Sauerkraut war vor fast 100 Jahren ein Hit auf dem Cannstatter Wasen. Dahinter tanzten, so zeigt die alte Zeichnung, „Kameruner“. Die Kolonialzeit sorgte für Rassismus. Wie wurde das Volksfest früher gefeiert?
Jedes Jahr im September und Oktober läuft das Cannstatter Volksfest auf dem Wasen. Ein schöner Anlass, mit historischen Ansichtskarten zu zeigen, wie man früher am Neckar gefeiert hat.
Heutzutage sind die Besucherinnen und Besucher des beliebten Rummels eifrig dabei, sich mit Selfies ins rechte Licht zu rücken. Via Instagram und Facebook werden Bilder gepostet, damit alle sehen, wie schön es hier ist - und wie schön man selbst ist.
Schon früher war’s ein beliebter Brauch, dass man vom Wasen Grüße versendet. Via Post dauerte halt alles ein bisschen länger. Freunde und Verwandte sollten Anteil nehmen, wenn man selbst eine gute Zeit hat. Zunächst gingen meist kunstvoll gezeichnete Karten in den Postumlauf.
Bis 1919 war Kamerun eine deutsche Kolonie
Auf so einer Zeichnung, die 1916 verschickt worden ist, sieht man ein großes Schild, auf dem „10 000 Portionen Sauerkraut“ steht. Das „Superfood“ wird gerade im Stadtpalais gefeiert. Die Biermarke beim Kraut hieß damals „Löwenbräu“, kommt also aus Bayern. Angeboten werden Saitenwürstle zum Mitnehmen. Weiter hinten sind schwarze Menschen zu sehen, die tanzen. Auf dem Schild steht „Kameruner“. Sie wurden als Exoten vorgeführt – ein Zeichen für den Rassismus dieser Zeit. Heute würde so eine Darbietung zu Recht einen Sturm der Entrüstung auslösen. Von 1884 bis 1919 war Kamerun eine deutsche Kolonie.
Das Bier ist von „Löwenbräu“, kommt also als Bayern
Die alten Karten beweisen: Man machte sich schön für das Volksfest, dessen Ursprung das Landwirtschaftliche Hauptfest war, lief im Sonntagsstaat an der Königsloge vorbei. Der Wasen war schon immer mehr als eine Zecherei. Er ist auch ein Jahrmarkt, ein Ort, wo man sich zeigt und Menschen trifft.
Wer heute in den Bierzelten sieht, wie die Kellner mit voll beladenen Tellern und Krügen umherwuseln, mag kaum glauben, dass der Ursprung des Volksfestes in einer Hungersnot liegt. Ein Vulkanausbruch im heutigen Indonesien hat schon vor über 200 Jahren eine Klimakatastrophe verursacht. In Deutschland regnete es nur noch. Getreide verschimmelte, Kartoffeln verfaulten, nichts wollte reifen. Ernteausfälle, Armut, 1816 war das Jahr ohne Sommer – all dies brachte König Wilhelm I. dazu, die Landwirtschaft zu reformieren und ein Volksfest zu feiern.
Das Fest mit Pferderennen beschränkte sich auf einen Tag
Am 28. September 1818, einen Tag nach Wilhelms 36. Geburtstag, ist die Fruchtsäule auf dem Cannstatter Wasen errichtet worden – am noch nicht aufgestauten Neckar. Man blickte von diesem Ort auf die königliche Villa Bellevue an der Wilhelma. Das Fest mit Pferderennen beschränkte sich auf einen Tag. Es sollen 30 000 Besucherinnen und Besucher gekommen sein – also weit mehr Menschen, als in Stuttgart und Cannstatt damals lebten. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte sind Stuttgart und Bad Cannstatt immer größer geworden – und das Volksfest verlängerte sich auf immer mehr Tage.
Seit dem ersten Volksfest 1818 ist vieles anders geworden – eines aber blieb: Die Fruchtsäule, einst vom württembergischen Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret entworfen, erinnert daran, dass der Wasen seinen Ursprung im Erntedank hat. „Am Siebene an dr Fruchtsäule“. Schon seit Generationen ist klar, wo man sich trifft.
Hans-Peter Grandl, der langjährige Festwirt auf dem Wasen, der sich in den Ruhestand zurückzieht (das nun von Marcel Benz geführte Zelt ist aber noch immer nach ihm benannt) trug mit der Verlegerin Karin Endress vom „Top-Magazin“ maßgeblich dazu bei, dass die Lederhose und das Dirndl seit Jahren das Volksfest prägen. Der Kritik, die Schwaben würden bayerische Traditionen übernehmen, entgegnet er: „Längst sind Trachten internationalisiert.“ Es gebe ja auch eine Württemberger Tracht. Die einheitliche Kleidung sorge für ein großes Gemeinschaftsgefühl.
Der Anteil der Dirndl und Lederhosen steigt von Jahr zu Jahr. Die Kostümierung reicht von Billigtracht made in Fernost bis zu Luxusstoffen vom Designer. Ohne die lange Tradition würde es heute keine Modetrends geben. Die alten Karten vom Volksfest zeigen, wie sich die Zeit geändert hat. Mitunter ist man aber auch entsetzt wie bei den tanzenden Menschen aus Kamerun.
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Hinweis: Dieser Artikel ist erstmals im September 2023 erschienen und wurde im Juli 2024 aktualisiert.