Stuttgart 21 und der Stresstest "Einen wunden Punkt getroffen"

Von Jörg Nauke 

Die Gruppe Wikireal.org nennt den Stresstest von Stuttgart 21 einen "technisch-wissenschaftlichen" Betrugsfall. Die Bahn habe keinen Vorwurf widerlegt.

Der Sprecher von wikireal, Marc Braun, sagt, der Tiefbahnhof dürfe wegen der fehlenden Leistungsfähigkeit nicht gebaut werden. Foto: dpa
Der Sprecher von wikireal, Marc Braun, sagt, der Tiefbahnhof dürfe wegen der fehlenden Leistungsfähigkeit nicht gebaut werden. Foto: dpa

Stuttgart - Die Gruppe von Wissenschaftlern, die der Bahn auf ihrer Faktencheck-Plattform wikireal.org Manipulation des Stresstestes für Stuttgart 21 vorwirft, ist an die Öffentlichkeit getreten. Der Physiker Christoph Engelhardt sprach von einem "technisch-wissenschaftlichen" Betrugsfall. Der Sprecher der Gruppe, Marc Braun, sagte, der Tiefbahnhof dürfe wegen der fehlenden Leistungsfähigkeit nicht gebaut werden. Damit sei der Volksabstimmung die Grundlage entzogen.

Engelhardt führte aus, die Bahn missachte ihre Richtlinien und habe das Testat durch das Gutachterbüro SMA nur durch eine Umdefinition der Regeln erhalten. So sei es ihr gelungen, einer Bewertung von S21 als "risikobehaftet" zu entgehen und sich die Eingruppierung "wirtschaftlich optimal" quasi zu erschleichen. Weitere Verstöße seien das Ausblenden verspätungsträchtiger Strecken, unrealistische Annahmen über den Zugbedarf in den Spitzenzeiten, fehlende Daten zur Belegung von Gleisen und Simulationsläufe auf Basis lückenhafter Prämissen.

Bahn widerspricht der Kritik

Sollten sich diese Aussagen bestätigen, würde das bedeuten, dass die Bahn schon wieder mit gezielten Fehlinformationen die Meinung der Menschen zu manipulieren versucht habe, sagte Hannes Rockenbauch von den Projektgegnern. Der ehemalige Bahnhofschef Egon Hopfenzitz bemängelt, dass beim Stresstest 24 Züge fehlten und Betriebsstörungen nicht berücksichtigt worden seien. Auch könne der Tiefbahnhof statt der geforderten 49 Züge morgens nur etwa 32 Züge bewältigen.

Für die Bahn entbehrt die Kritik am Gutachten des Schweizer Büros SMA jeder Grundlage. Die SMA wies die Vorwürfe "bezüglich mangelnder Professionalität oder Befangenheit" zurück. Man werde sich "zu gegebener Zeit für eine wissenschaftliche Aufarbeitung von Eisenbahn-Simulationsverfahren bereithalten. Pro Stuttgart 21 sprach von "als wissenschaftlichen Analysen getarnten Behauptungen auf Basis falscher Annahmen, unzulässiger Vergleiche und mangelnder Detailkenntnisse".

"Wunden Punkt getroffen"

"Wir scheinen bei der Bahn einen wunden Punkt getroffen zu haben", sagte Marc Braun. Bisher habe die Bahn keinen Vorwurf widerlegt. Das Eisenbahnbundesamt (Eba) erklärte, die Anwendung der Richtlinie sei Sache der Bahn. Gleichwohl entscheide das Eba "über die Zulässigkeit der durch die Vorhabenträgerin in das Verfahren eingebrachten Pläne". Der Wissenschaftler Sascha Behnsen hatte angemerkt, die Bedenken von Wikireal.org könnten in die noch offenen Verfahren (Abstellbahnhof und Filder) eingebracht werden; sie würden dann bewertet. Die Bahn könnte unter Umständen ihr Baurecht verwirken.