Stuttgart „Er war ein Stuttgarter von Anfang bis Ende“

Wäre das Coronavirus nicht gewesen, würde ihr Vater noch leben – da ist sich Dagmar Franck sicher. Herbert Wurst steckte sich in der zweiten Welle an und starb im Dezember mit 82 Jahren in Folge der Infektion. Als engagierter und heimatliebender Mensch bleibt er in Erinnerung.

Dieses Bild liegt seiner Tochter besonders am Herzen: Herbert Wurst mit dem für ihn typischen Lächeln an seinem letzten Geburtstag. Foto: privat
Dieses Bild liegt seiner Tochter besonders am Herzen: Herbert Wurst mit dem für ihn typischen Lächeln an seinem letzten Geburtstag. Foto: privat

Stuttgart - Anfang Dezember hat Dagmar Franck ihren Vater Herbert das letzte Mal gesehen. Damals brachte sie ihren Eltern im betreuten Wohnen in Filderstadt etwas vorbei. „Irgendetwas von der Bank“, erinnert sich die 55-Jährige heute. Sie trug eine Maske, um die beiden vor dem Coronavirus zu schützen. Ihr Vater stand in der Tür der Wohnung und winkte seiner Tochter zu. „Kommst du rein auf einen Kaffee?“, fragte der 82-Jährige. Seine Frau Renate schob ihn zurück: „Herbert, du weißt doch, das darf man gerade nicht.“

Trotz aller Vorsicht infizierte sich Herbert Wurst während der zweiten Welle im Krankenhaus mit dem Coronavirus. Drei Tage nach Heiligabend, am 27. Dezember, verstarb er im Alter von 82 Jahren. Auch seine Frau Renate Wurst steckte sich an, sie überlebte die Infektion. Ihr Vater habe zwar Vorerkrankungen gehabt, erklärt Dagmar Franck. „Aber er wäre zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch nicht gestorben.“ Sie möchte vom Leben und Sterben ihres Vaters erzählen, um ihn aus der Anonymität der Statistik der Verstorbenen herauszuheben. „Und ich weiß, es würde ihm gefallen“, so die 55-Jährige.

Seine große Leidenschaft waren Stadt- und Landesgeschichte

Herbert Wust wurde am 27. Juni 1938 in Stuttgart geboren. „Er war ein Stuttgarter von Anfang bis Ende“, erzählt Dagmar Franck. In seiner Jugend lernte er Renate kennen, sie war die jüngere Schwester eines Freundes. Durch die Tanzstunde seien die beiden dann schließlich zusammengekommen. Er war damals 17, sie 15. „Sie waren praktisch ihr Leben lang zusammen, da gab es niemand anderen“, schildert die Tochter heute. Die beiden heirateten 1963, zwei und vier Jahre später wurden ihre beiden Töchter geboren.

„Wir hatten eine glückliche Familie“, erinnert sich Franck. Ihr Vater habe sie und ihre Schwester immer unterstützt. Vor allem seine Leidenschaft für Stadt- und Landesgeschichte bleibt der 55-Jährigen in Erinnerung. Gemeinsam unternahm die Familie zahlreiche Ausflüge auf die Alb, besuchte dort Museen oder ging wandern. „Er hat uns dann von sämtlichen Kaisern und Königen erzählt“, erläutert Dagmar Franck und lacht. „Manchmal hatten wir nur mäßiges Interesse.“ Auch die eigene Familiengeschichte ließ ihren Vater nicht los: Über alte Kirchenbücher recherchierte er den Stammbaum der Familie Wurst.

Die Freiwillige Feuerwehr konnte auf Herbert Wurst zählen

Außerdem schrieb er die Entwicklung vom Amt für Abfallwirtschaft in Stuttgart auf. Denn dort arbeitete Herbert Wurst in der Buchhaltung fast sein ganzes Berufsleben lang. Er habe seinen Beruf sehr gemocht, schildert seine Tochter: „Immer, wenn er von Stuttgart geredet hat, war das seine Stadt.“ Mit Begeisterung sammelte ihr Vater auch alle Modelle von kleinen maßstabsgetreuen Autos der Stadt. „Und wenn es welche vom Werk nicht gab, hat er sie sich zusammengebastelt“, so Dagmar Franck mit einem Lachen.

Ihre Lieblingserinnerung an ihren Vater sind heute die Samstage, an denen er sie mit zur Jugendfeuerwehr genommen hat. Denn für diese war er bei der Freiwilligen Feuerwehr in Stuttgart-Münster zuständig – neben seinem Posten als Vize-Kommandant. „Er ist relativ früh eingetreten und war mit Herz und Seele dabei“, erzählt die 55-Jährige. Nach dem Umzug der Familie nach Birkach schloss er sich der dortigen Organisation an. Ihr Vater habe so viel Zeit in die Freiwillige Feuerwehr investiert, dass sie als Kind dachte, er arbeite dort und nicht bei der Stadt Stuttgart, schildert Dagmar Franck. „Er hat einfach alles 150-prozentig gemacht.“ Mehr als 40 Jahre lang engagierte sich Herbert Wurst bei der Feuerwehr, bis er schließlich für Einsätze zu alt war.

Im Krankenhaus mit dem Coronavirus angesteckt

Die letzten beiden Jahre haben Herbert und Renate Wurst im Betreuten Wohnen in Filderstadt verbracht. In dieser Zeit machte sich auch die zunehmende Demenz ihres Vaters stärker bemerkbar, wie Dagmar Franck erklärt. Ihr Vater habe daher auch oft vergessen, warum seit vergangen März niemand mehr ihre Wohnung betrat. Denn die Familie versuchte von Beginn der ersten Welle an, ihre Eltern abzuschotten, um sie vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Ihre Schwester habe eingekauft, sie selbst alles Bürokratische für sie erledigt, so Franck. Wenn die beiden Geschwister etwas vorbeibringen mussten, hätten sie immer eine Maske getragen und nur kurz gewunken. Nur im Sommer haben sie sich mit den Eltern im Freien getroffen und auch dann alle Vorsichtsmaßnahmen eingehalten, wie die 55-Jährige erzählt.

Herbert Wurst und seine Frau Renate infizierten sich trotzdem. Durch seine Demenz sei er nachts oft unruhig gewesen und in der Wohnung herumgelaufen, so Dagmar Franck. Eines Nachts stürzte er dabei und verletzte sich an der Hand. Ein Arzt entschied, dass er zum Nähen ins Krankenhaus gebracht werden sollte. Sowohl ein Schnelltest, als auch ein PCR-Test waren zu diesem Zeitpunkt noch negativ. Nach ein paar Tagen auf der Station bekam Herbert Wurst aber plötzlich Fieber. Ein weiterer Test zeigte, dass er sich inzwischen mit dem Coronavirus angesteckt hatte. Ihre Mutter sei dagegen negativ getestet worden, so Franck. „Das heißt, er hat sich im Krankenhaus infiziert.“

Auch mit Beatmung hatte er keine Chance

Herbert Wurst wurde auf die Covid-Station verlegt. Zu diesem Zeitpunkt ging es ihm noch relativ gut: Zusätzlich zum Fieber habe er nur leichten Husten gehabt, so die 55-Jährige. Ihr Vater bleib allerdings nicht lange auf der Station, denn auch dort sei er herumgelaufen. „Er wollte wahrscheinlich heim“, sagt seine Tochter. Da er einem Arzt zufolge dadurch Pflegepersonal und Patienten gefährden würde, kam er wieder nach Hause – gegen die Bedenken der Familie, dass er seine Frau anstecken könnte.

Renate Wurst versorgte ihren Mann und versuchte sich so gut wie möglich zu schützen. Kurz darauf hätten sie dann erreicht, dass er wieder ins Krankenhaus kommt, schildert Dagmar Franck. Zunächst nicht wegen Corona, sondern weil sich seine Probleme mit dem Herzen und den Nieren verschlechterten. Ein paar Tage später traf Herbert Wurst das Virus jedoch mit voller Wucht. „Es war eigentlich fast klar, dass er keine Chance hat“, erzählt seine Tochter. Sie habe zunächst noch darum gebeten, ihn beatmen zu lassen, wenn er die Krankheit überstehen könnte. „Aber sie haben dann gesagt, dass er es nicht überwinden wird, auch nicht mit Beatmung.“

Den Verlust zu begreifen fällt schwer

Als ihr klar wurde, dass ihr Vater nicht überleben würde, breitete sich eine tiefe innere Leere in ihr aus, so Franck. „Und zusätzlich haben wir uns große Sorgen um unsere Mutter gemacht.“ Denn auch bei ihr war mittlerweile der Corona-Test positiv, sie hatte sich schließlich doch bei ihrem Mann angesteckt. Besuchen durften sie und der Rest der Familie Herbert Wurst nicht mehr. Von einem Abschied per Telefon wurde abgeraten, da er sehr schwer atmete. „Der Arzt sagte zu mir, dass es eine Erinnerung wäre, die man nicht haben möchte“, erzählt Dagmar Franck. Drei Tage nach Heiligabend starb Herbert Wurst um 22.40 Uhr, eine Krankenschwester war bei ihm. Seine Frau überlebte die Infektion und kämpfte sich wieder ins Leben zurück. Sie und ihre beiden Töchtern brauchten lange, um den Verlust zu begreifen. „Erst Wochen danach gab es immer mal wieder Situationen, in denen es mir bewusst wurde“, erläutert Dagmar Franck.

Ein kalter, klarer Tag im Februar. Am Friedwald beim Schloss Hohenentringen versammelte sich die Familie zur Bestattung von Herbert Wurst. Alle fünf Enkel hielten eine kurze Rede, im Anschluss durften Dagmar Franck und ihre Schwester die Urne bis zum Grab tragen. „Das hatte etwas Versöhnliches“, erinnert sich die 55-Jährige. „Es war die Verabschiedung, die wir im Krankenhaus nicht hatten.“