Stuttgart 21 trifft den Landkreis Böblingen Programmierter Verkehrskollaps

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19 Rathauschefs haben einen Brandbrief an den Verkehrsminister verschickt. Sie fürchten um die Zukunft des Kreises als Wirtschaftsstandort – im Kern wegen Fehlplanungen.

Die Gäubahn-Trasse wird voraussichtlich drei Jahre lang gekappt. Foto: factum/Simon Granville
Die Gäubahn-Trasse wird voraussichtlich drei Jahre lang gekappt. Foto: factum/Simon Granville

Böblingen - Würde der Tiefbahnhof zu Stuttgart 21 im Jahr 2021 eingeweiht, nicht – voraussichtlich – 2025, hätte der Landkreis Böblingen ein Problem weniger. So sehen es jedenfalls 19 Bürgermeister und Oberbürgermeister. Größtenteils sind es Rathauschefs aus dem Landkreis Böblingen, die am Montag einen gemeinsamen Brandbrief an den Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) öffentlich gemacht haben. Allen gemeinsam ist, dass ihre Kommunen im Einzugsgebiet der Gäubahn liegen.

Deren Trasse wird wegen Stuttgart 21 umgeleitet und für die Bauzeit unterbrochen. Nach dem Ende der Arbeiten wird die Gäubahn nicht mehr über die sogenannte Panoramastrecke durch Stuttgart zum Hauptbahnhof fahren, sondern über den Flughafen. Die Fahrgäste werden für eine Übergangszeit von voraussichtlich drei Jahren an der Endhaltestelle Stuttgart-Vaihingen auf andere Verkehrsmittel umsteigen müssen. Rund 8000 Pendler sind davon betroffen und werden „eine erhebliche Reisezeitverlängerung“ erdulden müssen, wie die Bürgermeister niedergeschrieben haben. Die Zahl stammt aus der Eisenbahn-Fachzeitschrift „Bahn-Report“. Die Rathauschefs befürchten aber keineswegs nur Unannehmlichkeiten für die Bürger ihrer Kommunen, sondern nicht weniger als die Gefährdung der Wirtschaft im gesamten Landkreis.

Auch die Planung des A 81-Ausbaus verlief keineswegs reibungslos

Grund dafür ist der zeitgleiche Ausbau der A 81. Auch dessen Planung verlief keineswegs reibungslos. Am 29. Juli 2009 hatte das Landratsamt die Presse eingeladen, um „ein historisches Ereignis“ zu verkünden. Die Bundesregierung hatte zugesagt, sich finanziell an einem rund 850 Meter langen Lärmschutzdeckel über der Autobahn zu beteiligen. Dies galt als Knackpunkt dafür, dass die Pläne genehmigt werden könnten. Damals hieß der Böblinger Oberbürgermeister noch Alexander Vogel­gsang. Er peilte einen Baubeginn im Jahr 2012 an. Dies sei „ein realistisches Ziel“. Daraus wurde allerdings erst 2017 und aktuell 2020. Geplant wurde schon seit 1984.

Täglich rollen mehr als 140 000 Autos über den Streckenabschnitt der A 81, der den Landkreis durchschneidet. Ebenso täglich stehen deren Fahrer im Stau. Während der Bauzeit, meinen die Rathauschefs, sei der Verkehrskollaps programmiert. Sechs Jahre sind für den Ausbau geplant. Das Auto falle während dieser Zeit als Fortbewegungsmittel faktisch aus, meinen die Unterzeichner.

Der S-Bahn-Tunnel wird rund 200 Mal im Jahr gesperrt

Die S-Bahn allerdings auch, jedenfalls rund 200 Mal im Jahr. So oft wird nach Auskunft der Deutschen Bahn der Tunnel gesperrt, den unter anderem die S 1 Richtung Böblingen befährt. Die einzige Ausweichstrecke ist in solchen Fällen eben die Panoramatrasse. Allerdings wird auch sie gesperrt. Derzeit nutzen täglich 40 000 Fahrgäste die S-Bahnen auf dem Abschnitt zwischen Stuttgart-Vaihingen und Hauptbahnhof. Jene 8000 Gäubahn-Umsteiger kommen zwangsläufig hinzu. Oder noch mehr: Zumindest hat eben Winfried Hermann das Ziel ausgerufen, bis 2030 die Fahrgastzahlen zu verdoppeln. Zumindest in den Hauptverkehrszeiten fahren die S-Bahnen oftmals schon heute an der Grenze ihres Fassungsvermögens.

In der Öffentlichkeit scheint das Thema noch nicht angekommen. Womöglich wäre ein Blick nach Filderstadt für die Stadträte im Kreis ein Blick in die nahe Zukunft: Dort soll, auch wegen Stuttgart 21, vorübergehend die S-Bahn-Verbindung gekappt werden. Als ein Bahnplaner dazu den Gemeinderat informierte, war der Sitzungssaal ähnlich voll wie eine S-Bahn zu klassischen Pendler-Fahrzeiten.