Stuttgart-Dürrlewang Für eine Handvoll Pfennige mehr

Der Dürrlewanger Hans Martin Wörner weiß als gelernter Schriftsetzer genau, was dieses Zeichen bedeutet. Er weiß auch, wie dieser Schriftzug entstanden ist – und dass er schon sehr alt ist. Foto:  
Der Dürrlewanger Hans Martin Wörner weiß als gelernter Schriftsetzer genau, was dieses Zeichen bedeutet. Er weiß auch, wie dieser Schriftzug entstanden ist – und dass er schon sehr alt ist. Foto:  

Der Schriftsetzer Hans Martin Wörner erklärt den Inhalt eines Graffitos an der Dornhaldenstraße.

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Dürrlewang/Stuttgart-Süd - Auf den ersten Blick wirkt es wie Schmiererei. Irgendein Schriftzug, mit dem Pinsel an die Wand gemalt. Und Schmiererei ist es streng genommen auch – aber eine ganz besondere, eine, die die aufgebrachte Stimmung im Mai des Jahres 1963 zum Ausdruck bringt. Und damit ist es keine Schmiererei mehr, sondern ein wichtiges historisches Relikt.

Der Dürrlewanger Hans Martin Wörner weiß, in welchem Zusammenhang es dort hingelangte: „Wir sind hier in der Dornhaldenstraße, das ist eine Begrenzungsstraße vom ehemaligen Betriebsgelände der Stuttgarter Zeiss-Ikon-Werke, in der Kameras hergestellt wurden“, sagt er. „Man kann es heute nicht mehr so gut lesen, aber dort steht: 20 Pfennig und nicht weniger“, erklärt der Stuttgarter. „Das Zeichen hinter der Zahl bedeutet die Abkürzung für Pfennig. Es ist das kleine ‚p‘ der ehemaligen Kurrentschrift.“ Das weiß Hans Martin Wörner deshalb so genau, weil er Schriftsetzer gelernt hat. In der Zeit, in der der Schriftzug an der Hauswand entstand, war er Lehrling – bei einer Druckerei, deren Arbeiter bei der IG Druck und Papier organisiert waren. „Die Setzer und Drucker sahen die Metallarbeiter als Vorkämpfer. Die IG Metall forderte soziale Verbesserungen und mehr Lohn. In diesem Zusammenhang hat irgendjemand die Forderung nach 20 Pfennig mehr Lohn in der Stunde an die Wand geschrieben. Im Vorbeigehen quasi.“

270 000 Menschen waren von dem Streik betroffen

Der Streik 1963 erfasste ganz Baden-Württemberg. Hunderttausende in unzähligen Betrieben legten ihre Arbeit nieder, die Arbeitgeber reagierten mit einer sogenannten „Kalten Aussperrung”, von der insgesamt 270.000 Menschen betroffen waren. Das bedeutet, sie wurden ohne Lohnfortzahlung freigestellt.

Willi Bleicher (1907-1981) spielte eine zentrale Rolle: Der Gewerkschafter war in der NS-Zeit mehrere Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Als IG-Metallchef führte er den Streik um die Lohnerhöhung nicht nur an, sondern auch zum Erfolg. Auf der anderen Seite stand Hanns Martin Schleyer (1915-1977), der die Arbeitgeber vertrat. „Sie müssen sich vorstellen, der Ortschef der IG Metall Willi Bleicher, der im Dritten Reich im KZ gesessen hatte. Und auf der anderen Seite kämpfte der einstige SS-Mann Hanns Martin Schleyer. Da gab es von daher schon unheimlichen Ärger. Und mitten drin sind halt die Arbeiter gestanden“, kommentiert Wörner.

Der Chef war noch der Patron

Die Gewerkschaft bekam nun Zulauf: Viele Tausende, die bis dahin nicht in der IG Metall organisiert waren, wurden Mitglied in der Hoffnung, nun, da kein Lohn mehr gezahlt wurde, Unterstützung zu bekommen – trotz der eigentlich geltenden dreimonatigen Sperrfrist. Hans Martin Wörner sagt: „Trotzdem war der Streik vor allem ein Schaden für die Industrie. Die Streikkassen waren zum Glück gut gefüllt, sodass die Leute halbwegs über die Runden kamen, bis auf die, die nur kurze Zeit da waren – und das waren vor allem die Gastarbeiter. Es waren damals ja die ersten Italiener und Griechen da.“ Wörner, damals Lehrling, heute Pensionär, hat nicht gestreikt: „Wir hätten nicht streiken dürfen“, bekennt er. „Wir Lehrlinge wären auch gar nicht auf die Idee gekommen. Da war der Chef noch der Patron.“ Aber an die Stimmung erinnert er sich noch gut. „Es kämpften eben noch alte Klassenkämpfer. Die Gewerkschafter waren ja in der Nazi-Zeit verfolgt worden, und es brachte sie umso mehr auf, dass in gewissen Positionen in Politik und Wirtschaft immer noch Nazis saßen.“ Und er weiß auch, wie viel die 20 Pfennig Lohnerhöhung, welche die Arbeiter forderten und ihre Forderung eben auch mit dem Schriftzug an der Hauswand artikulierten, in jener Zeit waren: „Damals haben die bestbezahlten Leute fünf, höchstens sechs Mark die Stunde bekommen, da waren 20 Pfennig mehr dann halt schon was.“

Generell war die Stimmung gut

Die Arbeiter in Heslach haben ausgesprochen gern in dem Zeiss-Ikon-Contessa-Werk gearbeitet und generell sei die Stimmung gut gewesen: „Das war ein sehr soziales Unternehmen“, stellt Hans Martin Wörner fest. Die Arbeiter lebten teilweise im nahegelegenen und heute noch bestehenden „Eiernest“, das sind hinreißende kleine Häuschen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie mit der Pferdekutsche vom Bahn-Haltepunkt Heslach geholt und dort wieder hingebracht. „Die Unternehmer haben halt geschaut, dass sie Leute von den Fildern und aus dem Gäu zum Arbeiten herbekommen“, erzählt.

In den 60er-Jahren habe die Firma 4000 Beschäftigte gehabt. Neun Jahre existierte sie nach dem Streik noch, dann, 1972, schloss die Stuttgarter Niederlassung: „Das war natürlich das große Fiasko, dass die Firma verschlafen hat, rechtzeitig ihre Kameras in Funktion und Produktion auf Elektronik umzustellen“, sagt Wörner.




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