Stuttgart-Degerloch Die Mutter erstmals sprechen gehört

Von Ralf Recklies 

Petra Würth, die Leiterin der Filiale eines Unternehmens für Hörgeräteakustik in Degerloch, hat in Togo geholfen, Menschen mit stark eingeschränktem Hörvermögen, aus der Isolation zu holen – mit in Deutschland gespendeten und technisch aufbereiteten Hörgeräten.

Die  gespendeten und technisch aufbereiteten  Hörgeräte werden individuell für jedes Ohr angepasst. So lassen sich die besten Ergebnisse für die Betroffenen erzielen, deren Hörvermögen oft jahrelang erheblich eingeschränkt war. Foto:  
Die gespendeten und technisch aufbereiteten Hörgeräte werden individuell für jedes Ohr angepasst. So lassen sich die besten Ergebnisse für die Betroffenen erzielen, deren Hörvermögen oft jahrelang erheblich eingeschränkt war. Foto:  

Degerloch - Für Petra Würth steht außer Frage: Wenn sie erneut die Möglichkeit erhält, nach Togo zu reisen, um dort Menschen mit verminderter Hörfähigkeit zu helfen, ist sie wieder mit von der Partie. „Ich wollte das schon immer machen“, sagt die Leiterin der Degerlocher Filiale eines Horgeräteakustik-Unternehmens. Die Erfahrungen, die sie bei ihrem Einsatz in der Stadt Kpalimé im Landesinneren von Togo gesammelt hat, waren so positiv, dass Würth jederzeit erneut nach Afrika reisen würde, um vor allem Kindern zu helfen, deren Hörvermögen eingeschränkt ist – „meist aufgrund von Krankheit oder falscher Medikation“, so die 38-Jährige.

Fünf Tage lang war die Wahlstuttgarterin mit zwei Kollegen in Kpalimé, der viertgrößten Stadt Togos, ehrenamtlich im Einsatz. „Das war schon auch ein Abenteuer“, sagt Würth. Sie war nicht zuletzt beeindruckt, welche Strapazen die Patienten auf sich genommen haben, um Hilfe zu bekommen – in einem seit 2016 bestehenden Hörzentrum. „Teilweise haben sie eine Anreise von bis zu 600 Kilometer auf sich genommen“, weiß Würth. Nicht allein die Distanz hat ihr imponiert. Die Anreise hätte teils auch bis zu zwei Tage gedauert.

Manche Hoffnung zerstört

Von 7.30 Uhr an waren Würth und ihre Kollegen täglich im Einsatz. „Wenn wir aus unserem Hotel in die Klinik kamen, saßen schon die ersten Patienten da und warteten“, berichtet sie. Die Erwartungen der Patienten, wieder hören zu können, seien oft sehr hoch gewesen. Mitunter habe es geheißen, „jetzt kommen die Deutschen mit ihren Zaubergeräten“, berichtet Würth. „Wir mussten aber manche Hoffnung zerstören“, resümiert die 38-Jährige. „Wir können ja keine Ohren ersetzen.“ Und sie erklärt, dass mit den in Deutschland gespendeten Hörgeräten nur Schwerhörigkeiten beseitigt werden könnten. „Für Menschen, die taub sind, können wir leider nichts tun“, bedauert sie. Besonders traurig sei gewesen, wenn man Kinder habe wegschicken müssen und deren Hörträume so zerplatzt seien.

Umso schöner und erfüllender war es für die Hörgeräteakustikerin und ihre Mitstreiter aus Deutschland, wenn sie doch helfen konnten, die Menschen aus ihrer Isolation zu holen. Vor Ort wurden sie dabei von Kollegen aus Kpalimé unterstützt. So gab es Fälle, in denen Kinder erstmals ihre Mutter richtig sprechen oder singen hörten, weil ihr Gehör schon in frühester Kindheit geschädigt worden und technische Hilfe nicht verfügbar oder zu teuer war. „Da sind dann auch Freudentränen geflossen“, berichtet Würth von den oft sehr emotionalen Momenten.

Spenden stammen vorwiegend aus Süddeutschland

Die Hörgeräte, mit denen die Patienten in Kpalimé seit 2016 von Stuttgart aus versorgt werden, stammen überwiegend aus Süddeutschland und werden in der Regel vor Ort in Togo aufgearbeitet. Dafür wurden eigens Mitarbeiter ausgebildet.

Da das von dem Stuttgarter Unternehmen Iffland 1916 gegründete Hörzentrum technisch gut ausgestattet und kürzlich in ein neues HNO-Gebäude der seit 1907 bestehenden Klinik in Kpalimé gezogen ist, seien die Bedingungen sehr gut gewesen – trotz mancher Herausforderung. So verordnete ein Stromausfall den Helfern eine Zwangspause. „Denn ohne Strom funktioniert der Audiometer nicht“, sagt Petra Würth. Dieser ist für die Diagnose der Hörfähigkeit aber zwingend erforderlich. Auch die individuelle Anpassung der Geräte klappt nicht, wenn die Geräte zum Fräsen keinen Strom haben. Da die Klinik über ein Notstromaggregat verfügt, mussten die Helfer nur kurz pausieren. Die Verständigung mit den Patienten erfolgte übrigens meist mittels Dolmetschern, die in die Landessprache Ewe, teils auch in spezielle Dialekte übersetzen mussten.

Rund 100 Menschen konnten Würth und ihre Kollegen bei dem Einsatz helfen. Anschließend erkundeten sie auf einer Rundreise auch noch Togo. „Der Tourismus steckt dort noch in den Kinderschuhen, es war aber eine tolle Erfahrung“, so Würth, die das nicht mehr missen möchte.

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