Stuttgart-Album zum Feuersee Eine Oase im dicht besiedelten Westen im Wandel

Rundflug Foto: Thomas Mack 8 Bilder
Rundflug Foto: Thomas Mack

15 D-Mark hat 1958 der Rundflug über den Kessel gekostet. Das Luftbild davon zeigt einen dicht besiedelten Westen. In Stuttgart gibt es wenige Plätze, um Idylle am Wasser zu erleben. Der Feuersee gehört dazu. Wie sah er früher aus?

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Am Südufer des Feuersees im Stuttgarter Westen steht mit weißer Schrift auf rotem Pfeil: „Hier trifft sich der Rest der Welt.“ Nein, die Menschen, die sich auf der Treppe nah am Wasser treffen, sind damit nicht gemeint. Die Signalschrift ist auf einen Mülleimer geklebt und Teil der städtischen Werbekampagne für mehr Sauberkeit.

Wenige Meter weiter fällt eine Nackte auf, aber den Passanten scheint dies egal zu sein. Schließlich ist die „Große Badende“ aus Bronze des Künstlers Walter Rempp eine alte Bekannte, bereits seit 1986 steht die Skulptur an dieser Stelle mit Seeblick. Mit hängender Schulter sieht die Schwimmerin aus, als sei sie gerade dem See entstiegen. Sie hat hier im Westen schon viel kommen und gehen gesehen – gute wie nicht so gute Zeiten.

In Stuttgart gibt es nur wenige Plätze, an denen man Idylle am Wasser erleben kann. Die Umgestaltung vor knapp fünf Jahren hat den Westlern einen beliebten Treffpunkt mit Treppenhocketse beschert, bei dem in der Pandemie Vorsicht geboten ist.

Feuerlöschsee wurde 1701 angelegt

Als die Johanneskirche im 19. Jahrhundert direkt in den See auf einen angelegten Untergrund gebaut worden ist, ahnte man nichts vom Coronavirus. Da hatten die Menschen vor anderen Krankheiten Angst. Am 30. April 1876, also ziemlich genau vor 145 Jahren, ist die „kleine Notre-Dame im Stuttgarter Westen“, wie man sie heute nennt, eröffnet worden. Architekt Christian Friedrich Leins hatte 660 Pfähle aus dem damals neuen Baustoff Beton (die Entwicklung eines wasserbeständigen Mörtels begann bereits im 18. Jahrhundert) in den See stampfen und verankern lassen.

Die Bevölkerung Stuttgarts war damals explosionsartig angewachsen – eine Folge des industriellen Booms. Die Stadtplaner entwarfen einen neuen Stadtteil. Großzügig und repräsentativ sollte der Westen mit der prachtvollen Querachse Herrmann- und Johannesstraße werden, unterbrochen durch die Feuersee-Anlage.

Dazu musste der kleine, dreieckige Löschsee, den die Feuerwehr im Jahr 1701 geschaffen hatte, vergrößert und umgestaltet werden. Auf der künstlich angelegten Halbinsel entstand mit der Johanneskirche die erste Bürgerkirche Stuttgarts, die nach der Reformation als evangelische Kirche gebaut worden ist.

Fehlende Turmspitze ist ein Mahnmal gegen den Krieg

Der imposante Kirchenturm war 66 Meter hoch. Bei den Bombenangriffen von 1943 und 1944 ist das Gotteshaus schwer zerstört worden. Beim Wiederaufbau fehlte es an Geld, alles wiederherzurichten. Heute ist die fehlende Turmspitze ein Mahnmal gegen den Krieg.

Als der Vater unseres Lesers Thomas Mack in dem kleinen Flugzeug D-EFIV im Jahr 1958 für 15 D-Mark einen Rundflug über Stuttgart unternommen hat, war die Kirche nicht mehr vollständig. Man sieht auf seinem Foto eindrucksvoll, wie eng damals schon der Westen bebaut war und wie der See einen raren Erholungsraum geboten hat. Erstaunlich ist, dass 13 Jahre nach dem Krieg in dem dicht besiedelten Westen aus der Vogelperspektive des Fotografen fast keine Kriegswunden mehr zu erkennen sind.

Erinnerungen an den Markttag am Feuersee

Am Feuersee, der auf der alten Aufnahme vermutlich von Algen so grün war, befand sich einst der Markt und eine gusseiserne Standuhr. Unsere Leserin Irmgard Abt weiß aus der eigenen Familie, was die Markthändler am Feuersee vor dem Krieg verkauft haben. Im Internetportal unseres Geschichtsprojekts „Stuttgart-Album“ schreibt sie: „Bei meiner Mutter gab es geschlachtete Hasen und Eier – das war eine sehr mühsame Arbeit. Dafür bekamen wir immer mal wieder ein paar neue Schuhe.“ Bei anderen gab’s Gemüse und Blumen. „Als ich Kind war, fehlte der Pfeifferskarle nie auf dem Markt“, hat Liselotte Fackler gepostet.

Die große Standuhr am Feuersee hat den Krieg nicht überlebt. Sie wurde eingeschmolzen und das Material der Waffenproduktion zugeführt.

Eine Luftaufnahme vom Feuersee stammt aus dem Jahr 1953. Die Ballonsportgruppe Stuttgart ist mit dem Schwabenballon über den Westen gefahren. Was auffällt: Der Sponsornamen Kessler steht groß am Ballon. Auch damals gab’s – wie heute – im See eine große Wasserfontäne. Hat man damals im Feuersee schwimmen können? Auch wenn die nackte Badende an der Südseite aussieht, als wäre sie dem Wasser entstiegen, dürfte es nicht empfehlenswert gewesen sein. Das Ziel, das keineswegs neu ist, lautet auch heute: Die Wasserqualität muss besser werden!




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