Der VfB feiert den Meistertitel, ein Bauboom erfasst die Stadt, die Kultur setzt neue Impulse, das Partyleben pulsiert: Die 80er haben Stuttgart vorangebracht. Das neue Buch von Horst Rudel und Thomas Borgmann erzählt davon.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Die gesamte Stadt befindet sich wegen der Roten im Siegestaumel – eine Vorstellung, die in der heutigen Zeit etwas schwer fällt. Der 26. Mai 1984 ist ein historischer Tag für Stuttgart: 70 000 Menschen, schätzt die Polizei, jubeln in der City und schwenken Fahnen, während der Autokorso des VfB vom Neckarstadion zum Rathaus rollt. Vorneweg halten die Brüder Karlheinz und Bernd Förster mit dem VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder (MV) im offenen Mercedes die Meisterschale hoch. Die Entscheidung über Platz eins der Bundesliga ist schon eine Woche zuvor in Bremen gefallen. Am letzten Spieltag sitzt OB Manfred Rommel im Stadion, das Negativmaskottchen des Vereins. Prompt verliert das Brustring-Team mit 0:1 – und ist trotzdem Meister.

Das „ZDF-Sportstudio“ schaltet live nach Stuttgart

Die Stadt jubelt – nur die Menschen an der Hausmann- und Eugenstraße sind stinksauer: Sie warten vergeblich auf die Sieger, weil die Fahrtroute aus Zeitgründen kurzfristig geändert worden ist. Horst Rudel, Fotograf der Stuttgarter Zeitung, hält die überschäumenden Emotionen fest. Der Korso wird von berittenen Polizisten und von mitrennenden Fans eskortiert. Am Abend schaltet das „Sportstudio“ des ZDF live ins Stuttgarter Rathaus, wo sehr lange gefeiert wird.

Bei Moderator Dieter Kürten spielt Wolle Kriwanek mit seiner Band. Dann befragt er die fernen Feiernden im schwäbischen Talkessel. Ein Auszug aus dem legendären Gespräch: „Wenn der OB ins Stadion kommt, verlieren wir mit Sicherheit – er war noch nie im Stadion, wo wir nicht verloren haben, so war es heute auch“, sagt MV. „Die Stadt Stuttgart wird alles für den VfB tun, was kein Geld kostet“, entgegnet Rommel. Kürten fragt: „Der MV hat soviel Geld ausgegeben für ein neues Clubheim, oder nicht?“ Darauf Rommel: „Da muss ich noch mit ihm reden. Vielleicht hat er es schon finanziert, er ist ja auch schon fast ein Schwabe mittlerweile.“ Und schließlich MV: „Der Herr Rommel hat die Schleyerhalle finanziert, die sollte 15 Millionen Mark kosten, am Ende hat sie 60 Millionen gekostet, da hat er auch ein großes Defizit. Nun hoffe ich, dass er uns hilft, unser Defizit abzudecken.“

Lustig geht’s zu in den 80er in Stuttgart – und es wird viel gefeiert: die Eröffnungen der Schleyerhalle, der Staatsgalerie, des renovierten Schlosses Solitude, des Wilhelmatheaters, des Hotels Interconti und des Theaterhauses. Das Jahrzehnt bietet viel Stoff für Anekdoten, für neues Selbstbewusstsein der Bürgerschaft und für gemeinsame Glücksgefühle. Von Stuttgart 21, einem Streitthema, das Stuttgart spaltet, ahnt noch niemand was.

Der 1951 geborene Horst Rudel, der seit 1975 mit Herzblut für die Lokalredaktion der StZ fotografiert, und sein schreibender Kollege Thomas Borgmann (er ist 1948 geboren und war über viele Jahre Leitender Redakteur der StZ für Kommunalpolitik) blicken in ihrem neuen Bildband „Schleyerhalle, Späth und VfB“ (Silberburg-Verlag) zurück auf prägende Ereignisse zwischen 1980 und 1989, als ein Bauboom die Stadt erfasst, die Architektur neue Maßstäbe setzt, als Sport und Kultur aus Stuttgart international beklatscht werden, als der Aufbruch in vielen Bereichen durchschlägt.

Farbfilme mussten für die Zeitungsproduktion im Labor entwickelt werden

Rudel hat monatelang sein Archiv durchsucht und wahre Schätze ausgegraben. Was ihn auszeichnet, sind die besonderen Blicke auf Menschen. Oft sind ihm am Rande von Großereignissen Schnappschüsse gelungen, die Stadtgeschichte ohne Großkopfete erklären, die den Alltag der damaligen Zeit verständlich machen. In diesem Jahrzehnt erscheinen die ersten Farbfotos in der Zeitung, woran sich Horst Rudel gern erinnert: „Wir mussten die Filme in ein Farblabor geben, wussten vorher nie, ob die Aufnahmen richtig belichtet waren.“ Doch dieser Fortschritt bringt eine neue Dimension in die Arbeit eines leidenschaftlichen Bildjournalisten, wie der Fotograf der StZ-Lokalredaktion einer ist.

Festgehalten hat er, wie noch die Straßenbahn auf der Weinsteige fährt, wie im Maurischen Garten der Wilhelma ein Gärtner in den See steigt, wie Kräne die City (fast wie heute) beherrschen, um etwa das Schwabenzentrum auf dem Platz der abgerissenen Hüttenwerke zu bauen, wie die Kickers den Aufstieg in die erste Liga feiern. Lothar Späth (1937–2016), der Ministerpräsident, den seine Landsleute „Cleverle“ nennen, baut das „Musterländle“ zur „Baden-Württemberg AG“ um. Selbst den Papst hat Horst Rudel vor seine Kamera bekommen. In Stuttgart war er zwar nicht, aber auf dem Landesflughafen ist er von einem Flugzeug in ein anderes umgestiegen. Warum, ist nicht überliefert.

Auch die Party- und Musikszene blüht in den 80ern auf, widerlegt den Spott von Auswärtigen, in Stuttgart würde man nachts die Bürgersteige hochklappen. Der Palast der Republik eröffnet in einem früheren Klohäuschen, der Perkins Park startet auf dem Killesberg, das Zorba The Buddha lockt ins Schwabenzentrum. Noch ahnt niemand, dass das Jahr 1989 die Wende und die Wiedervereinigung bringen wird. Thomas Borgmann zieht Bilanz: „Alles in allem hat dieses Jahrzehnt Stuttgart enorm gestärkt und vorangebracht.“

Die Autoren stellen ihr Buch über die 80er am Donnerstag, 19 Uhr, im Stadtarchiv, Bellingweg 21, im Gespräch mit Günter Riederer vor.