Stuttgart-Degerloch Wie funktioniert das neue SSB-Taxi?

Von Tilman Baur 

Für eineinhalb Jahre steht in Stuttgart ein neuer Service der SSB zur Verfügung. Taxis, die sich via App bestellen lassen, bringen einen von A nach B. Rund läuft das System jedoch noch nicht. Unser Mitarbeiter hat es getestet und erlebte Kurioses.

Das gelbe Taxi ist auf dem Weg zu den weißen Flecken im öffentlichen Nahverkehr von Degerloch. Foto: Tilman Baur
Das gelbe Taxi ist auf dem Weg zu den weißen Flecken im öffentlichen Nahverkehr von Degerloch. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Seit kaum mehr als einer Woche sind die neuen Sammeltaxis der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) unterwegs. Der Verkehrsbetrieb hat sich als Haupteinsatzgebiet für seinen Mobilitätsservice SSB Flex den Osten Bad Cannstatts ausgesucht – und Degerloch. Das ist kein Zufall. Denn erklärtes Ziel der SSB ist es, sogenannte weiße Flecken auf der ÖPNV-Landkarte zu erschließen. In Degerloch gibt es da einige: zum Beispiel die Reutlinger Straße oder die Waldau, für die der Bezirksbeirat seit Jahren eine bessere Anbindung fordert.

Kann SSB Flex die Lücke im öffentlichen Nahverkehr schließen? Der erste Eindruck ist vielversprechend, wenngleich das System Schwachstellen hat. Auf der ersten Fahrt teste ich, wie schnell es von der Stadtbahn-Haltestelle „Degerloch“ an die Reutlinger Straße geht. Auf der App gebe ich das Ziel ein. Keine zwei Minuten später taucht ein schwarz-gelber Kleinbus auf und hält an der Bushaltestelle an der Löffelstraße, die nun auch als „virtuelle Haltestelle“ von SSB Flex dient.

Das Navi befiehlt, im Kreis zu fahren

Es ist Mittagszeit, und das Auto ist leer. Am Steuer sitzt Christine Jager. Die 52-jährige war bisher Busfahrerin bei der SSB, von nun an sitzt sie zusätzlich am Steuer der Sammeltaxen. „Das ist meine allererste Fahrt“, sagt Jager. Ihr neben dem Lenkrad befestigtes Smartphone zeigt den Namen des Kunden und die gebuchte Strecke an. Mit einer Berührung des Displays bestätigt Jager die Buchung, und das System fordert sie auf, loszufahren. 3,40 Euro berechnet die SSB für die Fahrt, die laut App fünf Minuten dauert. Wer bereits ein gültiges VVS-Ticket besitzt, zahlt einen Euro weniger. Buchen mehrere Fahrgäste die gleiche Fahrt, reduziert sich der Preis noch einmal.

Da sich die Taxifahrerin streng an die Vorgaben des Navigationssystems halten muss, entsteht eine absurde Situation: Das Taxi fährt erst die Neue Weinsteige hinab, biegt dann auf die Karl-Pfaff-Straße ab, um schließlich über die Jahnstraße wieder stadtauswärts auf die Löffelstraße zu kommen. Von dort geht es über die Albstraße zur virtuellen Haltestelle an der Hoffeldstraße 64, also etwas oberhalb der Reutlinger Straße. Die umständliche Fahrt im Kreis hat Zeit gekostet, statt in fünf Minuten erreichen wir das Ziel in acht Minuten.

Der Autor ist der einzige Gast

Dann ist der nächste weiße Flecken im öffentlichen Nahverkehr dran: der Abschnitt zwischen Königsträßle und Fernsehturm. Linienbusse fahren vom Degerlocher Ortskern aus nur spärlich in dieses Gebiet. Wieder gebe ich meinen Zielpunkt ein, diesmal soll es an den Georgiiweg gehen. Lange warten muss ich wieder nicht. Nur zwei Minuten dauert es, bis genau dasselbe Auto mich an der Hoffeldstraße wieder einsammelt. Auch wenn es in Stoßzeiten vermutlich etwas länger dauern dürfte, bis das SSB-Taxi kommt, ist diese kurze Wartezeit vielversprechend. Im Auto herrscht indes wieder gähnende Leere. Ob der neue Service wohl irgendwann ankommt in Degerloch? „Ich denke, da muss das Marketing noch schwer arbeiten“, sagt die Fahrerin Christine Jager.

Die Route ist auf dieser Fahrt schlüssiger. Über die Hoffeld- und Epplestraße geht es auf der Jahnstraße Richtung Ruhbank an den Punkt, wo der Georgiiweg von der Mittleren Filderstraße abgeht. Aber das System macht erneut Faxen: weil die virtuelle Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Mittleren Filderstraße liegt, schlägt das Navi vor, noch 100 Meter weiter zu fahren und dann zu wenden.

Erst in Stuttgart-Birkach kann die Fahrerin wenden

Doch so einfach ist es nicht: Den vom Navi angezeigten Wendepunkt gibt es dort nämlich gar nicht. Das ist ärgerlich: Christine Jager muss deshalb minutenlang geradeaus fahren. Erst an der Aulendorfer Straße in Birkach ergibt sich eine Möglichkeit, verkehrsgerecht zu wenden. Wieder gehen wertvolle Minuten verloren. Einen möglichen Stadtbahnanschluss an der Ruhbank hätte ich so verpasst.

Fazit der beiden Probefahrten: SSB Flex funktioniert, und das sogar erfreulich zügig. Einiges wäre allerdings gewonnen, wenn die Taxifahrer flexibler handeln dürften, statt sich an die starren Vorgaben des Computersystems zu halten.

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