Stuttgart-Degerloch Wie die Degerlocherin zur Vulkanbäckerin wurde

Von Ralf Recklies 

Die in Stuttgart-Degerloch aufgewachsene Ruth Zohlen hat auf der südisländischen Insel Heimaey vor 35 Jahren eine neue Heimat gefunden. Wie geht es ihr an diesem Ort zwischen Vulkanen und Naturspektakeln?

Die gebürtige Degerlocherin Ruth Zohlen backt als eine der Letzten ihr Brot nach alter Tradition: nämlich in der heißen Vulkanerde  auf  der  isländischen Insel Heimaey. Foto: Pascal Frai 4 Bilder
Die gebürtige Degerlocherin Ruth Zohlen backt als eine der Letzten ihr Brot nach alter Tradition: nämlich in der heißen Vulkanerde auf der isländischen Insel Heimaey. Foto: Pascal Frai

Degerloch - Das Gefühl von Heimweh ist Ruth Zohlen fremd. Seit die heute 70-Jährige vor 35 Jahren nach Island ausgewandert ist, lockt die als Ruth Dieter Geborene höchstens eines noch unter den Stuttgarter Fernsehturm: ihre Familie. Regelmäßig kommt sie zu Familientreffen mit ihren zwölf Geschwistern und deren Kindern und Enkeln nach Stuttgart. Sonst, so gibt sie unumwunden zu, vermisst die Wahl-Isländerin, die auf der Westmännerinsel Heimaey lebt, nichts.

Dass Ruth Zohlen im Jahr 1978 erstmals mit ihrem damaligen Mann nach Island gereist ist, dürfte – so mutmaßt sie – vor allem mit dem Kinderbuch „Kinder auf Island“ zu tun haben, das sie als Kind regelrecht verschlungen habe. „Da ging es um Vulkane, Pferde, Natur – und viele Abenteuer“, erinnert sich Zohlen an das Buch von Erich Wustmann. Nach der Reise war sie von Island noch mehr begeistert – ebenso ihr Mann. „Wir haben alles über Island gesammelt“, sagt sie.

Mit 35 einen Neustart gewagt

„Wenn mir damals aber jemand gesagt hätte, dass ich einmal auf Island leben würde, hätte ich das nicht geglaubt“, sagt die jung gebliebene Seniorin, die sich nach dem frühen Tod ihres Mannes in der Folge einer schweren Erkrankung dazu entschloss, nach Island auszuwandern. Im Alter von 35 Jahren wagte sie den Neustart und ließ ihr bis dahin geführtes Leben, mit Ausnahme des Hausrats, zurück. „Den habe ich mitgenommen, da ich mich von vielem nicht trennen konnte“, sagt Zohlen. Fern von Stuttgart fand sie auch eine neue Liebe und heiratete ein zweites Mal. „Von meinem letzten Geld habe ich die Trauringe gekauft“, erinnert sie sich. Den Pfarrer bezahlte das junge Paar mit Frischfisch, den Zohlens Mann als Fischer fing.

Ruth Zohlen hat bewegte Jahre in Island hinter sich. War sie in Stuttgart erst in einer Immobilienfirma, dann in einer internationalen Steuerkanzlei tätig, so hat sie aus Heimaey zunächst in einer Fischfabrik gearbeitet, dann als Altenpflegerin.

Jahrelang ein Gästehaus betrieben

„In Deutschland wäre mein Leben wohl ganz anders verlaufen“, sagt sie. Mit ihrem zweiten Mann, von dem sie sich nach zehn Jahren freundschaftlich getrennt hat, hat sie zwei Kinder. Mit ihrem dritten Mann, der vor sieben Jahren starb, war sie vor allem im Tourismus aktiv. „Er war im Theater tätig“, erzählt Zohlen und berichtet, dass sie mit ihrem Mann das Kino auf der nur 13,4 Quadratkilometer großen Insel übernommen hat und dort täglich „die Vulkanschau“ gezeigt hat – ein Film über den Ausbruch des nahe der Stadt Heimaey gelegenen Vulkans Eldfell im Jahr 1973. Sie hat für Touristen deutschsprachige Führungen angeboten, Flöte in Höhlen gespielt – „da ist eine tolle Akustik“ – und betrieb mit ihrem Mann jahrelang ein Gästehaus.

Seit vielen Jahren backt Ruth Zohlen zudem ihr eigenes Brot – in alter Heimaeyer Tradition. Nicht im Ofen, sondern im Boden – mit Vulkanhitze. „Als ich nach Heimaey kam, gab es einen Meter unter der Oberfläche noch Temperaturen bis 650 Grad“, erinnert sich Zohlen. Doch der Vulkan erkaltet – heute muss sie zum Brotbacken auf den Vulkan steigen, um dann in der Höhe ihr Brot bei 100 bis 200 Grad zu backen. Den Teig nach eigener Rezeptur füllt sie zu Hause in eine Blechdose, auf dem Vulkan wird diese dann in der heißen Erde vergraben. Nach etwa 30 bis 40 Minuten sei das Brot dann fertiggebacken.

Begeisterung für die Fauna und Flora auf der Insel Heimaey

Auch für die Fauna und Flora ihrer neuen Heimat begeistert sich Zohlen, die auch gerne und viel fotografiert – zu allen Tages- und Jahreszeiten. Im Sommer steigt sie manchmal „mit Freundinnen und einer Flasche Champagner“ auf den Vulkan und wartet nach dem Sonnenuntergang direkt wieder auf den Sonnenaufgang. „Dann stoßen wir auf den neuen Tag an“, erzählt sie lachend. Im Winter liebt sie es, lange auszuschlafen. „Und wenn ich um 11.30 Uhr aufstehe, erlebe ich noch den Sonnenaufgang“, sagt sie. Auch hilft sie regelmäßig junge Papageientaucher aufzupeppeln, die ohne Hilfe kaum überleben würden. „Mein Leben ist sehr abwechslungsreich“, sagt Zohlen. Den Schritt nach Island zu gehen, hat sie nie bereut. „Und wenn die mich dort nicht rausschmeißen, werde ich auch weiterhin dort auch bleiben“.

Mit eigenen Fotografien wird Ruth Zohlen am Freitag, 16. November, von 17 Uhr an im Pflegezentrum Haus auf der Waldau, Jahnstraße 70, die Insel Heimaey vorstellen. Der Eintritt ist frei. Ein Teil ihrer Lebensgeschichte findet sich auch im Bildband „Island – zuhause am Polarkreis“ des aus Herne stammenden Pascal Frai. Dieser berichtet in seinem Buch von vier Deutschen, die nach Island ausgewandert sind. (ISBN: 9783944552958). Auch in dem Buch „Iceland – Lovely Home – Porträts deutscher Frauen in Island“ (ISBN: 9783000422331) der Stuttgarter Journalistin Tina Bauer ist ein Porträt von Ruth Zohlen zu finden.

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