Stuttgart-Album zur Historie der Warenhauskette Wie Breuninger in 143 Jahren so erfolgreich wurde

Der frühere Breuninger-Chef und heutige Miteigentümer Willem G. Agtmael (Mitte) stellte 2010 die Pläne für das Dorotheen-Quartier vor – mit OB Wolfgang Schuster (links) und Baubürgermeister Matthias Hahn. Foto: //Leif Piechowski

Wer anders ist, kommt voran. Diese Maxime galt bei Breuninger schon früh. 1881 hat Eduard Breuninger, ein gebürtiger Backnanger, sein erstes Geschäft in Stuttgart eröffnet – und als Losung ausgegeben: „Wir müssen anders sein als die anderen.“ Ein Rückblick.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Als der damalige Breuninger-Chef und heutige Miteigentümer Willem G. van Agtmael zum 125-Jahr-Jubiläum des Traditionsunternehmens 2006 ein opulentes Image-Buch mit der Historie „des Stuttgarter Leuchtturms“ herausbringt, wählt er als Titel „Von der Verantwortung, anders zu sein“.

 

Sich abheben von der Konkurrenz, mit Pioniergeist voranschreiten, Trends setzen – was Firmengründer Eduard Breuninger mit seinem Appell, stets anders sein zu wollen als die anderen, den Beschäftigten schon vor 143 Jahren eingeschärft hat, griff der gebürtige Holländer van Agtmael viele Jahrzehnte später gern auf. In seiner aktiven Zeit im operativen Geschäft verknüpfte er dieses Anderssein also mit „Verantwortung“.

Wie es nach einem möglichen Verkauf der Warenhauskette und der Immobilien mit der Verantwortung für Stuttgart aussieht, für die Stadt, in der für Breuninger 1881 alles begann und in der sich noch bis heute der Stammsitz befindet, sowie mit der Verantwortung für die Beschäftigten, ist noch völlig unklar. Bisher weiß man nichts Genaues. Klare Worte von Breuninger fehlen noch.

Heinz Breuninger lernte Willem G. van Agtmael 1972 kennen

Breuninger und Van Agtmael – das ist eine reine Zufallsbekanntschaft. Gerade mal 24 Jahre alt ist der im niederländischen Den Haag geborene Hotelfachmann van Agtmael, als er 1972 im Auftrag von Holiday Inn nach Sindelfingen geschickt wird. Am Tag der Hoteleröffnung lernt der junge Direktor den Kaufhauseigentümer Heinz Breuninger, Enkel des Gründers, kennen. Die beiden liegen offensichtlich auf der selben Wellenlänge, denn schon ein Jahr später wechselt van Agtmael zu Breuninger.

Der Firmenchef ist so beeindruckt von der Arbeit des Nachwuchsmanagers, dass er ihn Ende der 1970er zu seinem Nachfolger bestimmt. Seiner Tochter Helga, fast gleich alt wie Van Agtmael, traut Heinz Breuninger die Führung des Unternehmens wohl nicht zu. Als der Chef 1980 unerwartet stirbt, übernimmt der junge Holländer die alleinige Führung. Helga Breuninger muss sich mit der Leitung der Breuninger-Stiftung begnügen, was ihr zunächst nicht leicht fällt. Doch längst gilt die Stiftung als überaus wichtig und segensreich für Stuttgart.

Doch blicken wir noch weiter zurück. Die Erfolgsgeschichte des heutigen Lifestyle- und Luxusunternehmens beginnt in Backnang – in der Stadt, in der Frank Nopper, der Oberbürgermeister von Stuttgart, bereits Rathauschef war. In Backnang ist am 14. Juli 1854 Eduard Breuninger als Sohn eines Gerbers zur Welt gekommen. Nach der Volks- und Realschule absolviert der Spross einer Lederdynastie in seiner Geburtsstadt eine kaufmännische Lehre in einer Apotheke, kommt dann schon mit 17 Jahren nach Stuttgart, wo er bei der Manufakturwaren-Großhandlung Bonnet und Gundert arbeitet.

1881 gründet Eduard Breuninger in Stuttgart sein eigenes Warenhaus. „Mit ganz bescheidenen Mitteln, größtenteils Ersparnissen“, wie er später schreibt, übernimmt er das Geschäft der Firma E.L. Ostermeyer an der Münzstraße 1 – hier befindet sich also die Wiege der Warenhauskette. 1887 erwirbt Breuninger zusätzlich das ehemalige Gasthaus „Zum russischen Großfürsten“ an der Münzstraße 7.

Werbeanzeigen waren damals selten

Schon in den ersten Jahren als Stuttgarter Kaufmann setzt der Firmengründer auf Werbeanzeigen, was damals noch eine Seltenheit ist. Als Eduard Breuninger seinen zweiten Neubau plant, reist er mit dem Schiff in die USA, um dort revolutionäre Wege des Verkaufens zu studieren. Selbst als die Wirtschaft darniederliegt, expandiert er.

1932 stirbt der Firmengründer. Sein Sohn Alfred Breuninger tritt nach der Machtergreifung von Hitler der NSDAP bei und erwirbt 1937 von jüdischen Eigentümern, weit unter dem Marktwert, wie Historiker erforschen, ein Geschäftshaus am Marktplatz. Die Wehrmacht erteilt ihm Aufträge zur Herstellung von Uniformen. Auch Zwangsarbeiter soll er beschäftigt haben.

1952 ist die Geburtsstunde von „Breuni“

Nach dem Tod von Alfred Breuninger im Jahr 1947 übernimmt Heinz Breuninger, der Enkel des Gründers, die Geschäfte. Er geht den Wiederaufbau zielstrebig an. 1952 erfindet er „Breuni“, einen Bär, das Firmenmaskottchen und führt als erstes deutsches Kaufhaus eine Kundenkarte ein – zum bargeldlosen Einkauf. Auch das Sortiment wird erweitert. Heinz Breuninger lässt obendrein ein Mineralbad im obersten Stockwerk bauen und setzt auf das Einkaufserlebnis.

Die vierte Generation gehört nicht zur Familie

Als 1980 der Enkel des Firmengründers im Alter von 60 Jahren unerwartet stirbt, übernimmt als vierte Generation ein Nichtmitglied der Familie die Führung. Willem G. van Agtmael, der 2012 mit 65 Jahren n den Ruhestand geht, kurz nachdem die Planungen für das Dorotheen-Quartier in trockenen Tüchern sind, holt in den Vorstand der Heinz-Breuninger-Stiftung die Testamentsvollstrecker Wienan Meilicke, Benno Strathmann, Theo Henselijn und Wolfgang Blumers.

2004 lösen die Vorstandsmitglieder die Stiftung auf, um die ein hitziger Streit vor Gericht ausgetragen wird. Meilicke und van Agtmael übernehmen je 40 Prozent an Breuninger, die restlichen 20 Prozent halten die Familien Bretschneider und Seidel. Und diese Familien sind es nun, die über den Verkauf des Konzerns entscheiden.

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