Den „Mist“, auf dem diese missliebige Idee gedeihen sollte, hatte Monate zuvor der Oberbürgermeister angerichtet: Arnulf Klett, von der französischen Militärverwaltung bei Kriegsende ins Amt gesetzt und im März 1948 mit fast 54 Prozent der Stimmen gewählt. Er war ein umtriebiger Mann. Als im Verlauf der Debatten über ein Grundgesetz für das geteilte Deutschland die Frage aufkam, wo die Regierung unterkommen sollte, brachte er seine Stadt auf eine Weise ins Gespräch, die im heimischen Dialekt hälenga genannt werden könnte – klammheimlich und ein wenig verdruckst.
Wie würde es wohl heute in Stuttgart zugehen, wenn Kletts Wunsch Wirklichkeit geworden wäre?
Immer wenn Angela Merkel an der Arnulf-Klett-Passage im Stuttgarter Hauptbahnhof vorbeikommt, verflucht sie den einstigen Oberbürgermeister, der Stuttgart als Bundeshauptstadt etabliert hat. Viel zu weit hat sie es nun zu ihrer geliebten Wochenenddatsche in der Uckermark. Wobei ihr die schwäbische Bescheidenheit natürlich näher ist als der bayerische Hang zum Barock. Dass der Söder mit seiner weißen Limousine, diesem fahrbaren Neuschwanstein, wieder im Hof des Neuen Schlosses parken muss, wo der Bundestag zusammenkommt, geht ihr gehörig gegen den Strich.
Berlin, die eigentliche Hauptstadt, war seinerzeit in vier Zonen aufgeteilt und von den Russen blockiert, sollte aber für den Fall der erhofften Wiedervereinigung Deutschlands Kapitale bleiben. Gesucht wurde bloß ein provisorischer Regierungssitz. Infrage kamen Bonn oder Frankfurt, später bewarb sich auch Kassel. Durch die Zeitungen geisterten weitere Namen: Oldenburg, Wiesbaden, Braunschweig, Bamberg. „Es hatte den Anschein, als könnte so ziemlich jede deutsche Stadt den Hut in den Ring werfen“, spöttelte der „Spiegel“.
Noch ist das Neue Schloss eine Ruine
Diesen Eindruck hatte offenbar auch Klett. So schrieb er am 9. November 1948 an den Parlamentarischen Rat, der in Bonn über den Entwürfen für eine Verfassung brütete: Offenbar sei es schwierig, eine vorläufige Hauptstadt zu finden. Stuttgart wolle in diesem Wettbewerb offiziell nicht in Erscheinung treten. Allerdings sei es ihm „ein aufrichtiges Bedürfnis, zum Ausdruck zu bringen, dass ich einer etwaigen Absicht, mit der Stadt Stuttgart in Verhandlungen über die Möglichkeiten einer Einbeziehung in die Zahl der für den Sitz des Bundesparlaments und der Bundesregierung in Betracht kommenden Städte zu treten, mit Interesse und Genugtuung begegnen würde“. Die Stuttgarter Zeitung notierte dazu: Klett habe sein Bewerbungsschreiben „im Tone einer verschämten älteren Jungfrau“ verfasst. Ende Januar 1949 legte er eine förmliche Denkschrift nach. Darin offerierte er das Neue Schloss, damals noch Ruine, als möglichen Sitz des Bundespräsidenten. Regierung und Parlament könnten im Alten Schloss, im Gustav-Siegle-Haus und diversen anderen Gebäuden unterkommen.
Kletts Gebäudepläne hatte man verworfen, das Neue Schloss hatte sich als beste Wahl für den Sitz des Parlaments erwiesen. Während unter Gerhard Schröder, dem Vorgänger von Kanzlerin Merkel, der ganze Ehrenhof noch voller Autos stand, darunter viele S-Klassen mit russischen Diplomatenkennzeichen, hat sie das Parken vor dem Reichstägle, wie die Stuttgarter das Schloss nannten, verboten. „Die Abgeordneten können ins Breuninger-Parkhaus oder die Bahn nehmen“, hat sie entschieden. Jetzt macht nur noch Dorothee Bär Ärger: Seit Merkel ihrer Staatsministerin für Digitalisierung verboten hat, mit ihrem Flugtaxi vor dem Schloss zu landen, geht die bayerische Digital-Botschafterin mit ihrem Volocopter auf dem Dach des Katharinenhospitals runter. Während Bärs Punktlandungen können die Rettungshubschrauber das KH nicht ansteuern, darüber hat sich Gesundheitsminister Jens Spahn bereits wiederholt beschwert. Überhaupt, der Spahn: rüttelt andauernd am Zaun des Kanzleramtes im Schloss Rosenstein. Der Merz hat seine politische Karriere hingegen endgültig beendet und arbeitet jetzt an der Stuttgarter Börse. Dort gibt er Seminare zum Thema Altersvorsorge.
Für Regierungspersonal und Beamte stünden in Stuttgart 1823 Hotelbetten parat, schrieb OB Klett in seiner Denkschrift. Zudem gebe es „viele Villen in den schönsten Wohngebieten“. Für Staatsempfänge empfahl er den Cannstatter Kursaal und das Schloss Solitude. Dem standen allerdings 13 700 Familien und 4200 Einzelpersonen gegenüber, die in Stuttgart eine Wohnung suchten. Die Stadt hatte wieder fast so viele Einwohner wie vor dem Krieg. Es gab aber ein Drittel weniger Wohnraum, von dem elf Prozent als „nicht wohnwürdig“ taxiert wurde.
Ablehnende Reaktionen
Entsprechend fielen die Reaktionen auf Kletts Pläne aus. Reinhold Maier, Ministerpräsident des Landes Württemberg-Baden, ließ den OB wissen, dass seine Regierung andere Sorgen habe. Die Lasten einer Bundeshauptstadt könne nur eine Millionenmetropole schultern. Bei der Stuttgarter Zeitung gingen haufenweise Leserbriefe ein, die „nahezu ausnahmslos ablehnend“ waren, wie es hieß. „Nüchtern betrachtet, bedeutet dieser Plan den Verrat an zehn- bis zwanzigtausend Stuttgartern, die unter widrigsten Verhältnissen leben müssen“, schrieb einer. Ein anderer befand: „Eine derartige Maßnahme passt ganz und gar nicht zum schwäbischen Charakter.“
Angela Merkels Kanzleramt hat im Schloss Rosenstein seinen Platz gefunden. Merkel ist Ehrenpatin des präparierten Seeadlers, der in diesem ehemaligen Naturkundemuseum im Eingangsbereich hängt. Sie hat ihn Horst getauft. Freitagnachmittags ist Merkel immer mit ihrem E-Bike unterwegs, begleitet von Personenschützern auf Pedelecs. Merkel und ihre Männer sausen dann über den Schlossgarten in die Innenstadt. Das Ziel: schöne Haare. Udo Walz hatte seinen Salon jahrelang im Heusteigviertel. Dann ist Walz ins Dorotheen-Quartier neben eine Filiale von Versace gezogen. Merkel spricht intern abfällig über das „Gucci-Ghetto“, schaut sich freitags, wenn sie bei Walz zum Waschen und Legen gewesen ist, aber heimlich gerne die Tesla-Modelle an. So einen Ami-Elektro-Flitzer würde sie gerne fahren, kann sie aber nicht, sonst gibt es dicke Luft mit Daimler.
„Klett ohne Hirn“ war in einem „Amts- und Intelligenzblatt der Bundeshauptstadt“ zu lesen, das die StZ über die Fasnachtstage des Jahres 1949 veröffentlichte. Auch Kletts Stellvertreter, der Sozialdemokrat Josef Hirn, hielt die Hauptstadtpläne für eine Schnapsidee. Stuttgarts Einwohner müssten „zum Zwecke der Freimachung der Stadt für die Bundeshauptstädter in die Nebelhöhle evakuiert werden“, hieß es in der närrischen Beilage. Zudem wurde die spöttische Frage aufgeworfen, ob Klett künftig wohl „Oberbundeshauptstadtbürgermeister“ oder „Bundeshauptstadtbürgermeisterober“ genannt werden müsse. Letzteres ließe sich besser abkürzen: „Herr Ober“.
Die Ober in der Weinstube Fröhlich sind flink. Hier treffen sich Parlamentarier und Interessenvertreter zum Austausch. Auf der Karte steht Angies Kartoffelsuppe. Bundespräsident Steinmeier, der im Theodor-Heuss-Haus auf dem Killesberg residiert, kommt gerne zum Rouladen-Essen her. Nach Hause fährt er mit dem 43er-Bus. Am Bismarckturm steigt er aus, um bei einer Kippe über den Kessel zu blicken. Es ist eine gute Idee gewesen, Stuttgart zur Bundeshauptstadt zu machen, denkt er: Wie schnell die ihren Flughafen fertiggekriegt haben.
Kletts Visionen scheiterten nicht am heimischen Widerstand. Ende März sprach sich der Gemeinderat mit 28 gegen 22 Stimmen dafür aus, „dass Stuttgart sich um den Bundessitz nicht bewerben will, aber sich zur Aufnahme des Bundessitzes bereit erklärt“. Tags darauf besichtigte eine Kommission des Parlamentarischen Rats die Stadt. Moniert wurden die hohen Mieten. Zudem fand sich kein Platz, um die alliierte Militärverwaltung unterzubringen, da Ludwigsburg, dessen Schloss dafür ausersehen war, sich „nicht zum Packesel für Stuttgart machen“ lassen wollte, wie der dortige Oberbürgermeister Elmar Doch zu Protokoll gab. So kam Stuttgart im Wettbewerb um den Regierungssitz nicht einmal in die Endausscheidung.
Am 10. Mai gab es im Parlamentarischen Rat eine Kampfabstimmung. Die SPD machte sich für Frankfurt stark, die CDU für Bonn. Das Votum endete mit 33 gegen 29 Stimmen für die Stadt am Rhein. Mit der Deutschen Einheit wurde Berlin wieder die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeshauptstadt Stuttgart war und ist also bloß ein nettes Hirngespinst.