Stuttgart-Bad Cannstatt Warten auf das Storchengeklapper

Von Uli Nagel 

Nachdem sich die Tiere fast 20 Jahre lang auf dem Dach der Damaszenerhalle wohlgefühlt hatten und für Nachwuchs gesorgt hatten, machen sich die Vögel seit 2017 rar.

  Foto: dpa
  Foto: dpa

Bad Cannstatt - Seit einigen Tagen blickt Wilhelma-Kurator Günther Schleussner schon öfters zum Dach der Damaszenerhalle. „Wir hoffen, dass wieder ein Storchenpaar bei uns heimisch wird“, so der Vogelexperte, der sehr wohl weiß, dass es „noch etwas früh ist“. Doch bei den zuletzt frühlingshaften Temperaturen könne man ja nie wissen. Im vergangenen Jahr bleib das Storchennest auf der Spitze des denkmalgeschützten Gebäudes jedenfalls leer.

„Das letzte Paar war 2017 zu Gast“, erinnert sich Günther Schleussner. Das Weibchen habe auch Eier gelegt, allerdings war das Ausbrüten nicht von Erfolg gekrönt: „Zu nass und zu kalt.“ Somit gab es auch keinen Einsatz der Feuerwehr. Denn die war immer dann vor der historischen Damaszenerhalle vorgefahren, wenn es bei Familie Storch Nachwuchs gab. Und bevor der flügge wurde, galt es die kleinen „Adebars“ mit Ringen zu markieren. Um an das Nest zu gelangen, musste der Storchenbeauftragte des Landes Baden-Württemberg über die ausgefahrene Rettungsleiter erst in die Höhe klettern – natürlich argwöhnisch beäugt von den Storcheneltern. Dort erhielten die Jungvögel schwarzen Kunststoffringe mit einer individuellen Nummer. So können sich die Wilhelma-Störche überall auf der Welt „ausweisen“, denn der Ring ist vergleichbar mit einem Personalausweis. In einer Datenbank werden Geburtsort und Geburtstag für jeden Storch gesammelt.

1000 Storchenpaare in Baden-Württemberg

„Wir schätzen, dass in Baden-Württemberg wieder rund 1000 Storchenpaare leben“, so der Wilhelma-Kurator. Der schwarz-weiß gefiederte Vogel mit dem markanten roten Schnabel habe somit ein „starkes Comeback“ hingelegt. Noch Mitte der 70er- bis Anfang der 80er-Jahre sah es ganz anders aus: Einen traurigen Rest von sechs Paaren zählte man damals – es war fraglos „kurz vor 12 für Meister Adebar“.

Die Wende brachte Gott sei Dank ein großes Wiederansiedlungsprojekt des Landes mit eigener, 1981 eröffneter Aufzucht- und Auswilderungsstation in Schwarzach im Odenwald. Mit dieser arbeitete die Wilhelma schon zu Zeiten eng zusammen, als die Storchenzucht in Bad Cannstatt noch ausschließlich im Gehege stattfand (bis 1997). Seit 1999 wachsen in der Wilhelma nur noch wilde Jungstörche auf, denn vor 20 Jahren setzte das erste wilde Storchenpaar zum Landeanflug in der Wilhelma an. Angelockt von den damals noch hier lebenden flugunfähigen Gehege-Artgenossen sowie attraktiven Futterplätzen, bauten sie ein Nest auf dem Dach der Damaszenerhalle. Dort sowie in einem Ausweichquartier auf dem Mitarbeiterwohnheim wuchsen in den folgenden zehn Jahren fast 40 Jungstörche auf – ein großer Beitrag der Wilhelma zur Rettung der vom Aussterben bedrohten Störche. „Ohne Zufütterung seitens der Wilhelma wäre es nicht möglich gewesen“, sagt Günther Schleussner. Denn die Futterquellen – Störche ernähren sich unter anderem von Würmern und Mäusen – im benachbarten Rosensteinpark reichen natürlich nicht aus.

Auf Flug gen Süden verzichtet

Die Wilhelma schreibt jedoch auch eine tragische Storchen-Geschichte mit Happy-End. 2008 kam ein Weibchen auf die Idee auf der Pragstraße auf Nahrungssuche zu gehen und kam beim Landeanflug gehörig unter die Räder. Es brach sich mehrfach das Bein. Eigentlich ein Todesurteil für einen Vogel. Normalerweise wird er eingeschläfert. Der damalige Wilhelma-Tierarzt Wolfram Rietschel gab den Storch jedoch nicht auf. In einer mehrstündigen Operation richtete er den zertrümmerten Knochen. Mit Erfolg. Zur optimalen Genesung ging es damals nicht ins warme Winterquartier, sondern zwangsweise in die Krankenstation. An der Voliere bekam das Weibchen täglich Besuch von ihrem Mann, der ebenfalls auf den Flug gen Süden verzichtete. Eigentlich ein unübliches Verhalten, da die Störche keine festen Paarbeziehungen pflegen, sondern den Winter bis zu 1000 Kilometer entfernt voneinander verbringen. Sie kehren im Frühjahr immer nur an den Nistplatz zurück, an dem sie zuvor erfolgreich gebrütet haben. Sobald ein Partner verspätet oder gar nicht aus dem Süden zurückkehrt, ist es mit der Treue aber vorbei. Auch das damals fast 20-jährige Weibchen hatte sich trotz der täglichen Krankenbesuche von ihrem Partner getrennt. Eines hat die Storchen-Dame seit dem Unfall im Sommer 2008 jedoch beibehalten: Während die Jungtiere sich im Herbst Richtung Gibraltar aufmachten, überwinterte sie in der Wilhelma – samt neuem Männchen. 2016 musste die Storchendame allerdings eingeschläfert werden – Schuld waren die Spätfolgen ihres Unfalls gewesen.

Aus dem Staub gemacht

Doch nicht nur in der Wilhelma wartet man auf das markante Klappern, auch die Verantwortlichen des Sonnenhofs in Mühlhausen blicken regelmäßig auf das Dach, wo sich vor drei Jahren ein Storchenpaar niedergelassen hatte. Damals ging für Hofbesitzer Lutz Hörr ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Allerdings nur relativ kurz. „Die Vögel hatten zwar ein Nest gebaut, doch es gab leider keinen Nachwuchs“, erinnert sich Hörr. Wie auch, das Männchen hatte sich über Nacht aus dem Staub gemacht. „Seitdem hatten wir einige Störche kurz zu Besuch – mehr nicht“, so der Hofbesitzer, der die Hoffnung jedoch nicht aufgibt, dass ein Storchenpaar wieder einmal den Weg nach Mühlhausen findet – dann aber hoffentlich auch zum Brüten.

Sonderthemen