Stuttgart-Album zum Planetarium Als ein Hauch von Weltstadt nach Stuttgart kam

Blick vom Bahnhofsturm in den späten 1920ern: Auf der Fassade des damaligen Hindenburgbaus ist noch die Schrift „Planetarium“ zu lesen. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek 13 Bilder
Blick vom Bahnhofsturm in den späten 1920ern: Auf der Fassade des damaligen Hindenburgbaus ist noch die Schrift „Planetarium“ zu lesen. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Stuttgart gehört zu den ersten Städten der Welt, die in den späten 1920ern ein Planetarium bekamen. Die Kuppel auf dem damaligen Hindenburgbau war das Fenster zum All. Heute hat das Gebäude aus politischen Gründen keinen Namen mehr.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Münder sind weit aufgerissen, aus großen Augen blicken Kinder wie Erwachsene fasziniert nach oben. Bob Kachler hat uns eine herrliche Aufnahme aus dem Jahr 1928 geschickt, die den Zuschauerraum des ersten Stuttgarter Planetariums zeigt. Das Sternentheater befand sich in einer Kuppel auf dem Hindenburgbau gegenüber vom Hauptbahnhof. Stuttgart gehörte zu den ersten Städten der Welt, die nach Erfindung des Projektors ein Planetarium bekamen (München war bereits 1925 dran).

Seit Ewigkeiten fasziniert die Menschen das Universum und die Frage nach ihrer Herkunft. Schon Urvölker orientierten sich am Himmel. Einst glaubte man, dass die Sonne, der Mond und alle Planeten sich um die Erde drehen. Johannes Kopernikus sagte, es sei andersherum: In der Mitte ist die Sonne. Es dauerte, bis sich diese Lehre durchgesetzt hat. Möglich machten den Blick zum Himmel Fernrohre, Teleskope und später Planetarien. Seit dem 16. Mai 1928 besitzt Stuttgart ein Fenster zum All. Der erste Projektionsapparat (Zeiss Modell II) konnte den Sternenhimmel von jedem Ort der Erde aus darstellen und galt damals als optisches und mechanisches Wunderwerk. Stuttgart bekam damit eine Touristenattraktion beim damals ebenfalls neuen Hauptbahnhof.

Das Kino Ambo hat 2007 für immer geschlossen

Bob Kachler kennt sich gut aus. Er schreibt: „Das Planetarium bot 450 Besuchern Platz, der Kuppeldurchmesser betrug 25 Meter. In den Kriegswirren ist der Betrieb des Planetariums 1943 eingestellt worden. Bei Luftangriffen im Februar und März 1944 wurde der Hindenburgbau weitgehend zerstört. Nach dem Krieg errichteten die Amerikaner in den 1950er Jahren ein ,Special-Service-Kino’, welches 1955 als Rex-Kino bekannt wurde, Mitte der 1980er wurde daraus das Kino Ambo, und die Schließung des Kinobetriebes war 2007. Der alte Zeiss-Planetariumsprojektor kann heute im Kassenraum des neuen Planetariums besichtigt werden.“

Ein Hauch von Weltstadt im Stuttgart der späten 1920er

Die erste Idee für den Hindenburgbau geht auf die 1920er Jahre zurück. 1922 sind die ersten Züge in den Bonatz-Bau gefahren. Zwischen dem alten Bahnhofsgebäude an der heutigen Bolzstraße (dort befindet sich das Metropol) und dem Neubau klaffte eine große Lücke von fast 400 Metern – dort nämlich, wo sich einst die Gleisanlagen befanden. Paul Bonatz hatte dafür eine Idee: Auf der Freifläche, wo Jahrmärkte veranstaltet worden sind, ein Hippodrom stand oder der Zirkus Knie gastierte, sollte ein „wuchtig leichter Längsbau, sechsgeschossig mit neun Meter hohen Arkaden und einem Durchgang in der Mitte“ entstehen.

Nicht ganz den Ideen von Bonatz entsprach, was die Architektengemeinschaft Schmohl, Staehelin, Eitel (Stuttgart) und Bielenberg (Berlin) schließlich baute. 1928 konnte ihr Gebäude mit dem Planetarium, einem Großrestaurant (2000 Plätze), einem dreistöckigen Konzertcafé, Läden, Büros und Schnellgaststätte bezogen werden. Die Bevölkerung war aufgerufen, Namensvorschläge zu unterbreiten. Die Entscheidung fiel auf den damaligen Reichspräsidenten Hindenburg. Die in Naturstein verkleidete Stahlkonstruktion erinnert an den neoklassizistischen Stil. Der Hindenburgbau brachte einen Hauch von Weltstadt in das Stuttgart der späten 1920er Jahre.

Bis 1992 befand sich das Tabaris mit dem Tanztee im Hindenburgbau

1944 wurde der Hindenburgbau im Zweiten Weltkrieg zerstört. Zuerst sollte im nun fünfstöckigen Neubau (nach altem Vorbild) der Landtag einziehen. Dann entdeckten ihn die Amerikaner für sich. Geblieben ist ein Büro- und Geschäftshaus, das auch von der Gastronomie genutzt wurde. Bis 1992 befand sich hier das Tabaris mit dem legendären Tanztee. Die Front des Kulturdenkmals beim Hauptbahnhof ist 136 Meter lang. Im Jahr 2006 ist das Gebäude um eine Glasfassade aufgestockt worden. Die begehbare Galerie zwischen Außen- und Innenfassade bietet einen Panoramablick auf die Stuttgarter Innenstadt. Etwa 800 der insgesamt 1765 Quadratmeter dieser neuen Etage hat der baden-württembergische Städtetag angemietet.

Schriftzug „Hindenburgbau“ wurde 2010 an der Fassade entfernt

Im Jahr 2009 beantragten der Stadtrat Hannes Rockenbauch (SÖS) und die Stadträtin Ulrike Küstler (Die Linke), dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude einen neuen Namen zu geben. Hindenburg sei „Symbolfigur der Feinde der Demokratie“ gewesen. Als der Gemeinderat im Sommer 2010 die Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg aberkannte, zogen die Eigentümer des Gebäudes im November 2010 auch die Namensbezeichnung zurück - der Schriftzug an der Fassade wurde entfernt. Bis heute gibt’s keinen neuen Namen. Ende 2015 hat Ferdinand Piëch junior den Gebäudekomplex für 101 Millionen Euro gekauft.

Das zweite Planetarium von Stuttgart wurde 1977 eröffnet

Die Sterne mussten in Stuttgart warten. Erst Jahrzehnte später kam beim Blick ins All die Fortsetzung. Zur Bundesgartenschau im April 1977 wurde das zweite Planetarium im Schlossgarten eröffnet worden. Die Firma Zeiss in Oberkochen hatte der Stadt den damals weltweit modernsten Projektor geschenkt und zusätzlich eine Million D-Mark als Baukostenzuschuss gestiftet. Das Gebäude in Form einer Stufenpyramide ist noch im ersten Jahr für seine Architektur ausgezeichnet worden und steht heute unter Denkmalschutz. Viele Jahre befand sich auch das Kommunale Kino darin. Die Pläne, das Planetarium wegen Stuttgart 21 nach Bad Cannstatt umzusiedeln, sind verworfen worden.

Coronabedingt ist das Planetarium momentan geschlossen. Doch Direktor Uwe Lemmer beantwortet digital kosmische Fragen und zeigt Filme. Das Publikum erfährt etwa, dass es im ganzen Universum geschätzt eine Quadrillion Sterne gibt – das ist eine Eins mit 24 Nullen –, aber nur einige Tausend sichtbar sind.

So sieht eine Eins mit 24 Nullen aus: 1000000000000000000000000.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“. Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann kostenlos den Newsletter „StZ Damals“ abonnieren unter: stzlinx.de/stzdamals.




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