„Stuttgart goes live“ Streamingkonzert verbindet die Kunstformen

Initiator von „Stuttgart goes live“ ist Cornelius Meister (oben) – hier beim Konzert in der Liederhalle. Am Ende des Abends legte der DJ Eric Bee im Perkins Park auf, und zwischendurch reimte der Slam-Poet Sebastian 23 (unten). Foto: Staatsoper/0711/Screenshot

Beim zweiten Streaming-Konzertabend „Stuttgart goes live“ haben sechs Institutionen Klassik, Jazz, Pop, Kunst und Literatur zusammengebracht. Spenden der Zuschauer gingen als Unterstützung an freischaffende Künstler.

Stuttgart - Was machst du, wenn die Tuba tabu ist, der Kontrabass ausgekontert? In seinem Studio steht der Poetry-Slammer Sebastian 23 und trifft mit seinen Reimen ins Herz des Problems. „Stuttgart goes live“ heißt der Abend, den die Staatsoper Stuttgart, vor allem in Person ihres Generalmusikdirektors Cornelius Meister, am Montag schon zum zweiten Mal initiiert hat, aber live ist bei dieser Veranstaltung nur der Stream. Weil die Coronaverordnungen den physischen Besuch von Kulturveranstaltungen nicht zulassen, sind die Zuschauerreihen im Beethovensaal und im Jazzklub Bix ebenso leer wie am späten Abend die Tanzfläche im Perkins Park, über der sich zu den fein gemixten Klängen von Eric Bee einsam eine Discokugel dreht. Der DJ singt mit, bedient gut gelaunt sein Mischpult, aber nur ein paar Veranstalter aus der Stuttgarter Clubszene hören ihm zu.

 

Zu erleben sind Geisterkonzerte in Geisterräumen, belebt nur von Künstlern, Tontechnikern und Kameraleuten, und live ist außerdem nicht alles. Schon vorab hat das Kunstmuseum Einblick in seine Ausstellung „Wände/Walls“ gegeben, und das Literaturhaus stellt das Hörbuch „Paris“ vor. Der ebenfalls vorab aufgezeichnete Beitrag des Poetry-Slammers ist in der Pause des Konzertes zu erleben, mit dem das Staatsorchester den Abend beginnt. „Stille Nacht“ heißt das Gedicht, das Sebastian 23 als erstes vorträgt und das klug zeigt, dass diese Veranstaltung wichtig ist: um das verordnete Schweigen (zumindest virtuell) zu brechen und um dem gefühlt ewigen Konjunktiv endlich mal wieder einen Indikativ entgegenzusetzen. Diese Art der Online-Präsentation ist zurzeit das „neue Live“.

Viktor Schoner, der doppelte Opernintendant

Wer als Vertreter der Presse das Privileg genießt, hinter die Kulissen des Livestreams schauen, also richtig live dabei sein zu dürfen, erlebt berührende und skurrile Momente. Skurriles ereignet sich, wenn man sein Smartphone zückt, sich in den Livestream hineinbegibt und die Bilder und Klänge vor Ort mit ihm abgleicht. Dann erlebt man Zeitverzögerungen. Und zum Beispiel einen doppelten Opernintendanten: einen Viktor Schoner, der in der Liederhalle freundlich grüßend an einem vorbeiläuft, und einen, der gleichzeitig auf dem Bildschirm als Moderator unterwegs ist.

Und wer auf der Homepage der Staatsoper die Möglichkeit nutzt, sich zum Chatten in ein virtuelles Foyer zu begeben, der verpasst womöglich den munteren, ebenfalls vorab aufgezeichneten zweiten Pausenbeitrag: In dem Gespräch, das Cornelius Meister mit dem Gründer der Stuttgarter KünstlerInnensoforthilfe, Joe Bauer, geführt hat, geht es um Hüte, Demokratie, Kultur, die große Welt in der kleinen und die Not der Freischaffenden. „Stuttgart goes live“ ist ein Benefizkonzert für sie.

Berührendes ereignet sich in den Konzerten. Im Bix musizieren drei Jazzer zusammen mit einem Streichquartett des Staatsorchesters und mit dem Fagottisten (und Saxofonisten) Libor Sima, der vielleicht coolsten Socke im SWR-Symphonieorchester. Sima, der auch zur Band in the Bix gehört, ist die Schnittstelle zwischen den Genres, und zu hören sind jetzt nicht nur zwei wunderschöne Stücke von ihm, sondern auch zwei Bearbeitungen – sogar des zweiten Satzes von Maurice Ravels Streichquartett. Inspiriertes und inspirierendes Miteinander, man hätte ewig bleiben mögen. Aber der streng programmierte Streamingparcours führt weiter zum Singer-Songwriter Tiemo Hauer, der – auch dieser Beitrag war vorab aufgezeichnet – im Laboratorium von Kindheit und Liebe singt.

Stuttgarter Staatsorchester in Bestform

Cornelius Meister selbst dirigiert ein packendes Konzert: Klänge für Feinschmecker gibt es in Manuel de Fallas „El amor brujo“-Suite und in den sinnlichen Streicherwelten von Kaija Saariahos „Terra memoria“ mit ihren zahlreichen Reibungen und Verschiebungen wie mit ihrem Wechsel zwischen mikroskopischer Detailschau und der Vogelperspektive etwa auf ein gewaltiges kollektives Abwärts-Glissando.

Schuberts „große“ C-Dur-Sinfonie (Nr. 8) schließlich erklingt vom sehr zügigen Beginn an in mustergültiger Klarheit und Kompromisslosigkeit, zügig, aber nie verhetzt, mit überlegt ausgearbeiteter Dramaturgie der Tempi und der Dynamik. Man hört exzellente Bläser, sehr homogene Streichergruppen, ausgefeilte Kontraste – und ein Finale mit tatsächlich himmlischen Längen.

Der Abend, hatte Meister vorab betont, solle mehr sein als bloß eine Abfolge reiner Konzert-Abfilmungen. Einen neuartigen, eigenständigen, filmischen Charakter solle „Stuttgart goes live“ haben und den Charakter eines „weltweiten Kulturhauses“ haben, in dem man sich, weil die Schwellen niedrig sind, frei zwischen unterschiedlichen Räumen (und Musiksparten) bewegen könne. Eine tolle, nachahmenswerte Idee – auch wenn die Tatsache, dass man bei jedem Orts- und Genrewechsel einen neuen Stream anklicken musste, dem Dabeibleiben ein wenig entgegenstand. Außerdem darf man bezweifeln, dass die Online-Besucher des Abends ähnlich offen waren wie der Generalmusikdirektor („Diesen altertümlichen Titel könnte man auch so interpretieren, dass ich die Aufgabe habe, viele in Stuttgart zusammenzuführen“). Jedenfalls nahmen die Teilnehmerzahlen im Verlauf kontinuierlich ab, bewegten sich von etwa 2000 beim Staatsorchester über 500 beim Bix bis hin zu nur knapp 100 im Livestream des Klub-Kollektivs. Aber, immerhin: endlich mal keine stille Nacht. Und ein starkes Argument gegen die Frage, die Sebastian 23 am Ende auch noch stellte: Wozu noch ein Ohr, wenn nicht mal Lautsprecher mehr laut sind?

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Video Stuttgart Tiemo Hauer