Stuttgart-Botnang Der Umzug wird zur Geduldsprobe

Von Torsten Ströbele 

Drei Flüchtlingsfamilien wollen nicht aus der Zumsteegstraße 2 und 4 ausziehen. Am Ende können sie aber von Ehrenamtlichen, Sozialarbeitern und Mitarbeitern des Sozialamtes doch noch davon überzeugt werden, die Gebäude freiwillig zu verlassen.

Der Abschied aus Botnang  ist vielen Flüchtlingen am vergangenen Montag sehr schwer gefallen. Foto: Torsten Ströbele
Der Abschied aus Botnang ist vielen Flüchtlingen am vergangenen Montag sehr schwer gefallen. Foto: Torsten Ströbele

Stuttgart-Botnang - Es ist Montagmittag. Vor den Gebäuden Zumsteegstraße 2 und 4 kauern Mütter und Väter mit ihren Kindern. Sie sitzen an der Häuserwand oder auf dem Gehweg. Sie halten sich fest, weinen, schreien. Ihr Umzug steht an. Aber sie wollen die eigene kleine Wohnung in Botnang nicht verlassen. Doch sie müssen.

Seit knapp einem Jahr leben rund 65 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in den beiden Häusern der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG). Von Anfang an war klar, dass ihnen die 13 Wohnungen an der Zumsteegstraße nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung stehen. Die SWSG möchte modernisieren und hat ihr Vorhaben nur um ein paar Monate verschoben, da die Stadt händeringend Wohnraum für Flüchtlinge gesucht hat. Im November sollen die Bauarbeiten nun beginnen.

Neun der zwölf Flüchtlingsfamilien, die interimsweise in Botnang untergekommen sind, haben akzeptiert, dass sie ihr lieb gewonnenes Zuhause wieder verlassen müssen. Die meisten von ihnen werden nun in den neuen Systembauten an der Breitscheidstraße ihre Zimmer beziehen. Auch die drei Familien, die sich sträuben, auszuziehen, sollen dort untergebracht werden. Ein Familienvater aus Syrien versteht die Welt nicht mehr. Er hat drei Kinder. Seine Frau ist schwanger – im achten Monat. Als er vor rund sechs Wochen erfahren hat, dass er die Zum­steegstraße verlassen muss, hat er damit gedroht, sich anzuzünden. Er habe Angst – Angst um seine Kinder, betont er am Montag immer wieder. Er und seine Familie haben schon einmal in einem Systembau gelebt. Eines Abends sei dort ein Mann mit dem Messer auf eine Frau losgegangen, erzählt der elfjährige Sohn. Er wolle noch nicht sterben: „Ich gehe nicht wieder in so ein Heim“, sagt er weinend und schüttelt vehement den Kopf.

Der Feuerbacher Freundeskreis kümmert sich

Dass die Situation nicht eskaliert, ist letztlich den vielen Menschen vor Ort zu verdanken, die sich um die Familien kümmern. Bis zu acht Polizeibeamte begleiten die Aktion. Eingreifen müssen sie aber nicht. Die beiden Sozialarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt (AGDW) und mehrere Übersetzer sind da, aber auch Mitarbeiter des Sozialamtes und der Leiter der Abteilung Flüchtlinge, Marco-Oliver Luz. Er hat für diesen Tag extra seinen Urlaub unterbrochen und versucht immer wieder, die Familien zu beruhigen. Sie brauchten keine Angst zu haben, sagt er. Die Unterkunft an der Breitscheidstraße in der Stuttgarter Innenstadt sei neu und schön gelegen. Es werde ihnen dort nichts passieren.

Auch Monika Schüfer versucht, zu vermitteln. Die Bosch-Mitarbeiterin ist Mitglied im Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach (FFF). 15 Bewohner der Zumsteeg­straße sind vor rund einem Jahr aus der Unterkunft an der Feuerbacher Bubenhaldenstraße nach Botnang gezogen. Schon damals hat sie sich um die vier Familien gekümmert. Daran hat sich auch nach dem Umzug nichts geändert. „Und daran wird sich auch nach dem nächsten Umzug nichts ändern“, betont Schüfer. Vor allem die Kinder sind froh, dass sie in dieser schwierigen Situation da ist. Sie vertrauen ihr.

Nach einigen Stunden Überzeugungsarbeit sind am Montag schließlich doch alle Familien bereit, freiwillig aus der Zum­steegstraße auszuziehen. Ein Bus bringt die Flüchtlinge zur Breitscheidstraße. Eine Umzugsfirma transportiert einige Habseligkeiten und die Matratzen.

Nun müssen auch die Flüchtlinge aus der Beethovenstraße ausziehen

Marco-Oliver Luz kann verstehen, dass es den Menschen schwer fällt, aus einer Wohnung wieder zurück in eine Gemeinschaftsunterkunft zu ziehen. „Aber wir haben derzeit einfach keine Wohnungen, die wir allen anbieten können.“ Einer Familie aus der Zumsteegstraße konnte eine Sozialwohnung in Untertürkheim vermittelt werden. Das sei aber ein Ausnahmefall, eine Tochter der Familie sei blind. Auch Maan Derbas wäre gerne gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Kindern in eine eigene Wohnung gezogen. Der 57-Jährige hat nach Angaben seines Arztes therapieresistente Kopfschmerzen, arterielle Hypertonie und Atembeschwerden. Er habe oft Schwindelanfälle und sei depressiv. Doch ihm kann das Sozialamt den Wunsch nach den eigenen vier Wänden nicht erfüllen. Die Familie könne zurück an die Bubenhaldenstraße ziehen. Das sei keine Notunterkunft, sondern ein Systembau, in dem es auch im eigenen Zimmer Rückzugsmöglichkeiten gebe, sagt Luz.

In den vergangenen Wochen sind nach den Worten von Luz rund 1700 Flüchtlinge aus Interimswohnungen und Notunterkünften ausgezogen. Man versuche stets, die persönlichen Interessen zu berücksichtigen. Das sei aber nicht immer möglich.

Am Donnerstag und Freitag, 8. und 9. September, werden nun auch die Flüchtlinge aus der Beethovenstraße in Botnang ausziehen. Viele von ihnen werden in den Sy­stembauten an der Helene-Pfleiderer-Straße in Degerloch untergebracht.




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