Stuttgart: Ausstellung „Monets Garten“ In der Schleyerhalle in Gemälden baden

Auf Sitzsäcken liegend taucht man in Monets Malerei ein. Foto: Monets Garte/Alegria Konzert

In der „immersiven“ Ausstellung „Monets Garten“ in der Stuttgarter Schleyerhalle kann man Kunst ganz neu erleben. Was ist dran an dem neuen Trend?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Ob es ihm gefallen hätte? Oder hätte Monet frustriert den Kittel an den Nagel gehängt, die Pinsel zerbrochen und der Malerei auf ewig Adieu gesagt? Schließlich hat er sich angestrengt, das zu malen, was sich kaum darstellen lässt: Bewegung. Er wollte „die Schönheit der Luft“ einfangen, die tänzelnden Wellen und die warmen Sonnenstrahlen, die über die Felder huschen. Armer Monet, er hatte nur Leinwand und Farbe zur Verfügung, um das Flüchtige zu erhaschen.

 

New York, Wien, Hamburg – und Stuttgart

Nun aber bewegen sich die Wellen seiner Bilder tatsächlich. Blätter schweben durch die Lüfte, Windmühlen drehen sich und sogar die Seerosen gleiten sanft an einem vorbei. Technik macht’s möglich: Laserprojektoren und reichlich Rechenleistung verwandeln schnöde zweidimensionale Malerei in Erlebnisräume. Immersiv nennt sich das noch junge Spektakel, bei dem das Publikum förmlich eintaucht in Gemälde. Jetzt ist der aktuelle Trend auch in Stuttgart angekommen: Parallel zu Wien, New York und Hamburg wurde in der Schleyerhalle „Monets Garten“ eröffnet. Ein so genanntes 3D-Mapping-System verschafft die multimediale Illusion, mitten in Monets Seerosenteich zu sitzen.

Originale gibt es nicht zu sehen

Schleyerhalle, das klingt nach Volksbelustigung, die irgendwo zwischen Pop und Jahrmarkt angesiedelt ist. Aber obwohl nicht ein einziges Original präsentiert wird, kann man den beliebten Impressionisten in der immersiven Schau vielleicht sogar besser kennenlernen als in mancher musealen Präsentation. Hier geht es nicht um spezielle Aspekte oder Forschungsfragen, sondern allein darum, dem Publikum das Werk des Künstlers näher zu bringen.

Man kann die Pinselstriche gut sehen

Auch in der Schleyerhalle werden deshalb erst einmal artig die Biografie nacherzählt und in langen Texten die „faszinierenden Abstufungen von leuchtendem Himmelblau“ bejubelt. Man erhält auch unnütze Informationen, etwa, dass Monet 110 Zeichnungen und 108 Pastelle angefertigt hat. Und doch ist der Unterschied zu klassischen Ausstellungen enorm, weil die Gemälde so groß projiziert werden, dass man jeden Pinselstrich ins Visier nehmen kann – ohne Sorge, dass die Alarmanlage anschlägt.

Monets Haus wurde nachgebaut

Sogar die Fassade von Monets Haus wurde nachgebaut, wirkt allerdings eher wie eine Theaterkulisse, so, wie auch der Garten herzlich wenig zu tun hat mit Monets Paradies im französischen Giverny. Statt üppiger Pracht stehen hier einige Plastikhortensien auf Kunstrasen und führt eine Brücke über einen projizierten Seerosenteich. Das Publikum kann selbst Blüten zeichnen, die dann ebenfalls übers virtuelle Wasser schwimmen. Auch sonst können die Besucher aktiv werden – und in Monets Haus mit den Armen wedeln, um eine riesige Wandprojektion zu manipulieren. Bunte Striche imitieren die Bewegungen, formieren sich zu einem Schwarm und bilden Bögen, Kreise, Strudel.

Schneeflocken tanzen, Wolken wandern

Erst nach diesem Warm-up gelangt man ins Herzstück, die eigentliche immersive Ausstellung, die eine Art räumliches Kino ist. Man kann auf Sitzsäcken oder Schemeln Platz nehmen und wird in einer 45 Minuten langen Show durch Leben und Werk geleitet mit Erläuterungen und Musik von Debussy bis Satie, mit Fotografien und animierten Gemälden, die auf die Wände und den Boden projiziert werden. Wolken ziehen übers Meer, Schneeflocken tanzen – und immer wieder werden die schnellen Pinselstriche Monets vergrößert, um zu vermitteln, wie der Maler die Flüchtigkeit des Augenblicks festzuhalten versuchte.

Hinter jedem Gemälde steckt ein Mensch

Monet, wird erzählt, habe sich oft vorgestellt, blind zu sein und plötzlich sehen zu können – und die Welt dann so malen zu können, wie sie ihm erscheint und ohne zu wissen, was er sieht. Es geht aber auch um die Höhen und Tiefen in seinem Leben, die ersten Erfolge beim Pariser Salon und den finanziellen Absturz – und nach diesem dreidimensionalen Film wird so mancher die gern kolportierte Vorstellung von Kunst revidieren, dass große Künstler Genies waren, die immer nur Meisterwerke produzierten. In der Schleyerhalle wird nachvollziehbar, dass hinter jedem Gemälde ein Mensch steckt, der ganz bodenständig mit Farbe Wirkung zu erzielen versuchte.

Action und Nervenkitzel sollte man nicht erwarten

Richtig eingesetzt könnten immersive Angebote auch den klassischen Museumsbereich beleben, einige Häuser experimentieren auch bereits vereinzelt damit. Trotzdem sollte man sich nichts vormachen: So interessant es ist, Monets Werk auf diese Weise zu erleben – mit Action, Thrill und Nervenkitzel hat „Monets Garten“ herzlich wenig zu tun und ist auch keine Erlebnisshow. Monet hätte trotzdem gestaunt, welche Effekte inzwischen möglich sind. Dann aber hätte ihn vermutlich Trauer erfasst, dass die Menschen wohl nicht mehr die Fantasie besitzen, um die Bewegung auf seinen Bildern zu erkennen – ganz ohne technische Hilfe.

Info

Veranstalter
„Monets Garten“ wurde von dem Schweizer Kreativlab „Immersive Art AG“ entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Tourneeveranstalter Alegria Konzert GmbH, der bisher Filmmusikprojekte konzipierte.

Besuch
bis 23. Februar, Mo – So 10 bis 21 Uhr (letzter Einlass 19.30 Uhr), 24.und 31.12. bis 14 Uhr. Am 25.12. und 1.1. geschlossen. Schleyer-Halle, Saal 4, Tickets 22 Euro. adr

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