Stuttgart-Album zum 150. Geburtstag der Postkarte So etwas wie Opas Instagram

Von Uwe Bogen 

Die Kaiserzeit kannte keine Whatsapp. Postkarten, zunächst meist gezeichnet, gingen damals in die Welt. Zum 150. Geburtstag des analogen Klassikers blicken wir auf Raritäten aus Stuttgart.

Schon vor über 100 Jahren war das Leonhardsviertel die „Altstadt“. Die Karte mit Zeichnungen von Karl Fuchs ist 1897 beschrieben worden Foto: Sammlung Wolfgang Müller 18 Bilder
Schon vor über 100 Jahren war das Leonhardsviertel die „Altstadt“. Die Karte mit Zeichnungen von Karl Fuchs ist 1897 beschrieben worden Foto: Sammlung Wolfgang Müller

Stuttgart - Whatsapp-Grüße lassen sich nicht an die Pinnwand oder auf den Kühlschrank heften. Die gute, alte Postkarte wird handschriftlich verfasst, nicht elektronisch – im besten Fall mit Herzblut. In den ersten Jahren stand dafür nur die Vorderseite zur Verfügung. Bis 1905 gehörte die Rückseite allein der Adresse. Sodann wurde in Deutschland die hintere Seite einer Karte geteilt, wobei die linke Seite fortan Mitteilungen vorbehalten war und man vorne auf die Bildseite nichts mehr schrieb.

Zum Jubiläum eines bis heute beliebten Kommunikationsmittels – im Oktober 1869 ist die allererste Postkarte in Österreich verschickt worden – glauben viele im Internetforum unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album an die Zukunft des Klassikers auch in digitaler Zeit. Agenturchef und Autor Oliver O. Krimmel zweifelt nicht daran: „Die Postkarte ist wie Vinyl – unsterblich!“

Bis 1906 war die Lithografie bei Karten weit verbreitet

Kartensammlerin Wibke Wieczorek, der unser Stuttgart-Album zahlreiche Schätze aus vergangenen Zeiten verdankt, schreibt: „Die über 100 Jahre alten Karten faszinieren mich am meisten. Geprägt, gezeichnet, mit wunderbar umrahmten Motiven, Leporellos und vieles mehr. Den Geruch des alten Papiers mag ich, und oft ärgere ich mich, dass ich die Wörter nicht entziffern kann.“

Bis 1906 war die Lithografie bei Karten weit verbreitet, ehe sich Fotografien durchsetzten. Für Erstere werden Bilder seitenverkehrt mit Fetttusche auf den Kalkstein gezeichnet. Diese werden sodann mit Ätzflüssigkeit behandelt. An den Stellen, wo sich keine Zeichnung befindet, dringt die Flüssigkeit in die Poren des Steins ein. So bleibt später unter hohem Druck die Farbe nur an den gezeichneten Linien.

Kleine Kunstwerke mit der Post verschickt

Wolfgang Müller, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte Stuttgart, schwärmt für Karl Fuchs. So heißt der Künstler, der von 1872 bis 1969 lebte und in seiner frühen Schaffenszeit als Einnahmequelle Postkartenmotive in Aquarellmanier gestaltete und mit „K. Fuchs“ signierte, oft im Auftrag der Stuttgarter Hofbuchdruckerei Greiner & Pfeiffer. Es sind kleine Kunstwerke von Plätzen und Bauten, die heute völlig anders gestaltet oder mit dieser Architektur nicht mehr vorhanden sind.

Durch das Leonhardsviertel führte damals keine Stadtautobahn, die das Quartier auseinanderreißt. Auf der 1897 beschriebenen Karte aus der „Altstadt“, wie das Leonhardsviertel damals schon hieß, sieht man vor der Kirche einen Trödelmarkt, den es nach alten Aufzeichnungen bis 1910 gegeben hat. „Madame! Meine Geburtsstadt ist doch hübsch und malerisch.“ Auf der Vorderseite einer Postkarte hat ein „ganz ergebener“ Absender am 9. August 1897 dieses Lob auf die Heimat geschrieben. Zu sehen sind unter anderem der Stuttgarter Marktplatz mit dem Vorgängerbau des aus heutiger Sicht alten Rathauses, die Hospitalkirche und zwei schön geschlungene Brezeln.

„Wer kennt noch den Geschmack, eine Briefmarke abzulecken?“

Gisela Salzer-Bothe fragt in unserem Internetforum: „Wer kennt überhaupt noch den Geschmack, eine Briefmarke abzulecken?“ Die Facebook-Kommentatorin bedauert: „Auch bei uns älteren Menschen ist das Schreiben von Postkarten etwas abhandengekommen. Und trotzdem muss ich sagen, wenn ich eine handgeschriebene Einladung zu einem 60er oder 70er bekomme, bin ich hocherfreut.“

Postkarten sind immer Zeugnisse ihrer Zeit. Die alten Exemplare aus Stuttgart, ob bunt oder im Sepia-Farbton, führen vor, worauf die Menschen in dieser Stadt einmal stolz waren oder es noch immer sind. Die Karten sind so etwas wie Opas Instagram.

Schöne Grüße von früher. Die Vielfalt ist beeindruckend. Nicht nur auf die gleichen Standardmotive beschränken sich die Dokumente der Stadtgeschichte. Wirte haben einst ihre Gasthäuser, Immobilienbesitzer ihre Häuser und Geschäftsleute ihre Läden von Wanderfotografen aufnehmen lassen und an Freunde oder Kunden verschickt

In den 1960ern rühmten die Kartengestalter Stuttgart als „Großstadt im Grünen“. Mit Handschrift, aber gedruckt steht 1966 folgender Reim zwischen Bildern vom Fernsehturm, dem noch viel grüneren Schlossplatz und der Solitude: „Große Stadt im grünen Kranze, Perle zwischen Berg und Tal, schön strahlst du im Sonnenglanze, wirst geliebt vieltausendmal.“

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen.
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