Stuttgart-Degerloch/-Süd Viele wünschen sich längeren Zacke-Verkehr

Von Tilman Baur 

Nicht nur das Partyvolk, sondern auch Schichtarbeiter würden von verlängerten Betriebszeiten der Zahnradbahn zwischen Stuttgart-Süd und Stuttgart-Degerloch profitieren. Ob der Vorschlag aus dem Bürgerhaushalt Chancen hat, ist allerdings fraglich.

Anwohner auf dem Haigst hatten einst bewirkt, dass die Zahnradbahn abends kürzer pendelt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Anwohner auf dem Haigst hatten einst bewirkt, dass die Zahnradbahn abends kürzer pendelt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Degerloch/S-Süd - Marienplatz, Dienstag, 21.20 Uhr. Sabrina Strobel und Lena Porkert sitzen an der Bushaltestelle und warten auf ein Linientaxi. Die Krankenschwestern hatten gerade eine anstrengende Schicht. Sie wollen nach Hause – nach Degerloch. Die Zahnradbahn hat den Betrieb seit 21 Uhr eingestellt. Bedauerlich ist das, finden die beiden.

„Wir haben um 21 oder 22 Uhr Dienstschluss und bekommen die Zahnradbahn nie. Nach Degerloch müssen wir immer ewig lang umsteigen“, sagt die 26-jährige Sabrina Strobel. „Seit Neuestem benutzen wir das Linientaxi, weil es angenehmer ist, als umzusteigen. Aber wenn mehrere Leute da sind, muss man eben warten“, sagt ihre 23-jährige Kollegin Lena Porkert. Denn Großraumtaxis verkehren nicht zwischen dem Marienplatz und Degerloch. „Man könnte auch mehrere Linientaxis zur Verfügung stellen. Am besten wäre es aber einfach, wenn die Zacke länger fahren würde“, findet Porkert.

Mit diesem Wunsch sind die beiden nicht allein. Im Bürgerhaushalt landete ein entsprechender Vorschlag mit 858 Stimmen auf dem 35. Rang alles Stuttgarter Vorschläge. Mindestens bis Mitternacht solle die Zacke fahren, fordert der Ideengeber darin. Auch er argumentiert damit, dass das Linientaxi kein adäquater Ersatz sei. „Fast immer übersteigt die Anzahl der Fahrgäste die Kapazität des Taxis bei Weitem. So kommt es öfters zum Gedrängel um die wenigen Plätze und unnötige Warterei auf weitere Taxis“, schreibt er im Antrag.

Der Heimweg am Abend nach Stuttgart-Degerloch sei umständlich

An der Endhaltestelle der Zahnradbahn stößt der Vorstoß bei einer Umfrage am Mittag auf ein geteiltes Echo. „Ich bin unbedingt dafür, ich arbeite viel Spätschicht unten in der Stadt und muss dann abends umständlich über den Charlottenplatz heim. Mir persönlich würde es reichen, wenn die Zacke bis 23 Uhr fahren würde“, sagt Steffen Jeske aus Degerloch.

Skeptischer äußert sich Christa Meier aus Birkach. „Ich muss die Bahn nicht oft nehmen. Ob es sich lohnt, die Zeiten zu verlängern, wage ich zu bezweifeln. Man kann ja auch anders fahren, über die Stadtmitte zum Beispiel“, so die 68-Jährige. Und die 50-jährige Raquel Oppermann aus Heidelberg denkt an die Anwohner an der Alten Weinsteige: „Ich bin nicht von hier und weiß nicht, wie groß der Lärm ist. Wenn ich an der Strecke wohnen würde, fände ich 21 Uhr wahrscheinlich ausreichend. Man ist den ganzen Tag Lärm ausgesetzt, da sollte man auch mal zur Ruhe kommen können“, so Oppermann. Verständnis für die Anwohner zeigt auch der 17-jährige Degerlocher Dustin Sternbacher, der gerade sein Mountainbike vom Extrawagen schiebt. Trotzdem: „Ich würde es gut finden, dann könnte man abends länger die Downhill-Strecke fahren.“ Sein Kumpel Sebastian Bott braucht die Verlängerung dagegen nicht: „Ich finde es okay, wie die Zeiten jetzt sind. Wir nutzen die Bahn eh nur, wenn wir Downhill-Strecke fahren, und abends ist das zu gefährlich“, sagt Bott.

Anwohner hatten sich gegen die lange Betriebszeit formiert

Eine längere Betriebszeit für die Zacke wäre übrigens kein Novum. Schon früher fuhr die seit 1884 bestehende Traditionsbahn länger am Abend. Doch dann bildete sich eine Anwohnerinitiative dagegen. „Die haben sich gemeldet und haben gesagt, es sei zu laut, darauf sind wir dann eingegangen“, sagt Birte Schaper, die Sprecherin der Stuttgart Straßenbahnen AG (SSB). Die Zahnradbahn sei in der Tat lauter als gewöhnliche Stadtbahnen.

Den Antragsteller beeindruckt dieses Argument nicht: „Die Lärmbelästigung kann kein gutes Gegenargument sein, denn wenn viele Menschen vom Auto auf ÖPNV und Fahrrad umsteigen, sinkt insgesamt die Lärmbelastung in der Stadt. Die Haupteinfallsstraßen nach Stuttgart werden ja auch nicht um 20.45 Uhr gesperrt, um die Anwohner vor dem Auto- und LKW-Lärm zu schützen“, schreibt er. Trotz des Lärm-Arguments hat der Antrag eine kleine Chance – wenn auch erst langfristig. Denn die SSB hat im Herbst 2018 beschlossen, neue Triebwagen für die Zacke zu bestellen, die in ein paar Jahren zum Einsatz kommen. „Es ist durchaus möglich, dass die neuen Fahrzeuge eine andere Lärmemission haben, aber das können wir noch nicht genau sagen“, sagt Birte Schaper. Sabrina Strobel und Lena Porkert haben an diesem Abend jedenfalls Glück gehabt: Das Linientaxi ist voll besetzt, aber die beiden haben einen Platz gefunden.

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