Stuttgart 21 S 21: Brandschutz-Streit schwelt weiter

Streitpunkt Evakuierung: die Experten von Bahn und Feuerwehr sind unterschiedlicher Meinung, wie schnell Menschen in Sicherheit gebracht werden müssen. Foto: Steinert 23 Bilder
Streitpunkt Evakuierung: die Experten von Bahn und Feuerwehr sind unterschiedlicher Meinung, wie schnell Menschen in Sicherheit gebracht werden müssen. Foto: Steinert

Acht Stunden: So lang haben Experten von Bahn und Stuttgarter Feuerwehr im jüngsten Arbeitskreis über das Evakuierungskonzept bei Stuttgart 21 diskutiert. Trotzdem konnten nicht alle Fragen geklärt werden.

Stuttgart - Wie viel Handlungsbedarf die Experten im Brandschutzkonzept für den neuen Stuttgarter Tiefbahnhof noch sehen, zeigt sich eindrucksvoll allein schon in der Dauer des jüngsten Treffen des zu Jahresbeginn eingerichteten Arbeitskreises: Geschlagene acht Stunden haben die Vertreter von Bahn, Feuerwehr und Regierungspräsidium am Freitag gebraucht, um sich in den wichtigsten Punkten auszutauschen. „Wir sehen nach wie vor einigen Nachbesserungsbedarf“, sagt Stefan Eppinger von der Stuttgarter Brandschutzdirektion.

Knapp 200 Seiten umfasst das Gutachten des Düsseldorfer Ingenieurbüros Klingsch, das die Stuttgarter Feuerwehr in den vergangenen Wochen mehrfach durchgearbeitet und mit Anmerkungen versehen habe, so Eppinger. Erläutert worden war das Konzept am Freitag nun von Professor Wolfram Klingsch selbst, etliche Fragezeichen sind aber dennoch geblieben. Unter anderem bezüglich der Personendichte auf den Bahnsteigen und der Länge der Fluchtwege wolle man eine präzisere Darstellung des Konzepts, so Eppinger. Zudem sei ungeklärt, auf welchem Weg die Rettungskräfte im Notfall überhaupt in den Bahnhof kommen, wenn ihnen gleichzeitig 16 000 Menschen über die Treppenhäuser entgegenströmen. „Da warten wir auf einen Vorschlag der Bahn“, so Eppinger.

Evakuierung über zusätzliche Treppenhäuser und Aufzüge

Die Verantwortlichen der Bahn wiederum sehen in diesem Punkt vor allem auch die Feuerwehr in der Pflicht. „Die Brandschutzdirektion muss ein Einsatzkonzept vorlegen, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um an den Einsatzort zu kommen“, sagt Sven Hantel, der den Zwischenstand im Technikausschuss des Gemeinderates vorstellen wird. Grundsätzlich sieht der Regionalbereichsleiter Südwest den Arbeitskreis auf einem guten Weg: „Wir glauben, dass wir ein tragfähiges Konzept vorliegen haben, das in ein paar Punkten nachjustiert werden muss.“

Erklärtes Ziel der Bahn ist, bis Anfang 2013 ein genehmigungsfähiges Konzept vorzulegen und Mitte des Jahres grünes Licht vom Eisenbahn-Bundesamt (Eba) zu bekommen. Dieses hatte der Bahn die Auflage gemacht, das ursprüngliche Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof, der seit 2005 planfestgestellt ist, wegen geänderter Vorgaben zu überarbeiten. Wesentlichste Neuerung in den Bestimmungen ist dabei die Erhöhung der Brandlast auf 53 Megawatt. Durch die damit verbundene Verdoppelung des mögliches Ausmaßes eines Brandes habe das Konzept grundlegend überarbeitet werden müssen, so Hantel. Unter anderem sollen für 15 Millionen Euro zusätzliche Fluchttreppenhäuser eingebaut werden. Zudem sei vorgesehen, so Hantel, dass die Aufzüge außerhalb des direkten Brandbereichs durch eine Einzelsteuerung von mobilitätseingeschränkten Menschen genutzt werden könnten.

Nur eine Minute Sicherheitspuffer

Heiß diskutiert wird das Evakuierungskonzept, seit es vom Schweizer Gutachterbüro Gruner in einer Stellungnahme als „derzeit nicht funktions- und genehmigungsfähig“ bezeichnet wurde. Die Einschätzung basiert laut Bahn allerdings auf der Versammlungsstättenverordnung, deren strengere Vorgaben auf Bahnsteigen nicht gelten würden. Im Konzept, in dem Szenarien mit brennenden Zügen durchgespielt wurden, dauert die Evakuierung von angenommenen 16 164 Menschen im schlechtesten Fall 32 Minuten nach Brandbeginn, im günstigsten 23 Minuten. Entscheidend sei aber nicht die Zeit, so Hantel, sondern dass „es gelingt, Fluchtwege rauchfrei zu halten, bis alle in Sicherheit sind. Diese Nachweise haben wir erbracht.“

Überzeugen konnte die Bahn die Brandschutzexperten der Feuerwehr damit allerdings nicht, zumal der Sicherheitspuffer in einem der Szenarien lediglich eine Minute beträgt. „Das ist viel zu knapp, die Evakuierung muss schneller gehen“, sagt der stellvertretende Feuerwehrchef Eppinger. Und auch das Büro Gruner weist in besagter Stellungnahme darauf hin, dass selbst im Anwenderbuch der DB Station & Service für Bemessungsbrände im gemischten Reisezugverkehr davon ausgegangen wird, „das die Selbstrettungsphase in der Regel 15 Minuten nach Brandbeginn beendet ist“.

Über die strittigen Punkte soll noch im Dezember in kleineren Runden weiter diskutiert werden, gerade bei der Evakuierungszeit wird es aber wohl keine Annäherung geben. „Wir setzen auf die Entrauchung der Fluchtwege über die Lichtaugen und Tunnel“, sagt Sven Hantel. „Die Feuerwehr bleibt bei ihrer Forderung nach kürzeren Zeiten“, erklärt Stefan Eppinger.

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