Die Stadt im Zeichen des Coronavirus Stuttgart zeigt Charakter

Eines von vielen Beispielen von Solidarität in Stuttgart: junge Musiker spielen am Robert-Bosch-Krankenhaus für Patienten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In der Extremsituation der Coronakrise verhält sich die Stadtgesellschaft meist extrem solidarisch, beobachtet Lokalchef Jan Sellner

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Es ist angebracht, über das zu sprechen, was unter dem Eindruck der Corona-Krise an dieser Stadt besonders heraussticht. Über das Beste an Stuttgart. Seine Menschen!

 

Wo anfangen? Natürlich bei den Pflegerinnen und Pflegern, bei den Krankenschwestern und Ärztinnen und Ärzten. Oder auch bei Frauen, wie der 23-jährigen Lisa Weixler. Seit fünf Monaten wohnt sie im Ordenskonvent im Haus der Katholischen Kirche. Zusammen mit drei anderen Ordensschwestern war sie zwei Tage lang in der Innenstadt unterwegs, um Flugblätter in die Briefkästen älterer Menschen zu werfen, die zur Domgemeinde St. Eberhard gehören. Sie bieten an, mit Ehrenamtlichen aus der Gemeinde Lebensmitteleinkäufe zu übernehmen und Medikamente aus der Apotheke zu holen. „Es gehört zu unserem Auftrag, Menschen zu helfen und gerade auch in schwierigen Situationen und Zeiten da zu sein“, sagt die junge Frau.

Wo weitermachen? Bei den Obertürkheimer und Uhlbacher Pfadfindern von St. Franziskus zum Beispiel. Fünf Mädchen und zwei Jungen zwischen 13 und 16 Jahren übernehmen dort Besorgungen für Menschen, die zu Risikogruppen gehören. Jeden Tag eine gute Tat, lautet das Pfadfindermotto. In Corona-Zeiten verwandelt sich die Einzahl in Mehrzahl: Jeden Tag viele gute Taten!

Stuttgart spielt die „Ode an die Freude“

So geht das weiter: Im Stuttgarter Norden und Westen übernehmen Ministrantinnen und Ministranten Einkäufe. In den Kirchengemeinden Salvator (Giebel), St. Monika (Feuerbach) und St. Theresia (Weilimdorf) kümmern sich Ehrenamtliche um Alleinstehende. Es geht um praktische Hilfe und um Ansprache. Dem dient auch eine Aktion der evangelischen Kirche: Von Mittwoch an verbreitet sie jeweils um 12 Uhr „Zuversicht-Clips“. Jeden Abend um 19 Uhr singen Menschen in Stuttgart auf Balkonen „Der Mond ist aufgegangen“.

Überhaupt die Musik: Nach dem Vorbild Italiens haben sich die Mitglieder der Stuttgarter Philharmoniker, des Kammerorchester und des Staatsorchesters für Sonntagabend, 18 Uhr, verabredet, um von zu Hause aus zeitgleich Beethovens „Ode an die Freude“ zu spielen. Ganz Stuttgart ist eingeladen einzustimmen. Es lohnt auch, einen Blick in Richtung Robert-Bosch-Krankenhaus zu werfen: Dort spielen junge Musiker des Stuttgarter Vereins Yehudi Menuhin Live Music Now in Hörweite der Kranken. Nicht weniger beachtenswert: eine private Initiative, die sich um Soforthilfe für Stuttgarter Künstler, Kostümbildner, Beleuchter und Tontechniker bemüht, die um ihre Existenz fürchten.

Stuttgart zeigt Charakter

Das sind nur einige Beispiel dafür, wie die Stadtgesellschaft in der Corona-Krise reagiert und was sie der Bedrohung mental entgegensetzt. Es ist eine Extremsituation, ja, und Stuttgart zeigt sich darin extrem solidarisch. Das Grundgefühl des gedanklichen Zusammenstehens drückt sich nicht nur in Aktionen der vorbildlich handelnden Kirchengemeinden, kulturellen Einrichtungen und Vereinen aus. Überall findet in diesen Tagen kleinteilige Nachbarschaftshilfe statt, verabreden sich Bürger jeden Alters für gute Zwecke und bilden menschliche Stützen. Das verleiht Stuttgart Charakter. Ellenbogen-Typen, die es es natürlich auch gibt, sehen gerade besonders alt aus.

jan.sellner@stzn.de

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