neue Informationen vor, über die Wirkung des Anhydrits, über die Fundamentierung in durchweichtem Baugrund wie dem Stuttgarter Talkessel", weist er auf die veränderten Voraussetzungen hin.

Der Visionär hat in seinem gläsernen Atelier im beschaulichen Leonberger Teilort Warmbronn das Urmodell des Stuttgarter Tiefbahnhofs ständig vor sich. "Als ich gehört habe, dass sich mein damals junger Kollege Ingenhoven um den Wettbewerb bemüht, bin ich auf ihn zugegangen. Mit dem Entwurf der Lichtaugen wollten wir etwas Schönes schaffen", sagt der Leonberger Ehrenbürger. Und: "Wir hatten mit den Ingenieuren Ted Happold und Fritz Leonhardt die besten Fachleute der Welt eingeschaltet" - beide sind mittlerweile verstorben.

Jeder Planer muss zunächst an Sicherheit denken


Nun sei von den Planern des Ursprungsentwurfs lediglich noch Christoph Ingenhoven im Boot. Auf die Frage des 85-jährigen Otto, wer denn nun als Prüfingenieur die heikle Statik verantwortet, hat er keine Antwort von offizieller Seite erhalten. "Ist denn überhaupt einer bestellt?", fragt er.

Mittlerweile habe er viel Zeit gehabt, auch neue Verkehrssysteme zu studieren - und die Zweifel beim Schöpfer des Tiefbahnhofs wachsen immer stärker, je länger seine Erfahrungen und seine Gedankenspiele zusammenkommen: "Jeder Planer muss zunächst an die Sicherheit denken. Es braucht Fantasie, um Gefahren zu erkennen. Wie kann man beispielsweise Massenpaniken verhindern?"

Mit solchen Fragen beschäftigt sich Frei Otto nicht erst seit dem aktuellen Geschehen bei der Love-Parade in Duisburg. Schon in den siebziger Jahren war er in die Planungen für eine sichere Zeltstadt des Hadsch, der großen Pilgerreise nach Mekka, eingebunden. "Wer neue Bauten schafft, der muss überall Unglücke sehen", weiß der Visionär.

Aber auch andere Erkenntnisse - wie beispielsweise nach dem Bau des Leonberger Engelbergbasistunnels in den neunziger Jahren, der in den gleichen Gipskeuperschichten verläuft wie ein Großteil der gut 30 Kilometer langen Tunnelstrecken von Stuttgart 21 - lassen Frei Ottos Zweifel wachsen. Der Autobahntunnel bewegt sich pro Jahr um viele Zentimeter, muss immer wieder wegen Wassereinbrüchen saniert werden. "Gips ist wunderbar, um guten Württemberger Wein zu erhalten, aber als Baugrund völlig unzuverlässig", so Frei Ottos Urteil.

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