Stuttgart-Album zu Aussichtsplätzen So niedrig war einst das Geländer des Fernsehturms

Von Uwe Bogen 

Stuttgarts Aussichten sind bestens: Weitblicke wie hier gibt’s in keiner anderen deutschen Metropole. Werber aus Stadt und Region rufen den 29. und 30. Juni zu „Tagen der Aussicht“ aus. Wir zeigen, wo man früher die Fernsicht geliebt hat.

1956 war das Geländer auf der oberen Plattform des Fernsehturms nicht sehr hoch. Foto: Sammlung Wibke  Wieczorek 14 Bilder
1956 war das Geländer auf der oberen Plattform des Fernsehturms nicht sehr hoch. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Stuttgart - Auf dem Foto von 1956 beugt sich eine junge Frau so weit über das Geländer der Fernsehturm-Plattform, dass Susi Konrad im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums vor Schreck notiert hat: „Uiii. . . ! Da kann ich gar nicht hinschauen.“ Die Absperrung war sehr niedrig. Ohne Anstrengung hätte man darüber steigen können. Thomas Fink, ein weiterer Kommentator des Internetportals unseres Geschichtsprojekts, beruhigt aber: „Die Dame wäre ,nur‘ drei Meter tiefer auf die große Plattform gefallen – sie stand auf der kleineren Plattform oben.“

Dennoch waren Tote in der Anfangszeit von Stuttgarts Wahrzeichen zu beklagen. Kurz nach der Eröffnung im Februar 1956 haben sich innerhalb weniger Tage vier Selbstmörder in die Tiefe gestürzt. Rasch war also klar, dass die Sicherheit ganz dringend erhöht werden müsse. Längst riegeln Zäune und Glasscheiben alles ab – die traumhafte Aussicht ist geblieben.

Wer Stäffele erklimmt, wird mit toller Sicht belohnt

Schon immer hat es Menschen an Orte gezogen, auf denen man erhaben über den Dingen steht und in die Ferne schauen kann. In Stuttgart gibt es dafür besonders viele Ausflugsziele. Wer diese Stadt richtig erleben will, braucht Kondition. Am schönsten präsentiert sich der Kessel von oben. Wer Stäffele und Hügel erklimmt, wird mit toller Sicht belohnt. Keine andere Stadt in Deutschland hat solche Fernblicke zu bieten.

Die Aussichtsplattform Bismarckeiche, das Höhenrestaurant im Kaufhaus Union, die Wielandshöhe, die Karlshöhe, das Mineralbad Breuninger über den Dächern der City, der Sessellift auf dem Killesberg, der Hasenbergturm, der Birkenkopf – das waren einst die begehrten Ausflugsziele Stuttgarts. Einige Orte davon gibt es heute nicht mehr, andere erfreuen sich – wie etwa die Karlshöhe – noch immer größter Beliebtheit.

Der Baumeister des Schwabtunnels war ein Tscheche

1889 wurde der Reinsburghügel zum 25-Jahr-Thronjubiläum des vorletzten Königs von Württemberg in Karlshöhe umbenannt. Zuvor hatte der Verschönungsverein Stuttgart die Kuppe des Bergs, auf dem sich ein Steinbruch befand, zu einem öffentlichen Park umgestaltet. Zur Bundesgartenschau 1961 entstand hier nach den Plänen von Rolf Gutbrod ein Ensemble aus Unterstehhalle, Milchbar, Terrasse und Treppe. Der Treff bei Milchshakes und Rock ’n’ Roll entsprach dem Lebensgefühl junger Menschen. Nach Schulschluss trafen sich die Kinder des Wirtschaftswunders bei Buttermilch oder Fürst-Pückler-Eis mit Sahne und freuten sich auf die ersten Liebesgeschichten.

Heute heißt der Biergarten auf der Karlshöhe Tschechen und Söhne. Ende des 19. Jahrhunderts war der Baumeister des Schwabtunnels ein Tscheche. Unter der Hasenbergsteige entstand der breiteste Tunnel Europas. In seinen Mittagspausen, so erzählt man sich, stieg der Baumeister auf den Hügel und trank dort selbst gebrautes Bier. Dies sprach sich rum. Gehen wir hoch zum Bier vom Tschechen, sagten die Anwohner. Der heutige Biergarten sieht sich im Erbe des Tschechen, die Wirte sind quasi seine Söhne.

Bis 1988 gab’s ein Mineralbad über den Dächern von Stuttgart

1879 ist ein 36 Meter hoher Turm auf dem Hasenberg eröffnet worden. Mit angrenzenden Wirtschaften lockte er Ausflügler an. Von der alten Pracht sind nur Steine, Ruinen, ein Stumpf des 1943 von den Nazis gesprengten Hasenbergturms geblieben, der den Flugzeugen der Alliierten keine Orientierung bieten sollte.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ist der Birkenkopf um 40 Meter gewachsen. Mehr als 1,5 Millionen Kubikmeter Kriegsschutt wurden aufgetürmt, weshalb der nun 511 Meter hohe Berg zum „Monte Scherbelino“ mit bester Aussicht wurde.

Gern erinnern sich viele an das Mineralbad Breuninger, das von 1972 bis 1988 vom obersten Stockwerk des Kaufhauses einen schönen Blick auf die City bot. Hier befand sich, als man den Namen gar nicht kannte, Stuttgarts erster Sky-Beach.

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