Stuttgart 21 Vergeblicher Einsatz für den Südflügel

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Es bleibt friedlich: Ein Großaufgebot der Polizei räumt in der Nacht die Sitzblockade vor dem Hauptbahnhof. 27 Personen werden weggetragen.

Er soll Abschreckungscharakter haben – der Aufzug der Polizisten mit ihren Bein- und Brustpanzern. Foto: 7aktuell.de/Becker, Eyb, Gerlach 76 Bilder
Er soll Abschreckungscharakter haben – der Aufzug der Polizisten mit ihren Bein- und Brustpanzern. Foto: 7aktuell.de/Becker, Eyb, Gerlach

Stuttgart - Sie kommen! Sie kommen durch den Park!“ Um 2 Uhr 47 schrillt es aus der Dunkelheit. Fast haben diese Worte etwas Erlösendes, die Ungewissheit, wann etwas geschehen würde, hat ein Ende. Denn seit dem frühen Abend wartet eine stetig wachsende Gruppe von Stuttgart-21-Gegnern vor dem Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs darauf, dass die Polizei anrückt.

Die Demonstranten wollen den Südflügel vor dem Abriss schützen, er muss weichen, weil der umstrittenen Tiefbahnhof kommt. Schutz, das ist auch die Aufgabe der Polizei. 1200 Beamte der Landespolizei und 500 der Bundespolizei sollen helfen, das Baurecht der Bahn durchzusetzen – gegen Blockaden der Abrissarbeiten oder die Besetzung des Südflügels durch die Projektgegner. Dass die Polizei kommen würde, war klar.

Zeltstadt bleibt unberührt

Wann, das war nur ungefähr bekannt. Das Warten zehrte an den Nerven. Die Polizisten, die schon am frühen Abend im Einsatz waren, bevor weitere Hundertschaften anrückten, haben das selbst erlebt. „Manch einer reagiert gereizt, wenn ein Uniformierter vor ihm steht“, sagt Steffen Zaiser, der Pressesprecher der Bundespolizei. Immer wieder schallte seinen Kollegen das rhythmische Rufen „Haut ab! Haut ab!“ entgegen. Doch es wurden immer mehr Beamte – ein großes Ankommen.

Durch das Bahnhofsgebäude und durch den Park strömen Hunderte von Polizisten in die Konfliktzone. „Sie machen sich über die Zelte her“, ruft eine Frau panisch durch den Park. Doch die Zeltstadt der S-21-Demonstranten bleibt unberührt. Die Einsatzkräfte sammeln sich lediglich dort, wo die Projektgegner seit eineinhalb Jahren ihre provisorischen Unterkünfte aufgestellt haben.

Die Polizisten rennen aus der Dunkelheit des Parks heraus, halten inne, bleiben an beiden Enden des Südflügels stehen – ein Riegel quer über die Straße. Die Demonstranten bauen eine wacklige Mauer aus Sperrmüll und Paletten, lassen sich dahinter nieder. Sie haben Decken, Kissen, Gartenstühlen und Sofas mitgebracht – und jede Menge Zeit. Der Abriss des Südflügels hat die halbe Stadt schon seit Tagen in Aufruhr versetzt.

Um Punkt 3 Uhr fliegen plötzlich Funken

Eine Twittermeldung jagte die andere, es war zu lesen, wo wie viele Polizisten aus vermutlich welchem Teil der Republik den Einsatzort erreichten. Spätestens seit Donnerstag war den Stuttgart-21-Gegnern klar, dass die Nacht zum Freitag die entscheidende in ihrem erbitterten Kampf um den Südflügel sein würde. Bis hin zur Uhrzeit und der streng gehüteten Zahl der Polizisten – letztere mit 1200 um 500 zu niedrig angesetzt – wurde alles kreuz und quer durch die Stadt gezwitschert.

Um Punkt 3 Uhr fliegen plötzlich Funken. Am Zaun des Grundwassermanagements macht sich ein Mann zu schaffen. An der Eingrenzung jener Baustelle auf dem Gelände des ehemaligen Busbahnhofs, die die Gegner im Sommer gestürmt hatten. Dieses Mal nagt das Werkzeug von innen am Zaun. Es wird kurz ruhig, die Bürger staunen. Bis sie ihre Sprache wieder finden, ist das Zaunteil zum Tor geworden.

Dieses Mal drängt niemand hinein, sondern die Polizei marschiert heraus. Jeweils zwei Beamten tragen die Gitter über den Platz, die am Morgen zur Absperrlinie vor dem Bahnhof werden sollen. Da kommt wieder Leben in die Demonstranten, der Ärger bricht aus ihnen heraus: „Sieht so Deeskalation aus? Es ist 3 Uhr 15, als die Polizei zum ersten Mal die Regeln der Nacht ausgibt. Den Blockadeerfahrenen, den Aussitzern, sind sie bekannt.

Es beginnt das große Räumen

Erst verbietet das Ordnungsamt die Versammlung, es folgen drei Warnungen – die Demonstranten sollen das Gelände verlassen. Danach beginnt das große Räumen, 40 Euro Gebühr kostet das pro Blockierer. In dieser Nacht liegen fast fünf Stunden zwischen den ersten Ansagen und dem letzten Demonstranten, der weggetragen wird. „Ruhig und besonnen“, so hatte sich der seit Sommer amtierende Polizeipräsident Thomas Züfle erhofft, dass der Einsatz verlaufen würde. Seine Nagelprobe.

Tritt er doch das schwere Erbe an, dass ihm sein Vorgänger Siegfried Stumpf mit den schreckensvollen Bildern vom Schwarzen Donnerstag, dem 30. September 2010, hinterlassen hat. Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstock bestimmten seinerzeit das Bild. In dieser Nacht ist es die Stimme aus dem Lautsprecherwagen, die sich einprägen wird. „Die Polizei beginnt nun, die Straße am Schlossgarten zu sperren“, heißt es weit nach 3 Uhr.

Sie treffen sich irgendwo hinter den Linien

Die Versammlung der Gegner ist inzwischen verboten, den Regeln des Versammlungsrechts entsprechend können sie für ihre Demonstration in den Schlossgarten umziehen. Oder, so die durchgesagte Alternative, „den Bereich jederzeit in Richtung Stadtmitte verlassen“. Dieser Spruch wird später umgekehrt: „Herr Züfle, Sie können den Bereich jederzeit in Richtung Innenstadt verlassen“, raten die hartnäckigen Blockierer dem Polizeipräsidenten gegen fünf Uhr.

Züfle nimmt das gelassen. Und das trifft auch wieder den falschen Nerv: „Züfle weg! Züfle weg!“ ruft die Menge. Ziemlich locker ist auch Matthias von Herrmann, der Sprecher der Parkschützer. „Der Matthias hat heute so gar keine Angespanntheit im Gesicht“, sagt einer seiner Mitstreiter während von Herrmann in eine der zahlreichen Fernsehkameras spricht. Nicht viele bekommen mit, was sich zwischen den beiden gelassenen Antipoden der Nacht, dem Ordnungshüter und dem Wortführer, alles abspielt. Sie treffen sich irgendwo hinter den Linien.

Sie schütteln sich die Hand, das lockt die Leute an. Journalisten scharen sich mit Kameras um die zwei. Sie sprechen freundlich miteinander. Ihre Wege trennen sich, ohne Handschlag. Weil von Herrmann meint, dass das nicht gut ankomme vor den Kameras. „Hier ist sie wieder, die Stimme der Polizei“, ruft der Mann, der immer noch heiter klingt, in die Lautsprecheranlage. Kaum einer lacht über den Scherz des Polizisten.

„Wir hatten erwartet, dass es ruhig bleibt"

Denn um 4 Uhr 54 erklärt der Beamte, dass nun die Straße geräumt werde. Auf das Lärmen reagiert er zynisch: „Ihr Pfeifen signalisiert mir, dass Sie nicht verstehen wollen.“ Matthias von Herrmann lacht auch nicht, bei aller Entspanntheit, die er trotz der Übermacht der Polizei bewahrt hat. Er verteilt einerseits Lob: „Der Einsatz verläuft ruhig, ganz anders als der 30. September.“ Das passe zum friedlichen Protest der Bewegung.

Andererseits klagt er an: „Das Auftreten der Polizei war massiv.“ Bein- und Brustpanzer der Beamten hätten eingeschüchtert. „Ich habe Herrn Züfle erklärt, dass so ein Erscheinen auf uns aggressiv wirkt, weil wir die Bilder vom Schwarzen Donnerstag im Kopf haben“, sagt von Herrmann. „Aber da kann er unsere Sichtweise einfach nicht nachvollziehen.“ Was Züfle in dieser Nacht versteht, ist, dass sein Plan aufgeht. Monatelang hatte ein Stab diese Nacht vorbereitet.

„Wir hatten erwartet, dass es ruhig bleibt. Ich bin erleichtert, dass es genau so gekommen ist.“ Zwei Personen hatten Pfefferspray dabei, zwei Frauen ketteten sich an ein Fenstergitter und wurden mit Metallsägen losgemacht. 27 Personen wurden weggetragen, 79 mussten ihre Personalien angeben, das ist die Bilanz des Widerstands. Gegen acht Uhr morgens ist der Weg frei. Die zahlenmäßig überlegene Polizei trägt den allerletzten Blockierer vor dem Bahnhof weg. Von Herrmann ist immer noch da. Bis Ostern soll es dauern, bis der Südflügel komplett abgetragen ist, so kündigte die Deutsche Bahn an. Für von Herrmann und seine Mitkämpfer ist klar: „Wir werden wiederkommen.“