Stuttgart-Degerloch Was künftig aus dem Haigst wird

Von Tilman Baur 

Die Gegend rund um den Santiago-de-Chile-Platz zwischen Stuttgart-Degerloch und Stuttgart-Süd ist Schlafstadt und Touristenmagnet zugleich. Wie geht es weiter? Kommt ein Café mit Panoramablick? Und wann wird die Zacke endlich barrierefrei?

Vom Santiago-de-Chile-Platz hat man einen der schönsten Ausblicke auf die Stuttgarter Innenstadt. Foto: Tilman Baur
Vom Santiago-de-Chile-Platz hat man einen der schönsten Ausblicke auf die Stuttgarter Innenstadt. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Schöne Gründerzeitvillen und traumhafter Stadtblick: Der Haigst ist eine beliebte Gegend. Das gilt nicht nur für seine 1600 Bewohner und die Stuttgarter, die gern in die Halbhöhe zwischen Filderebene und Kessel ziehen würden. Sondern auch zunehmend für Touristen.

Das Stuttgarter Stadtmarketing wuchert schon heute mit dem Pfund Haigst. Besser gesagt mit seinem Juwel, dem Santiago-de-Chile-Platz. Auf der Website des Stadtmarketings wird unter den „zehn schönsten Aussichtspunkten der Stadt“ der Platz neben so prominenten Punkten wie dem Fernsehturm, der Karlshöhe oder dem Eugensplatz gelistet. „Der Santiago-de-Chile-Platz ist nicht so bekannt wie diese drei genannten, er ist immer noch ein absoluter Geheimtipp in Stuttgart“, sagt Armin Dellnitz, Chef von Stuttgart Marketing.

Lokalpolitiker wünschen sich Neubau mit Café

Dabei hat der Platz sein Potenzial längst nicht ausgelotet. Denn bisher gibt es nichts, was neben der Aussicht zum Verweilen lockt. Wanderer, Radfahrer und andere Touristen müssen ihren Proviant selbst mitbringen. Darin unterscheidet sich der Haigst bislang von seinen innerstädtischen Konkurrenten. Der Eugensplatz im Stuttgarter Osten zum Beispiel ist ohne die Eisdiele kaum denkbar. Den Blick von der Karlshöhe versüßt das Radler, das man im Biergarten genießt. Gleich mehrere gastronomische Angebote gibt es am Killesbergturm im Höhenpark. Und der Weißenburgpark wird eigentlich erst durch das Teehaus wirklich attraktiv.

So ist es kein Wunder, dass die Degerlocher Lokalpolitik große Ohren bekam, als die Stuttgarter Stadtverwaltung und der Investor und Anwohner Reiner Sedelmeier im Herbst mit der Idee an die Öffentlichkeit traten, das bestehende Kiosk-Behelfsgebäude am Haigst durch einen Neubau zu ersetzen, der die Lebensmittel-Nahversorgung gewährleisten und gleichzeitig ein kleines Dachcafé beinhalten soll. Zwar steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen und ist bescheiden dimensioniert. Doch andere Stuttgarter Aussichtspunkte beweisen, dass kleine Angebote einen großen Unterschied in Sachen Aufenthaltsqualität machen können.

Haltestellen der Zacke werden barrierefrei

Den überschwänglichen Reaktionen aus dem Bezirksbeirat – ein Mitglied bezeichnete das Vorhaben als „Sechser im Lotto mit Zusatzzahl für den Haigst“ – stehen die Befürchtungen der Anwohner gegenüber, die Parkchaos, Lärm und störende Touristen auf sich zukommen sehen. Selbst der Marketing-Mann Dellnitz äußerst sich reserviert über den Haigst als potenziellen Touristen-Magnet: „Der Santiago-de-Chile-Platz ist auch ohne gastronomisches Angebot sehr attraktiv. Durch eine Gastronomie würde er einen anderen Charakter bekommen“, sagt er vieldeutig.

Für die 220 Passagiere, die durchschnittlich jeden Tag an der Haltestelle Haigst zusteigen, wird die Fahrt jedenfalls bald komfortabler: Von 2021 an lässt die Stuttgarter Straßenbahnen AG die Haltestellen barrierefrei umbauen. Das sind gute Nachrichten für Touristen, vor allem aber für die vielen älteren Bewohner und besonders für die Mitglieder der Haigstgemeinde, die von 2019 an mit der Markusgemeinde im Stuttgarter Süden zusammengehen. Wie die Pfarrerin Anja Wessel erst kürzlich klargestellt hat, bleibt das Gemeindeleben in der Haigstkirche bis auf kleine Umstellungen erhalten. Für Gläubige, die den einmal im Monat stattfindenden gemeinsamen Gottesdienst in der Markuskirche miterleben wollen, wird der Weg mit der Zacke mittelfristig einfacher.

Wunsch nach öffentlicher Toilette und Mülleimern

Die Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold sieht unterdessen keinen großen Wandel auf den Haigst zukommen. Das Café sei nur ein „Nebenprodukt“, seine geplanten Ausmaße (50 bis 60 Quadratmeter) kaum größer als die Wohnzimmer mancher Degerlocher. Das wichtigste Anliegen auf dem Haigst sieht sie darin, auch weiterhin die Nahversorgung zu gewährleisten. Der Haigst dürfe keine Schlaftstadt werden. „Das ist vor allem für die älteren Bewohner wichtig“, sagt Kunath-Scheffold. Denn der bestehende Kiosk sei Anlauf- und Treffpunkt und erfülle eine wichtige soziale Funktion. Einem Neubau könnte sie trotzdem etwas abgewinnen. Verbunden mit einer öffentlichen Toilette und Mülleimern könne er dazu beitragen, den Santiago-de-Chile-Platz von Müll- und Flaschenbergen und sonstigen Hinterlassenschaften zu befreien. Damit nämlich habe die Stadt große Probleme.

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