56 Jahre ist es her, da ist die Haltestelle Charlottenplatz unterirdisch geworden. Unser Stuttgart-Album erinnert an die Großbaustelle für einen mehrstöckigen Verkehrsknoten und an die Jungfernfahrt, der ein Missgeschick von OB Arnulf Klett vorausging.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Den Ruf, Deutschlands Baustellenmetropole Nummer eins zu sein, hat sich die Stadt schon lange vor Stuttgart 21 gesichert. Bei all dem Buddeln und Bauen, so unkten Spötter bereits in den 1960ern, sollte es einen Wechsel auf dem Stadtwappen geben: Der Maulwurf müsste das Rössle ablösen. Das große Wühlen im Untergrund versperrte – damals wie heute – den Blick auf die Schönheiten der Stadt. Bob der Baumeister muss ein Stuttgarter sein.

Der 2. Juli 1962 ist ein historisches Datum der Stadtgeschichte: Da wurde am Charlottenplatz der erste Spatenstich fürs neue Tunnelreich gefeiert. Die „Operation am offenen Herzen“ begann, wie damals in der Zeitung zu lesen war. Trotz der Großbaustelle sollte es drumrum nicht zum Verkehrsinfarkt kommen. Die radikale Neuordnung mit Quer- und Längslinien für Autos und Straßenbahnen hat also vor 60 Jahren begonnen. Die Straßenbahnen mussten in den Untergrund gehen – denn oben kamen sie kaum noch voran. Der frühere Stuttgarter Arbeitsamtsdirektor Otto Uhlig hat das alles mit einer Kodak Retina Reflex aufgenommen. Baustellen faszinierten ihn – nicht zuletzt, weil dort viele Arbeitskräfte beschäftigt waren, die seine Behörde (er war deren Chef von 1950 bis 1967) vermittelt hatte.

Bis 1969 gab es im Kino im Alten Waisenhaus am Charlottenplatz

Sein Sohn Fritz Uhlig hat die Aufnahmen bearbeitet und dazu noch recherchiert, aus welchem Jahr sie stammen. Auf einem Foto vom Charlottenplatz etwa sieht man im Hintergrund das Kino der Familie Colm, das sich von 1946 bis 1969 im Alten Waisenhaus befand, im heutigen Sitz des Instituts für Auslandsbeziehungen. „Aus dem Plakat am Kino mit den rauen Reitern aus Texas schließe ich, dass die Bilder 1964 entstanden sind“, so Uhlig, „der Western hatte 1963 Premiere und kam 1964 nach Deutschland.“

Am 17. Mai 1967 durfte eine mit Fahnen und Blumen geschmückte Straßenbahn zur Jungfernfahrt in die nagelneue Tiefhaltestelle Charlottenplatz in die Ebene 1 starten. Vergleichbare Bauwerke, die einen vierstöckigen Verkehrsknoten zum großen Teil unter die Erde verlegten, gab es damals nur im Ausland. Bundesweit rühmten die Zeitungen den „Mut der Stuttgarter“, die so viel Geld dafür investierten hatten. Der erste Abschnitt am Charlottenplatz ist bereits am 10. Mai 1966 auf Ebene 2 (also ganz unten) eröffnet worden – damals noch mit je einer Rampe auf Höhe Opernhaus- und Breuninger/Holzstraße. Heute ist dieser unterirdische Ort der zweithäufig frequentierte Umsteigepunkt im Netz der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB).

Dem damaligen Oberbürgermeister Arnulf Klett kam die Ehre zuteilt, nicht nur eine Rede zu halten, sondern auch die Weiche zu stellen. Dabei ist ihm ein Missgeschick passiert, was Manfred Korber, der als  Sohn eines Straßenbahners aufzuwachsen ist, mit Fotos belegen kann.

Ein Missgeschick sorgt für Heiterkeit der prominenten Gästen

Gern denkt Manfred Kober an seine Jugend zurück: „Nach Erledigung der Hausaufgaben konnte ich oft noch eine Runde mit meinem Vater als Fahrer mitfahren, meist auf den Linien 4 und 9. Die 9  fuhr vom Bergfriedhof runter ins Neckartal nach Wangen und Hedelfingen. Am schönsten aber war die Linie 8 durch die Werfmershalde, die damals steilste Straßenbahnstrecke in Deutschland.“ Sein Vater  Richard Kober hat nach dem Krieg bei der SSB angefangen als Schaffner, war dann Fahrer, schließlich Fahrlehrer in der SSB-Fahrschule und  zuletzt auch noch im Aufsichtsdienst in der SSB-Leitstelle tätig.

OB Klett also sollte sich am Eröffnungstag um die Weiche kümmern. Das Weichenstelleisen war bei den alten Wagen vorne am Wagen eingehängt. Diese Eisen waren etwas länger, um die Weichen vom Führerstand aus bedienen zu können. Der Rathauschef ließ den Weichensteller fallen. Richard Kober konnte helfen. Er gab dem OB das Werkzeug erneut in die Hand. „Die Heiterkeit der prominenten Umgebung ist dem Missgeschick des OB zu verdanken“, schreibt uns sein Sohn Manfred Kober.

Wo sich das Kriegsministerium befand

1963 begann Schwabenbräu damit, am Charlottenplatz ein Hochhaus mit elf Stockwerken zu errichten – auf dem Gelände, auf dem sich einst das Kriegsministerium befand. In den 1980ern hat die Brauerei das 43 Meter hohe Bauwerk an einen Geschäftsmann aus dem Schwarzwald verkauft. Vor über 100 Jahren sah der Charlottenplatz mit dem Charlottenbau, einer Grünanlage mit Bäumen, Bänken und Brunnen wie ein idyllischer Platz aus. Heute lädt die Stadtautobahn nicht gerade zum Verweilen ein.

Immer wieder liest man, der Charlottenplatz sei nach der letzten Königin von Württemberg benannt. Namensgeberin war jedoch Charlotte Auguste von Bayern. Den Kronprinzen Wilhelm I. hatte sie nicht aus Liebe geheiratet. „Wir sind Opfer der Politik“, soll dieser bei der Trauung mit gleichgültiger Miene zu ihr gesagt haben. Die Ehe hielt nicht lang. Charlotte wurde nach ihrer zweiten Hochzeit Kaiserin von Österreich – ihr Ex Wihelm I. heiratete seine große Liebe Katharina, bevor er König geworden ist.

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