Stuttgart Der schwere Gang der Eltern ein Jahr nach dem Jaguar-Unfall

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Die Unfallstelle, an der Riccardo und Jaqueline vor einem Jahr bei einem Raserunfall starben, ist für die Eltern zu einer wichtigen Erinnerungsstätte geworden. Am Todestag sind sie zur Todesstunde dort.

Ein weißes Herz von Riccardos Eltern, ein rotes von Jaquelines Familie und viele Blumen von Freunden erinnern an das junge Paar. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky
Ein weißes Herz von Riccardos Eltern, ein rotes von Jaquelines Familie und viele Blumen von Freunden erinnern an das junge Paar. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart - Wenn man einen geliebten Menschen vermisst, dann geschehen manchmal Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht erklären. So ist es neulich Hermann und Gloria Kranen widerfahren. Ihnen fehlt Ihr Sohn Riccardo, der vor einem Jahr in Stuttgart beim Jaguarunfall an der Rosensteinstraße ums Leben kam. „Wir lagen beide früh schon wach im Bett“, erzählt Hermann Kranen. „Die Schlafzimmertür war leicht offen. Da war dieses Geräusch, wie Riccardos Schritte, auf der Treppe. Er hatte so einen stapfenden Schritt“, sagt der Vater, steht auf und macht es vor. Tapp, tapp, tapp. „Riccardo kommt“, habe er ganz leise gesagt. Die Mutter Gloria neben ihm hörte es auch. Aber er kommt nicht mehr.

Riccardo und Jaquelines Schicksal hat vor einem Jahr die Stadt erschüttert. Mit mehr als 160 Stundenkilometern raste ein damals 19-Jähriger mit einem gemieteten Jaguar durch das Nordbahnhofviertel. Um 23.37 Uhr verlor er die Kontrolle, schleuderte beim Ufa-Kino über die Fahrbahn, krachte in den kleinen Citroën des jungen Paares. Sie haben keine Chance. Jaqui und Riccardo starben um 23.37 Uhr am 6. März 2019.

Am 6. März 2020 haben Hermann und Gloria Kranen zusammen mit Carmen und Olaf Blochel, Jaquis Eltern, einen schweren Gang vor sich. Um 23.37 Uhr gehen sie gemeinsam zur Unfallstelle. Dort haben sie eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. Ein Herz mit den Namen der Kinder und den Zeilen „Sinnlos aus dem Leben gerissen. Ihr fehlt“, liegt dort. Und es werden noch mehr Herzen an diesem Abend. Carmen und Olaf haben ein rotes Herz aus Rosen für ihre Jaqui mitgebracht. Gloria hat für Riccardo, „meinen Kuschelbär“, ein Herz aus weißen Blumen gesteckt. „Wir fühlen ihn hier. Es ist, als ob er nur ein paar Meter von mir entfernt steht“, sagt Hermann Kranen. Wie man einen Menschen wahrnimmt, der im gleichen Raum ist, auch wenn man ihn gerade nicht im Sichtfeld hat. Das geht beiden Elternpaaren so. „Auf dem Friedhof ist das anders, da fühlen wir das nicht“, sagt Hermann Kranen. Deswegen nehmen alle vier immer wieder die weiter Fahrt aus der Gegend von Düsseldorf nach Stuttgart auf sich.

An der Unfallstelle fühlen sich die Eltern ihren Kindern nah

„Er war so lieb. Wenn wir auf dem Sofa saßen, sagte er wir kuscheln jetzt. Und dann hat er sich an mich geschmiegt und ich hab ihn gedrückt“, erzählt Gloria Kranen. Von Jaqui war sie gleich begeistert. „Wenn Du meinen Jungen liebst, dann liebe ich Dich auch“, habe sie sie willkommen geheißen. Die Eltern der beiden lernten sich erst nach dem Tod kennen. Gemeinsam standen sie den Prozess gegen den Unfallfahrer durch, in dem Carmen Blochel erzählte, wie furchtbar still es in ihrem Leben geworden ist ohne die fröhliche Jaqui, die immer redete, lachte oder sang. Auch Blochels suchen die Nähe zu ihrem einzigen Kind an der Rosensteinstraße in Stuttgart. 407 Kilometer weit weg vom Grab in Düsseldorf.

Die modernen Medien lassen viele Möglichkeiten zu, dass man den Fehlenden noch einmal erlebt. „Man hat nicht nur Fotos´ sondern auch Filme“, sagt Hermann Kranen. „Das ist schön.“ Seine Frau Gloria klammert sich an Riccardos Stimme. „Ich hab seine Sprachnachrichten noch auf dem Handy, die kann ich hören“, sagt sie. „Mutter, ich komme heute Abend nicht, der Plan hat sich geändert. Aber morgen, morgen komme ich“, zitiert sie eine. Schüttelt dann den Kopf und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten: „Aber er kommt nicht mehr.“

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