Stuttgart 21 Nur 80 Bäume sind leicht verpflanzbar

Von Markus Heffner 

Die Bahn hat am Freitag ihren Zeitplan für Stuttgart 21 vorgelegt. Im Januar könnte der Südflügel abgerissen werden. Auch die Bäume sollen dann gefällt werden.

    Foto: Steinert
Foto: Steinert

Stuttgart - Am Tag fünf nach der Volksabstimmung hat die Bahn am Freitag ihren Zeitplan für das nächste Jahr vorgestellt und mitgeteilt, wie das Bahnprojekt vorangetrieben werden soll. Das Votum der Bürger im Land, die sich mehrheitlich für Stuttgart 21 ausgesprochen haben, wirkt bei den Verantwortlichen der Bahn noch nach, wie Projektsprecher Wolfgang Dietrich erklärte. „Wir müssen jetzt alle wieder runterkommen und das Projekt dort einordnen, wo es hingehört.“

Der Projektleiter wünscht sich nun mehr Sachlichkeit und eine „emotionale Entladung“, wofür es allerdings ausgerechnet zum Jahreswechsel trotz klaren Votums nur wenig Anlass geben dürfte. Denn neben den restlichen Arbeiten am Grundwassermanagement stehen nämlich der Abriss des Südflügels sowie das Fällen und Versetzen jener Bäume im Schlossgarten an, die sich im Bereich des Baufelds befinden. Laut Schlichterspruch sollen sie allesamt nach Möglichkeit erhalten, also versetzt werden – was sich nun wohl als nicht praktikabel herausgestellt hat.

Vor allem die kleinen Bäume werden versetzt

Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls ein von der Bahn in Auftrag gegebenes Gutachten, das den Projektpartnern Stadt, Land und Region bereits seit Oktober vorliegt. Demnach können von den insgesamt 176 betroffenen Bäume etwa 80 problemlos verpflanzt werden, wie der Nürnberger Sachverständige Bodo Siegert am Freitag bei der Vorstellung seines Gutachtens erklärte. Dabei handle es sich um zehn bis 15 Meter hohe Bäume mit einem Stammdurchmesser von bis zu 50 Zentimetern, die mit Rundspatenmaschinen ausgegraben und abtransportiert werden könnten. Kostenpunkt: 2000 bis 5000 Euro pro Baum.

Als äußerst schwierig und sehr risikolastig hat Siegert dagegen das Versetzen der alten Platanen, Rosskastanien und anderen großen Bäume mit einem Durchmesser von bis zu fünf Metern eingestuft. Weil diese mit aufwendiger Plattformtechnik versetzt werden müssten, würden Kosten von vielleicht fünf, sechs Millionen Euro entstehen. Um die Baumriesen aus dem Schlossgarten zu schaffen, sei zudem nicht genug Platz auf den Wegen, sie müssten also innerhalb des Parks versetzt werden, was wiederum das Bild des Schlossgartens erheblich verändere. Dazu müsse das Erdreich auf der Größe von halben Fußballfeldern aufgegraben werden. Zudem könnten durch den Einsatz von schwerem Gerät Kollateralschäden entstehen, so Siegert: „Man sollte nicht zum Mond fliegen wollen, wenn man nur Treibstoff bis zur ersten Wolke hat.“ Aufwand und Nutzen müssten in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Gegner haben eigenes Gutachten vorgelegt

Die Entscheidung darüber, wie mit diesen „problematischen und kostenmäßig nicht kalkulierbaren Fällen“ umgegangen werden soll, die laut Gutachten zumindest aus technischer Sicht versetzbar sind, müsse nun rasch von den Projektpartnern entschieden werden, so Wolfgang Dietrich. Die Bürger sollen bei einer Sitzung am 19. Dezember noch mitreden können. Das Zeitfenster für das Versetzen und Fällen der Bäume beginnt am 10. Januar und geht bis Ende Februar. „Die Entscheidung über die Zukunft der Bäume muss noch in diesem Jahr fallen“, so Dietrich. Die Bahn habe sich seit Oktober mit Nachdruck um Ersatzstandorte für die Bäume bemüht. Zwischenzeitlich habe man von der Stadt genügend solcher Standorte bekommen, um zumindest die 80 „unproblematischen Bäume“ versetzen zu können.

Eine Expertise über den Zustand der Bäume im Schlossgarten war zuvor bereits von einer Gruppe Stuttgart-21-Gegnern, den Stuttgarter Bürgern, in Auftrag gegeben worden. Gutachter Hartmut Neidlein, ein vom Regierungspräsidium vereidigter Sachverständiger, hatte insgesamt 22 Bäume untersucht und deren Vitalität in den meisten Fällen als „sehr gut“ bezeichnet. Sie seien erhaltenswürdig und hätten an ihrem Standort eine lange Lebensdauer. Anders als Siegert kommt Neidlein zu dem Schluss, dass die Bäume im Schlossgarten mit einem Stammdurchmesser von mehr als einem Meter nicht ohne erhebliche Schäden umgesiedelt werden können. „Eine Verpflanzung solcher Altbäume ist nach meiner Erfahrung und Einschätzung in der konkreten Situation nicht möglich.“