Stuttgart 21 S-21-Baustellenbesuch aus der Heimat

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Der ORF interessiert sich für die vielen Österreicher, die maßgeblich am Bau von Stuttgart 21 beteiligt sind. Im Fokus steht dabei der Ingenieur Christoph Lienhart, der besonders komplexe Tunnelabschnitte verantwortet.

Ein Kamerateam hat Christoph Lienhart  (l.) einen Tag lang über die Stuttgart-21-Baustellen begleitet. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Ein Kamerateam hat Christoph Lienhart (l.) einen Tag lang über die Stuttgart-21-Baustellen begleitet. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Einmal, ein einziges Mal nur, sagt er „Jänner“ und gibt sich damit als Österreicher zu erkennen. Routiniert spricht Christoph Lienhart ansonsten in das Mikrofon, das ihm in seinem Büro an der Stuttgarter Räpplenstraße hingehalten wird. Dabei hätte sich der Ingenieur deutlich mehr Austriazismen erlauben können, die Konsumenten des Fernsehbeitrags, der entsteht, hätten ihn gleichwohl verstanden: Der ORF, der staatliche österreichische Rundfunk, hat sich zum Dreh auf den Stuttgart-21-Baustellen angesagt.

Der S-21-Tunnelbau ist fest in österreichischer Hand

Nicht dass es in der Alpenrepublik an spektakulären Tunnelbaustellen mangeln würde. Von Innsbruck aus wird der Basistunnel unter dem Brenner vorangetrieben, der Semmering wird mit einem neuen Tunnel ebenso unterfahren wie unter der ­Koralpe derzeit der längste österreichische Eisenbahntunnel entsteht, der Graz und Klagenfurt einander näher bringen soll. Der Grund dafür, dass sich ORF-Korrespondentin Sabine Schuster aus Berlin nach Stuttgart bemüht hat – noch dazu an Mariä Himmelfahrt, einem Feiertag in ihrem Heimatland –, liegt eher darin, dass kaum irgendwo außerhalb der Alpenrepublik derzeit so viele Österreicher auf einem Fleck zusammenarbeiten wie in Stuttgart. Für die Neuordnung des Bahnknotens müssen knapp 59 Kilometer Röhren durch den Untergrund der Landeshauptstadt getrieben werden und Tunnelbau ist eine Domäne der Österreicher.

Gut 17 Kilometer davon verantwortet Christoph Lienhart als Chef jenes S-21-Abschnitts, der die Tunnel aus Bad Cannstatt und Feuerbach genauso beinhaltet wie die neuen S-Bahn-Strecken nebst Haltestelle an der Mittnachtstraße und die neue Brücke über den Neckar am Rosenstein. „Eigentlich alles, was nördlich des neuen Hauptbahnhofs gebaut wird“, sagt Lienhart und deutet für seine Landsfrau aus Berlin auf einen großen Plan, der in seinem gar nicht so großen Büro bei der Bahn-Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm an der Räpplenstraße hängt. Das eingeschränkte Platzangebot ist für den 39-Jährigen kein Problem. Er versucht so viel wie möglich auf der Baustelle zu sein. „Es ist wichtig, einen direkten Draht zu den Baufirmen zu haben, und am meisten erfährt man eh im Gespräch mit den Tunnelbauern“, sagt er.

Der Killesberg ist wie Hietzing

Für die Mineure ist Lienharts Abschnitt eine besondere Herausforderung. „Das sind die vielleicht komplexesten Tunnelbauwerke, die derzeit in Europa entstehen“, sagt Lienhart ins ORF-Mikrofon. „Wir finden hier eine einzigartige Geologie vor, der Anhydrit hat’s in sich.“ Die nahe Bebauung in Stuttgarts besten Lagen mache die Sache nicht einfacher. Den zu untertunnelnden Killesberg vergleicht Lienhart für die österreichischen Fernsehzuschauer zur Veranschaulichung mit den besseren Wiener Vierteln Döbling und Hietzing.

Die Herausforderungen beim Bauen im Anhydrit nutzt Lienhart auch gleich zu einem Exkurs über die Kontroversen, die Stuttgart 21 in der Vergangenheit ausgelöst hat und die sich bis zum heutigen Tage eben auch aus den Unwägbarkeiten speisen, die der Untergrund der Südwest-Landeshauptstadt bereithält. Dass das Projekt so im Fokus der Öffentlichkeit stehe, habe Vor- und Nachteile. Etwa die Gelegenheit, seine Arbeit in der Öffentlichkeit zu erklären, verbucht der Steirer eindeutig auf der Habenseite. „Wenn wir die Leute über die Baustellen führen, können wir etwas von der Faszination der Technik vermitteln“, sagt er. Natürlich gebe es weiter auch Menschen, die das Projekt ablehnen. Auch denen versucht er zu erklären, was gemacht wird. „Kein Arbeitstag ist wie der andere. Die schlimmste Vorstellung wäre ein Beamtenjob am Schreibtisch“, sagt der Ingenieur.

Lobende Worte für die Wahlheimat am Neckar

Das Rüstzeug für seine Arbeit hat Lienhart an der Technischen Universität Graz bekommen. Dort studierte er beim Enkel von Ladislaus von Rabcewicz. Der Bauingenieur entwickelte maßgeblich die Neue Österreichische Tunnelbauweise (NÖT), die auch in Lienharts Abschnitt angewendet wird. Familiär vorbelastet ist er nicht. Sein Vater war bei der Polizei in seiner Heimatstadt Fürstenfeld, auch jenseits der Alpenrepublik ein Begriff, seit das Austropop-Trio STS dem Städtchen an der Feistritz ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Heute wohnt Lienhart da, wo er arbeitet: in Stuttgart. Für seine Wahlheimat findet er nur lobende Worte. Er fühle sich wohl, die Stadt und das Umland böten wunderbare Landschaften. Die Berge zum Wandern und zum Wintersport fehlen ihm aber doch. Auch die regelmäßigen Treffen mit den Freunden in der steirischen Heimat mag er nicht missen.

In den vergangenen zwei Jahren pendelte er aber alle drei Wochen für ein Wochenende nach Budapest. Nicht aus alter k. und k. Seligkeit heraus, sondern weil er an der dortigen Central European University, einer privaten Hochschule, die auch auf den Investor George Soros zurückgeht, seinen Master of Business Administration abgelegt hat. Das Reisen und das Leben fernab der eigentlichen Heimat scheint ihm nichts anzuhaben. „Ich habe immer da gelebt, wo ich arbeite.“ Unter anderem war Lienhart beim Bau des neuen Wiener Hauptbahnhofs dabei und bei der Konstruktion eines knapp zehn Kilometer langen Bahntunnels unter dem Lainzer Tierpark in den Außenbereichen Wiens, der Teil der Magistrale Paris–Bratislava ist. Diesen internationalen Aspekt von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke nach Ulm streicht Lienhart im Gespräch mit dem ORF heraus. Er helfe doch irgendwie mit, Deutschland und Österreich näher zu bringen.

Nur das Kürbiskernöl muss noch importiert werden

Auch ein letztes Problem hat der Ingenieur gelöst. Das Kürbiskernöl seiner steirischen Heimat müsse er zwar immer noch importieren, aber für den Welschriesling hat er eine Weinhandlung im Stuttgarter Norden gefunden, in der er sich eindecken kann – nur für den unwahrscheinlichen Fall einer schweren Heimwehattacke.