Stuttgart im August 2021 Der Anfang vom Ende des Sommers

August 2021 am Feuersee: Jetzt wieder ohne Mauersegler. Foto: Björn Springorum
August 2021 am Feuersee: Jetzt wieder ohne Mauersegler. Foto: Björn Springorum

Die Mauersegler haben Stuttgart verlassen, ihr Gesang ist verstummt. Für unseren Autor ist das ein untrügliches Zeichen, dass ein Sommer zu Ende geht, der noch gar nicht richtig angefangen hat. Deshalb hat er sich für die last Days of Summer noch ein bisschen was vorgenommen.

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Stuttgart – Jedes Jahr im Frühling stehe ich ungeduldig auf meinem Balkon, suche den Himmel ab, warte. Wann? Wann kommen sie denn endlich? Sobald sie da sind, sobald sie sich todesmutig durch die Häuserschluchten stürzen, weiß ich: Der Sommer ist endlich da. Die Mauersegler sind zurückgekehrt! Die verbringen doch tatsächlich ihr ganzes Leben im Flug. Schlafen, futtern, paaren, alles findet in der Luft statt. Ein erstaunlicher Vogel, den man gern mal mit der Schwalbe verwechselt.

Die Extradosis "Carpe Diem"

Für ein paar Monate jeden Sommer fliegt er aus Afrika zu uns nach Europa, saust eine Weile auch durch den Stuttgarter Westen; dann, irgendwann ab Anfang August, wird seine Zahl wieder kleiner. Anfangs merkt man es nicht, zu viele von ihnen flattern morgens und abends aufgeregt durch die Gegend. Gestern war es dann soweit: Ich stehe wieder auf dem Balkon, einen Kaffee in der Hand. Und sehe keinen einzigen Mauersegler. Es trifft mich jedes Jahr wie ein Schlag. Sie sind schon wieder abgezogen, haben die lange Reise in ihr Winterquartier südlich der Sahara angetreten. Melancholie in ihrer reinsten Form.

"Zurück bleibe ich, allein auf dem Balkon. Der Sommer, er ist schon auf Abschiedstournee."

Das ist in einem verregneten Jahr wie diesem natürlich besonders bitter. Sollte aber nicht zu Resignation und Verzweiflung führen. Im Gegenteil: Der Abschied der Mauersegler ist wie ein Weckruf zu einer Extradosis "Carpe Diem".

Jetzt gilt: Jeder Sonnenstrahl wird ausgekostet, jede trockene Phase in irgendeinem Außenbereich verbracht – Restaurant, Bar, Café, meinetwegen auch Parkbank.

Bucket-List für einen sterbenden Sommer

Instinktiv lege ich mir eine Liste an. Voll von Dingen, die ich diesen Sommer unbedingt noch erledigt haben will. Wie ein Schulkind in der letzten Woche der Sommerferien. Oder eben wie Bart Simpson in der Folge „Last Day Of Summer“. Während ich also das bittersüße Gefühl ignoriere, dass es abends schon merklich früher dunkel wird, dass es schneller abkühlt, mache ich noch mal das große Sommerfass in Stuttgart auf. Wohl wissend, dass die Hälfte der Stadt auch in diesem Jahr irgendwo im Ausland Urlaub macht und uns im Stich lässt. Puh.

Sommer ist, was man draus macht!

Egal, keine Zeit, mich darüber zu ärgern. Ich habe viel zu tun: Viel zu früh mit einem Feierabendbier am Feuersee starten, unterm Baum im Biergarten des O‘Reillys Irish Pubs die Zeit verhocken, Tischtennis am Paul-Gerhardt-Platz spielen, bis ich den Ball nicht mehr sehen kann. Sommer ist ja eben irgendwie auch, was man draus macht. Also morgens um acht ins Höhenfreibad Killesberg, so leer wie bei 17 Grad ist es dort im August nie. Nehmt das, Pauschalreisende!

Der letzte Akt – Summertime Sadness

Während die Mauersegler mit halb Stuttgart also auf dem Weg in den Süden sind, der Sonne hinterher, mache ich einfach Urlaub in der Stadt und sehe dem Sommer bei seinem letzten Akt zu. Beobachte ganz bewusst, wie sich die Jahreszeit wandelt. Wie Pflanzen blühen und verblühen, wie das Gras wächst, wie sich das Laub langsam verfärbt.

"Wir schaffen das schon, Stuttgart und ich!"

Ich fahre nicht weg, ich flüchte nicht, ich bleibe der Stadt treu. Wir schaffen das schon zusammen, Stuttgart und ich. Bin mir sicher, dass noch einige echt warme Tage kommen, an denen ich viel zu lange am Goldmark‘s sitze. Meine Stammkneipen haben es verdient, dass ich ihnen auch jetzt, in der Ferienzeit, die Stange halte. Außerdem habe ich ja sogar noch Konzertkarten, ganz konkret für Liam Gallagher auf dem Schlossplatz. Das geht auch bei Regen. Liam zumindest ist das eh gewöhnt.

Im Herbst können wir dann stolz sagen: Ja, das war schon eher ein sehr durchwachsener Sommer („durchwachsen“ verwendet man nur bei Fleisch und Wetter). Aber wir waren zusammen. Und das ist alles, was zählt – zumindest bis die Mauersegler wiederkommen. Dann zählen wieder nur sie.




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