Stuttgart-Heslach Warum jiddische Musik nicht vergessen werden darf

Von Uli Meyer 

Klezmer hat eine lange Tradition und eine politische Botschaft, wie ein dreitägiges Festival in Stuttgart-Heslach zeigt. Das lockt sogar die Prominenz an.

Auftritt des Vokalensembles beim Festival für jüdische Musik. Foto: Uli Meyer 8 Bilder
Auftritt des Vokalensembles beim Festival für jüdische Musik. Foto: Uli Meyer

Heslach - Sie kennen sich seit gut 30 Jahren, waren Kumpels zu Tübinger Studentenzeiten. Auch wenn der Kontakt dann ein wenig loser wurde, aus den Augen haben sie sich nie verloren. Und so musste Cem Özdemir auch gar nicht lange überlegen, als er von Albert Kunze die Schirmherrschaft zum zweiten Festival über jüdische Musik angetragen bekam. Zumal es um ein Thema ging, das beiden am Herzen liegt. „Multikulturell ist unser beider Ansatz“, sagt Kunze und weiß, dass der bekannte Grünen-Politiker ein Verfechter der Vielfalt ist. Erst recht, wenn diese bedroht ist.

Es sei „ein kleines Wunder, dass dieses Festival hier stattfinden“ könne, betonte Schirmherr Özdemir in seiner Eröffnungsansprache in der Matthäuskirche in Stuttgart-Heslach. Schließlich waren die Nazis dabei, die Juden und ihre Kultur vollständig auszurotten. Erst in Deutschland und dann überall auf der Welt. Das sei zum Glück verhindert worden, aber es gebe auch in der Gegenwart wieder Bedrohungen. „Antisemitismus ist die widerlichste Form des Rassismus“, sagte Özdemir. Und die beste Antwort darauf sei, die großartige jüdische Kultur als Mosaikstein der Vielfalt zu pflegen und zu zelebrieren bei einer Veranstaltung wie dieser, so der Bundestagsabgeordnete, der sich selbst als „anatolischer Schwabe“ bezeichnet.

Das Jiddische hat Wurzeln im süddeutschen Raum

Albert Kunze besitzt schon lange eine Leidenschaft für jüdische Lieder und Jiddisch als eigenständige Sprache mit starken Wurzeln aus dem Süddeutschen. Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler hat sich mit der von ihm gegründeten Band ogynblik (zu deutsch: Augenblick) auf jiddisches Liedgut und Lyrik spezialisiert. „Von Mund zu Mund soll das Liedchen gehen“ – eine Zeile aus einem Liedtext war für den Organisator das Motto der Veranstaltung. Diese Art von Musik soll, so Kunze, „weiterwandern, auf dass sie nie vergessen wird“.

Wer ins Thema reinschnuppern oder einfach nur jüdische Musik und Schriften genießen wollte, der hatte von Freitagabend bis Sonntagabend in Heslach reichlich Gelegenheit. In der Matthäuskirche, im nahegelegenen Generationshaus und in der Café-Bar Chivasso gab es eine Menge Konzerte, Workshops, Filme, Vorträge, Buchpräsentationen und sogar Tanzpartys. „Der traditionelle Klezmer, wie er in den USA kultiviert wurde, zusammen mit modernen Rhythmen ist absolut tanzbar“, sagt Kunze.

Das Festival soll langsam weiter wachsen

Dieser sogenannte Elektro-Klezmer ist für ihn nur eine der „endlos vielen Perlen“, die jiddische Musik zu bieten habe. Eine weitere ist beispielsweise das Sephardische, das aus der jüdisch-spanischen Kultur stamme. Der Wechsel vom Melancholischen zum Fröhlichen, der die jiddische Musik kennzeichne, käme hier besonders zum Ausdruck.

„Es ist schon eine Nummer größer geworden“, vergleicht Albert Kunze die zweite Auflage seines Festivals mit dem Debüt vor zwei Jahren. Kunze und seinem Verein Connect, eine Gruppierung Kunst-, Musik- und Tanzbegeisterter und Kulturschaffender aus der Region Neckar-Alb-Donau, als Veranstalter ist daran gelegen, dass sich das Festival verstetigen und langsam weiterwachsen möge. Mit einem wie Cem Özdemir als Zugpferd ist man da auf gutem Weg.

Sonderthemen