Stuttgart-Birkach 1000 Patienten müssen sich einen neuen Arzt suchen

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Der Birkacher Allgemeinmediziner Alexander Ulbrich geht Ende des Jahres in Rente. Er hat keinen Nachfolger gefunden. Zum Abschied hat er ein Gedicht geschrieben, in dem er Krankenkassen und das Gesundheitssystem in Deutschland anprangert . . .

Das Team rund um Alexander Ulbrich und Antonia Ulbrich (r.) hört auf. Foto: z/privat
Das Team rund um Alexander Ulbrich und Antonia Ulbrich (r.) hört auf. Foto: z/privat

Birkach - Viele Patienten reagierten emotional auf die Botschaft: Alexander Ulbrich, der Birkacher Hausarzt, der seit mehr als 30 Jahren Patienten versorgt hat, hört zum Jahresende auf. Er ist 65 Jahre alt geworden und geht in den Ruhestand. „Viele Patienten konnten nicht glauben, dass ich das Rentenalter schon erreicht habe, und manche reagierten sauer, weil sie dachten, ich würde mich vorzeitig verabschieden. Andere waren richtig traurig oder sogar verzweifelt“, sagt Ulbrich. In den vergangenen Wochen hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau und Arzthelferin, Antonia Ulbrich, sowie dessen Kolleginnen alle Patienten informiert, dass sie sich bis 2018 einen neuen Arzt suchen müssen.

„Wir wünschten uns, wir hätten den Patienten diese Nachricht nicht überbringen müssen. Aber wir haben von Januar bis Oktober einen Nachfolger gesucht, der die Praxis – auch geschenkt – übernehmen wollte. Wir haben niemanden gefunden, nun haben wir aufgegeben“, sagt Antonia Ulbrich. Heutzutage wolle aus finanziellen Gründen kaum mehr ein junger Arzt eine Praxis übernehmen, in der vorrangig Kassenpatienten versorgt würden.

Ab Januar nur noch zwei Praxen in Birkach

Ulbrich war auch deshalb für die Menschen so wichtig, weil er viele Hausbesuche bei Patienten gemacht hat, die nicht mehr ohne Weiteres seine Praxis aufsuchen konnten. Hausbesuche machen heute nur noch wenige Ärzte gern. Bettlägerige Menschen haben dann das Nachsehen.

Insgesamt hat Antonia Ulbrich mit ihren Kolleginnen in den vergangenen 32 Jahren mehr als 9000 Karteien von verschiedenen Patienten ihres Mannes angelegt. Regelmäßig versorgungsbedürftig seien davon etwa 1000 Menschen, sagt sie. Sie alle müssen sich nun einen neuen Hausarzt in Birkach oder Umgebung suchen – was sich nicht allzu einfach gestalten dürfte. In Birkach gibt es ab Januar 2018 nur noch zwei Praxen für rund 7000 Einwohner: die Doppelpraxis Lauber und Gerst an der Birkheckenstraße 11 sowie die Doppelpraxis Ilg und Schieber an der Birkheckenstraße 4. Beide werden wohl einen Teil der Patienten von Ulbrich übernehmen können – jedoch nicht alle. „Meines Wissens nach ist laut der Kassenärztlichen Vereinigung Birkach aber nicht unterversorgt“, sagt Ulbrich – doch die Skepsis in seiner Stimme ist deutlich.

An der Praxistür hängt ein Gedicht

Generell geht der Birkacher nicht still und leise in den Ruhestand: An die Tür seiner Praxis an der Birkheckenstraße 1 hat er ein selbst geschriebenes Gedicht gehängt, in dem er das deutsche Gesundheitssystem sowie die Arbeitsweise der gesetzlichen Krankenkassen anprangert. Eine Strophe in dem 18 Strophen umfassenden Gedicht lautet etwa: „Die Kassen-Knechtschaft unerträglich, Gesetzes-Hörigkeit tagtäglich, vom frei’n Beruf alleinig blieb, das Risiko; was Stress hochtrieb.“

Wenn Ulbrich zum Jahresende in den Ruhestand geht, will er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, mehr Rad fahren und musizieren – und sich möglicherweise in der Hospizarbeit ehrenamtlich engagieren. Nur eine Bedingung hat er: „Ich will da auf keinen Fall mehr etwas mit Papierkram und Bildschirm zu tun haben. Davon hatte ich jahrzehntelang mehr als genug.“

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