Stuttgart-Album zur legendären Freitreppe „War das eine geile Zeit“

Von Uwe Bogen 

Ein Ort der großen Gefühle: Beim Kleinen Schlossplatz schießen Emotionen hoch. Ein Foto der legendären Freitreppe sorgt im Internet-Forum unseres Stuttgart-Albums für Klickrekorde. Ein Kommentar von vielen: „War das eine geile Zeit!“

Von 1993 bis 2002  stand auf dem Kleinen Schlossplatz die  30 Meter breite Freitreppe, die noch  heute von sehr vielen Stuttgarterinnen und Stuttgartern  vermisst wird. Foto: Horst Rudel 15 Bilder
Von 1993 bis 2002  stand auf dem Kleinen Schlossplatz die  30 Meter breite Freitreppe, die noch heute von sehr vielen Stuttgarterinnen und Stuttgartern vermisst wird. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte des Streits, der Irrtümer, der Hochgefühle. Vor dem Bahnprojekt S 21 ist in dieser Stadt über kaum ein anderes Thema so heftig gestritten worden wie über diese zentralen Meter der Königstraße. Schlägt hier das Herz Stuttgarts? Hart umkämpft war jeder Schritt von der Ruine des Kronprinzenpalais bis zum verglasten Kunstmuseum.

Die schönsten Erinnerungen betreffen die Jahre 1993 bis 2002. Da hat eine 30 Meter breite Freilufttribüne die hektische Stadt auf wunderbare Weise entschleunigt. Bei der legendären Freitreppe wird es vielen ganz warm ums Herz, und die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erwacht. Im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums hat gerade erst das Foto von sitzenden Menschen auf einer breiten Treppe innerhalb von zwei Tagen für knapp 70,000 Besuche gesorgt. Unzählige Male wurde das Foto geteilt. Die freudigen Kommentare sind  nahezu endlos und einhellig.

„Oh bitte, ein Freundschaftsbecher mit zwei Strohhalmen“

„Eisessend von der Treppe aus dem hektischen Gewusel zugeschaut und den Passanten ihrer  Gangart entsprechend  Tiere zugeordnet“, erinnert sich eine Userin.   „War das eine geile Zeit“, ist zu lesen. Und: „Oh bitte, ein Freundschaftsbecher mit zwei Strohhalmen.“ Im Möpi, wie das Mövenpick genannt wurde, gab’s 25 Kugeln in einer unverschämt großen Glasschale mit zwei langstieligen Löffeln – als Zeichen der Zuneigung.

Eine Kommentatorin erklärt, wie glücklich der Aussichtsplatz gemacht hat: „Ging es mir schlecht, setzte ich mich darauf und ließ die Bevölkerung an mir vorbeiparadieren. Beim direkten Vergleich fühlte ich mich gleich wieder jung und begehrenswert.“

2002 ist die Treppe, die nur als Provisorium kam, für das Kunstmuseum abgerissen worden. Es war nicht der erste Abriss an diesem Ort. Nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg standen nur noch die Außenmauern des 1844 bis 1850 für Kronprinz Karl und seine Frau Olga errichteten Wohnhauses. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der zerstörten Innenstadt neu ordnen und den Verkehrsweg in den Stuttgarter Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten, dem Kronprinzenpalais ein Ende zu bereiten. Aber erst 1962 und 1963 wurde der Abriss vollzogen.

Unvergessen ist auch Pauls Boutique

Mit dem Bau des Planietunnels entstand der Kleine Schlossplatz. Etwa sechs Meter über dem Niveau der Königstraße stülpten die Architekten einen Deckel über den Verkehrsknotenpunkt von Straßenbahn und Autos. Stadtbalkon nannte man die Betonplatte mit Verkaufspavillons. Als 1977 die Königstraße zur Fußgängerzone wurde, blieben die Autofahrbahnen mit ihren schwarzen dunklen Löchern unter dem Betondeckel verwaist. Denn der Verkehr wurde um einen Stock tiefer gelegt.

1992 schlug Walter Betz, einer der Architekten der umstrittenen Betonburg, der Stadt vor, eine Freitreppe von der Königstraße hoch zur Betonplatte zu bauen. Die Treppe wurde zum Star der City. Den lieben langen Tag saßen Menschen auf den Stufen, sonnten sich, verabredeten sich an dieser Stelle. Manche fühlten sich an die Spanische Treppe in Rom erinnert. Doch dann musste Stuttgarts „Wohnzimmer“ fürs Kunstmuseum weichen, das 2005 eröffnet wurde. Viel Lob gab’s für den Glaskubus.  „Selbst wenn das neue Museum keine andere Aufgabe hätte, als den  Touristen eine schöne Aussicht auf die Stadt zu bieten, müsste man den Bau in den höchsten Tönen loben“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“. Die  Freitreppe wurde dennoch vermisst. Der Ersatz war eine kleinere, nach hinten versetzte Treppe.

Unvergessen ist auch die Bar Pauls Boutique im ehemaligen Kartenhäusle, die von 1995 bis 2002 zum Zentrum des Nachtlebens geworden ist. Legenden vergisst man nicht.

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