Stuttgart-Album zur Schulstraße Erinnerungen an die alte Pracht auf 130 Metern

So sah die Kaufhalle (später: Sportarena) im Jahr 1959 aus . . .  Foto: /Sammlung Wibke Wieczorek-Becker

Die Sportarena wird abgerissen. Bis 2025 soll der Signa-Neubau für Büros und Handel fertig sein. Unser Stuttgart-Album zeigt, wie es früher hier ausgesehen hat. Ein Blick zurück in die Geschichte der 130 Meter langen Schulstraße.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Was ist aus der alten Pracht geworden? An der Schulstraße, die mal bundesweit eine Vorreiterrolle gespielt hat, stehen nicht nur Läden leer. Nun wird auch noch der obere Teil der Gasse an der Königstraße zur Baustelle. Der Abriss des 65 Jahre alten Gebäudes, in dem sich zuletzt die Sportarena und davor die Kaufhalle befanden haben, hat begonnen.

 

Die Firma Signa Real Estate, die dem Karstadt-Investor René Benko gehört, plant an dieser Ecke das neue Geschäfts- und Bürohaus Zwei Hoch Fünf in einer Holz-Hybrid-Bauweise. Während der Bauzeit wird die Rampe zur Königstraße um etwa die Hälfte verkleinert. Aus diesem Grund ist bereits ein Fußgängersteg entstanden, der auch die Barrierefreiheit an diesem Ort gewährleisten soll.

Unser Stuttgart-Album blickt aus diesem Anlass zurück auf die Geschichte eines Sträßchens, das einst als modern galt und über den Talkessel hinaus den Ton angab – als eine der ersten Fußgängerzonen in Deutschland. Die Schule, nach der die Straße benannt ist, gibt es schon lange nicht mehr. Auch die alte Pracht der Fachwerkhäuser, die aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammten und die auf alten Fotos bewundert werden können, ist Vergangenheit, von den Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Einstmals war die Schulstraße eine Sackgasse

Die Schulstraße überbrückt einen Höhenunterschied, der auf den Stadtwall zurückzuführen ist, der im Mittelalter das alte Stuttgart umschlossen hat. Neben dem Wall stand die Stadtmauer. Einstmals war die Schulstraße eine Sackgasse, die in der Stadtgeschichte keine unerhebliche Rolle spielt.

Und bundesweit hat man ihr in den 50er Jahren sogar Vorbildfunktion zuerkannt. Die Schulstraße war Wegbereiter fürs Verbannen von Autoblech aus der City. Dass die Stuttgarter bei abgasfreien Zonen die Nase vorne hatten, ist aber nicht ganz korrekt. Die erste Fußgängerzone in Deutschland gab es schon vor dem Krieg in Essen von 1927 an.

Nach dem Krieg war 1953 die Treppenstraße in Kassel die Nummer eins, danach kam die Holstenstraße in Kiel – noch vor der Schulstraße, die im November 1953 autofrei wurde. Doch den Ehrentitel, die erste Fußgängerzone auf zwei Ebenen zu besitzen, kann man Stuttgart nicht nehmen.

Unvergessen ist ein Mann, der auf der Schulstraße tief unten auf einem Kissen saß und fast täglich Postkarten verkaufte. Werner Toberer, so hieß er, gehörte zum Stadtbild. Er kam aus Pforzheim, war ohne Beine und nur mit einem Arm geboren, verkaufte mehr als 25 Jahre lang auf der Schulstraße Karten – bis zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1987. Meist grimmig schaute er drein. Almosen wollte er nicht. Kinder, so erzählte man sich, waren nicht seine besten Freunde und hatten Angst vor ihm.

Im Facebook-Forum unser Geschichtsprojekts Stuttgart-Albums weckt die Schulstraße Kindheitserinnerungen. Michael Rauser schreibt: „Wer kennt noch die sprechenden Automaten für Süßigkeiten in der Schulstraße? Vom Marktplatz kommend befanden die sich auf der rechten Seite. Muss Ende der 50er Jahre gewesen sein. Es gab überhaupt viele Automaten: Kaugummi, Filme, Bücher, Zeitungen, Blumen, Damenstrümpfe, Süßigkeiten – alles mechanisch und ohne Stromanschluss.“

Die Kommentatorin Claudia Frank erinnert sich in unserem Internetportal: „Da gab es den Schuhladen mit der Rutsche rechts. Und links in der Nebengasse so ein tolles Büroartikelgeschäft. Und natürlich Korbmayer. Wie oft sind wir da hoch und runter als Kinder mit meinen Eltern! Fröhlich und bunt sah es aus mit verschiedenfarbigen Markisen und den Blümchen.“

Und Gisela Salzer-Bothe schreibt: „Die Firmeninhaber der Schulstraße kannten sich gut, das Klima war bestens – etwa mit Metzgerei Haarer, Schmuck Benk, dem Apotheker, dem Nordsee-Chef, dem einarmigen Portier vom Tritschler, Friseur Hörmann, Zigarren Schweiker.“

Bis 1963 hieß das Kaufhaus „Union“

Auf alten Fotos sieht man: Auf dem Dach des mehrgeschossigen Gebäudes, das sich am Ende der autofreien Gasse befindet, ragte das Wort „Union“ in weißen Lettern in die Höhe. Nein, es handelte sich dabei nicht um die Parteizentrale von Adenauers Union, es war ein Kauftempel der Wirtschaftswunderzeit in Stuttgart. Bis 1963 behielt das Warenhaus den Namen Union, ehe es nach dem Namen des jüdischen und von den Nazis verfolgten Gründers Hermann Tietz zu Hertie geworden ist. Aus Hertie wurde Karstadt, aus Karstadt Primark – die Schulstraße aber ist die ewige Konstante.

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