Bernsteinstraße Stuttgart-Heumaden Pionier-Klinik wird zehn Jahre alt

Von Caroline Holowiecki 

Die Tagesklinik Bernsteinstraße hat den zehnten Geburtstag gefeiert. Hatte es anfangs Proteste gegeben, weil der Einrichtung ein Kindergarten weichen musste, fällt sie heute kaum noch jemandem auf. In Fachkreisen ist das Gegenteil der Fall. Die Wartelisten sind lang.

Kunsttherapeutin Claudia Dreizler, Therapiehund Dolly und Tyler Foto: Holowiecki
Kunsttherapeutin Claudia Dreizler, Therapiehund Dolly und Tyler Foto: Holowiecki

Heumaden - Kein Geburtstag ohne Glückwünsche, Ständchen und Konfetti. Auch bei der Tagesklinik Bernsteinstraße ging’s nicht ohne. Am Freitag feierte diese ihr zehnjähriges Bestehen, und die anwesenden Kinder wünschten dem Haus und seinem Team, dass sie so bleiben, wie sie sind, dass alle sich wohlfühlen – und dass es endlich Star-Wars-Spielzeug gibt. So weit, so normal. Aber die Einrichtung in Heumaden ist nicht wie jede andere. Sie ist die erste Tagesklinik für Kinder mit Beeinträchtigungen in Deutschland. Das Angebot richtet sich an Patienten ab fünf Jahren bis zur Volljährigkeit mit Verhaltensauffälligkeiten, mit psychischer Erkrankung oder Behinderungen.

Die Diagnosen reichen von schweren Aufmerksamkeits- und Entwicklungsstörungen über Depressionen bis hin zu Autismus. 20 teilstationäre Plätze bietet das Haus. Das heißt, die jungen Patienten verbringen den Tag in Heumaden, werden dort medizinisch und therapeutisch betreut und fahren danach nach Hause. Das helfe sowohl dem Kind als auch den Eltern, sagt Simone Schillings, die Assistentin der Geschäftsführung.

Die Warteliste ist dauerhaft zweistellig

Der Radius liegt bei einer Stunde Fahrt – und der Bedarf ist groß, die Warteliste dauerhaft zweistellig. 735 Kinder wurden in den zehn Jahren dortbehandelt, im Schnitt blieben sie 50 Tage. Viele Familien hatten da schon Odysseen hinter sich.

Ein mehr als 20-köpfiges Team aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Psychotherapie, Pädagogik, Pflege oder Psychomotorik kümmert sich um die zwei durchmischten Gruppen à zehn Kinder. Claudia Dreizler ist eine von ihnen. Die Kunsttherapeutin hilft jenen, die verbal Schwierigkeiten haben, sich in Bildern auszudrücken. Wo sie nicht weiterkommt, hilft ihre Beagle-Mix-Hündin Dolly. Die ist der Star in der Tagesklinik, „und manchmal auch ein Türöffner, etwa für autistische Kinder“. Eine weitere Besonderheit: Angebunden an die Tagesklinik ist eine Schule, laut Martin Menzel, einem der Geschäftsführer, die kleinste Schule Baden-Württembergs.

So harmonisch, wie alles im kunterbunten Haus wirkt, war es nicht immer. Die Tagesklinik sitzt in einem ehemaligen katholischen Gemeindezentrum, einst gab es dort zwei Kindergartengruppen. Als diese auszogen, führte das zu erheblichen Protesten, so Martin Menzel. 800 Bürger marschierten auf – nicht, um gegen die Klinik zu demonstrieren, sondern für den Erhalt des Kindergartens. Heute sei das Verhältnis zur Nachbarschaft gut, und auch wenn die Klinik von wenigen wahrgenommen wird, im Bezirk unterwegs sind die Kinder oft, sei es auf dem Weg zur Jugendfarm oder zum Schwimmbad. „Wir sind Teil des Stadtteils“, sagt Simone Schillings.

Sie mussten viele Erfahrungen zum ersten Mal machen

Es scheint, als habe sich die Tagesklinik, die in der Trägerschaft der Liebenau Kliniken gGmbH und der Mariaberger Fachkliniken gGmbH ist, gefunden. Da es keine Vorbilder gab, mussten die Erfahrungen in Heumaden selbst gemacht werden. „Von Anfang an stand im Vordergrund, dass wir improvisieren“, erinnert sich Heide Schröder-Kranz, die leitende Oberärztin. Manche Schwierigkeiten seien geblieben. Etwa das Grundproblem, dass die Psychiatrie bis heute einer Stigmatisierung unterliege. Auch, dass das Team, wider Erwarten mancher Eltern, nicht über Zauberkräfte verfüge, sei manchmal schwer. „Wir sind zunehmend mit Kindern konfrontiert, die haltlos sind“, sagt Schröder-Kranz. Sebastian Schlaich, ebenfalls Geschäftsführer, sieht Häuser wie seines dennoch als Zukunftsmodell. „Es wird nur unter der Möglichkeit spezifischer Unterstützung gehen“, sagt er angesichts der aktuellen Inklusionsdebatte. Und die Tagesklinik hat neue Ziele. In Richtung schwer geistig und körperlich Behinderter will man sich öffnen. Das Problem ist der Platz. Schon jetzt bräuchte es eigentlich drei kleinere Gruppen, um den Kindern gerecht zu werden. Nach zehn Jahren ist die Tagesklinik ihren Kinderschuhen längst entwachsen.

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