Bei der Freigabe für Autos war der Wagenburgtunnel 1958 mit 824 Metern der längste Straßentunnel Deutschlands. Für Stuttgart 21 kommt nun ein Tunnel unter den Tunnel. Davor ist eine Baustelle entstanden, die nicht erahnen lässt, wie beschaulich es hier mal war.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Die Schilder auf dem Foto von 1959 zeigen, wo es nach „Nürnberg“, „Ulm“ und „Stgt Bad Cannstatt“ geht. Längst sind sie verschwunden. Heute bräuchte man ein Schild, das anzeigt, wo sich der Wagenburgtunnel befindet. Denn umringt von Bauzäunen, Containern und blauen Röhren geht der Tunneleingang fast unter. Auch der längste Tunnel hat bekanntlich mal ein Ende. Doch noch lässt sich nicht erahnen, wann die Riesenbaustelle verschwindet. Nur eines ist klar: So beschaulich wie auf den alten Fotos wird es hier nicht mehr sein.

 

An die „strahlend weißen Fliesen an der Tunnelwand“ kann sich Christa Weiß, eine Facebook-Kommentatorin unseres Stuttgart-Albums, gut erinnern. Doch das ist lange her. „Habt ihr schon mal morgens um etwa 8 Uhr gesehen, was für riesige Staubwolken da aus dem ehemaligen Club Röhre rauskommen und sich über die Stadt legen?“, fragt Eberhard Rapp in unserem Internet-Forum. „Kein Wunder“, schreibt er, „dass unsere Stadtluft so schlecht ist.“

1941 war der Durchbruch im Wagenburgtunnel

Ohne Schutzhelm dürfte heutzutage keiner eine Tunnelbaustelle betreten – 1941 aber trugen beim Durchbruch des Wagenburgtunnels alle Herren Hüte. Die Honoratioren der Stadt waren in ein dunkles Loch gestiegen, um dabei zu sein, wenn sich die Bauarbeiter von beiden Seiten – vom Osten der Stadt und von der Straßenkreuzung Gebhard-Müller-Platz beim Hauptbahnhof aus – durchgeschlagen hatten und sich im Stollen die Hand geben konnten. Das Haus des Dokufilms hat die bewegten Bilder mit Herren und ihren Hüten ins Netz gestellt. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis Autos durchfahren konnten.

Erst 1958 ist der damals längste Straßentunnels Deutschlands eröffnet worden. Geplant war die Verbindung zwischen Ostheim und Stadtmitte bereits in den 1920er Jahren. Doch zunächst fehlte Geld, um so ein gewaltiges Bauprojekt zu finanzieren. Mit der Nazi-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg kam die Notwendigkeit, Schutzräume zu schaffen. So beschloss die Stadt Anfang der 1940er, zwei Röhren für den Autotunnel durch den Berg zu graben, die zudem 15 000 Menschen im Fall der Bombardierung Schutz bieten sollten.

Nicht der gesamte Tunnel ist einst unter der Uhlandshöhe bergmännisch erstellt worden. Das letzte Stück am Ostportal entstand in offener Bauweise. Aus Kostengründen und um den Osten nicht noch stärker mit Verkehr zu belasten, hat die Stadt nach Kriegsende entschieden, nur eine der beiden Röhren fertigzustellen. Es gab aber noch einen Grund für diese Lösung: Schon beim Bau der Südröhre sind die Arbeiter auf Gipskeuper gestoßen. Der Boden begann sich zu heben. Wegen der unkontrollierbaren Quellvorgänge wollte man die Nordröhre nicht fertigstellen. Durch die Südröhre rollten am 17. März 1958 die ersten Autos – Fußgänger und Radfahrer durften nicht durch.

Musikbühne von 1985 bis 2012 in der Röhre

Die unvollendete Nordröhre wurde später zum Fluchtweg für den benachbarten Autotunnel ausgebaut. Der bereits fertiggestellte Abschnitt auf der Innenstadtseite diente von 1985 bis Januar 2012 dem Musikclub Die Röhre als Veranstaltungsort. Künftig wird dieser Teil der Nordröhre zur Rettungszufahrt für die darunter verlaufenden Eisenbahntunnel. Für Stuttgart 21 werden der Fildertunnel und der Tunnel Obertürkheim jeweils mit beiden Röhren den Wagenburgtunnel unterqueren.

Die Konzertbühne blieb dabei auf der Strecke, wie in unserem Facebook-Forum bedauert wird. Kommentator Thomas Mayer etwa vermisst eine „Heimat für die Subkultur in dieser Stadt“. Und Bernd Heller hat beim Anblick der Fotos „sofort den Geruch der Röhre in der Nase“.

Thomas Mack erklärt zu seinem Foto vom Ende der 1950er, das es er vom Wagenburgtunnel geschickt hat: „Man beachte den DKW-Bus vom Radio- und Fernsehhaus Knörzer. Radio Barth und Knörzer waren die beiden größten Rundfunk- und Fernsehgeschäfte in Stuttgart. Leider kam Herr Knörzer durch tragische Umstände ums Leben. Damals wurden die Fernsehgeräte noch nach Hause gebracht und eingestellt.“

Ein Kind lief durch den Tunnel

Eberhard Kenner steuert folgende Erinnerung bei: „Anfang der 1970er Jahre wurde an meinem Renault R4 plötzlich der Kühlwasserschlauch leck, ich konnte den Wagen gerade noch in die Seitenbucht vor den Tunneleingang steuern. Ein hilfsbereiter Stuttgarter schleppte mich für 10 DM nach Esslingen durch den Wagenburgtunnel. Ich danke dem Helfer noch heute dafür!“

Nathalie Bour schreibt: „Jedes Mal, wenn ich durchfahre, denke ich, dass mal einer die Kacheln putzen könnte.“ Und La Lexi wird nie vergessen: „Beim Ausflug des Ferienwaldheims Wangen war ein Kind verschwunden und kam nach Stunden zurück. Auf die Frage, wie, antwortete es: ,Zu Fuß durch den Wagenburgtunnel.‘ Darauf der Betreuer: ,Kriegsch a Duplo, wenn de deinen Eltern nix sagscht!‘“

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